Montag , 5. Dezember 2022
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Mit Farbtöpfen und Spraydosen drückte Henning Jeschke an das Zentralgebäude der Leuphana seinen Protest aus. (Foto: krt)

Leuphana: Bewährung für den Klimaktivisten

Das Amtsgericht Lüneburg verurteilt einen 22-jährigen Studenten wegen der Farb-Attacken auf den Libeskind-Bau. Doch der sieht die Tat als angemessen zur Gefahrenabwehr an, während die Universität auf Schadenersatz drängt. 

Lüneburg. 2021 war für Henning Jeschke ein einschneidendes Jahr. Der Klimaaktivist und Lüneburger Leuphana-Student war im September in Berlin in einem Hungerstreik getreten, um ein Treffen mit Bundeskanzler Olaf Scholz zu erreichen. Zuvor war er im Kampf ums Klima mehrmals mit Aktionen auf dem Uni-Campus aufgefallen. Zwei Aktionen haben nun Konsequenzen für den Studenten: Wegen der Farb-Attacken auf den Libeskind-Bau wurde er vom Lüneburger Amtsgericht zu einer "Verwarnung mit Strafvorbehalt" verurteilt. Sollte der 22-Jährige erneut eine solche oder ähnliche Tat begehen, wird eine Strafe von 100 Tagessätzen zu jeweils 5 Euro fällig. Zudem müsste er 60 Sozialstunden ableisten.

Sofortiges Handeln gegen den Klimakollaps

Im vergangenen Juni hatte Jeschke das Zentralgebäude mit schwarzer Farbe "verziert", knapp einen Monat später benutzte er Farbe in Orange. Er wolle die Uni-Leitung zum sofortigen Handeln gegen den Klimakollaps bewegen, hatte er damals begründet.

Jeschke kritisierte, dass die Uni weiterhin Konten bei der NordLB führt, obwohl diese in klimaschädliche Gasprojekte investiere. Der Politikstudent betonte in seiner Mitteilung: "Der Ozean brennt. Riesige Überschwemmungen reißen alles mit sich. Die Wälder verrecken. Der Boden stirbt. Das Wasser wird knapp. Wenn wir jetzt keinen Widerstand leisten, gehen wir drauf." Er wolle so lange weiter in Aktion treten, bis der notwendige Bankenwechsel vollzogen sei.

Investitionen in Kohle und Gas

Nun will er gegen das Urteil des Amtsgerichts Rechtsmittel einlegen. Er beruft sich dabei auf Paragraf 34 des Strafgesetzbuches. Dort heißt es: Wer eine Straftat begeht, um damit eine Gefahr zum Beispiel für sein Leben oder seine Freiheit abzuwenden, darf deswegen nicht bestraft werden. Voraussetzung ist allerdings, dass die Tat zur Gefahrenabwehr angemessen, also verhältnismäßig war. Jeschke sieht das genau so. Er beruft sich auch auf die Energieexpertin Claudia Kempfert, die betont hatte, das Gas spätestens seit dem Ukraine-Krieg keine Brückentechnologie mehr sei.

Tatsächlich kritisieren Studenten seit Jahren, dass die Leuphana ihr Geld bei der NordLB anlegt. Vielen bereitet zudem die Überweisung der Semestergebühren ein ungutes Gefühl – es fließt auf das Konto der Leuphana bei dieser Bank. Dass die NordLB mit den Leuphana-Einlagen auch in Kohle und Gas investiere, passe nicht zur nachhaltigen Ausrichtung der Hochschule.

Senat und Präsidium arbeiten an mehr Nachhaltigkeit

Senat und Präsidium setzten sich Ende Juli zusammen und gaben eine gemeinsame Erklärung ab: Das Präsidium arbeite bereits seit "rund zwei Jahren" daran, auch bei den Universitätsfinanzen mehr Nachhaltigkeit zu etablieren. Und: "Der Senat unterstützt die Bemühungen und bittet das Präsidium um weitere Behandlung des Themas nachhaltige Finanzen im Rahmen der zuständigen Senatskommissionen."

Jeschkes Protestaktionen wurden hingegen seitens der Hochschule „auf das Schärfste“ verurteilt und angezeigt. Für die durch die Beseitigung der Schäden entstandenen Kosten fordert die Leuphana Schadenersatz – nach Informationen der LZ fast 15.000 Euro. Jeschke bestätigte die Summe. „Ein Gerichtsvollzieher war schon bei mir“, sagt er. Aber auch der hätte gesehen, dass er diese Summe nicht bezahlen könne.

Wie geht es nun weiter für den Studenten? Er war damals nicht nur des Gebäudes, sondern des gesamten Campus verwiesen worden, Präsenz-Veranstaltungen kann er also nicht besuchen. Aber seinen Kampf um das Klima will er nicht aufgeben.

Von Werner Kolbe

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