Montag , 5. Dezember 2022
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An der Kreuzung Vor dem Neuen Tore/Dörnbergstraße wünscht sich Katja Diehl einen Kreisel. (Foto: t&w)

Mit Video: Unterwegs mit Mobilitätsexpertin Katja Diehl

Die Mobilitätsexpertin Katja Diehl erläutert in ihrem Buch "Autokorrektur" wie Mobilität für alle funktioniert. Bei einem Spaziergang durch Lüneburg entdeckt sie einige positive, aber auch einige aus ihrer Sicht negative Beispiele.

Lüneburg. Die Mobilitätsexpertin und Podcasterin Katja Diehl möchte, dass jeder Mensch die Wahl hat, ein Leben ohne eigenes Auto führen zu können. Wie das gehen soll, beschreibt sie in ihrem Spiegel-Bestseller „Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt“. Einige Details erläutert sie bei einer Fahrradtour durch Lüneburg.

Autokorrektur – schon allein wegen dieses Titels wird Katja Diehl oft nachgesagt, sie würde Autos hassen. „Interessant“, findet sie das. Und ein Zeichen dafür, wie sehr das Auto verehrt wird, so dass jede Kritik daran von manchen als Hass interpretiert wird. Dabei möchte Diehl nicht einmal, dass vollständig aufs Auto verzichtet wird. Allerdings gelte es, den Individualverkehr im Auto zu reduzieren. Zum Wohl aller: Fußgänger, Radfahrer, Menschen mit Behinderungen, Autofahrer, Klima.

Deutschlandweit mit Menschen über Mobilität gesprochen

Diehl hat deutschlandweit mit Menschen über deren Mobilität gesprochen. Sie hat sie gefragt, wie sie mobil sind, und was sie sich dafür wünschen. Darunter Rollstuhlfahrer, Familien, Senioren, Menschen mit Migrationshintergrund, mit Führerschein und ohne. Ihr ist aufgefallen: „Die meisten nutzen das Auto nicht, weil sie es möchten, sondern weil sie es müssen.“

Eine weitere Erkenntnis: „So sehr sie sich unterscheiden, so einig sind sie sich in ihrem Wunsch nach Mobilität, die ihnen Sicherheit, Barrierefreiheit, Bezahlbarkeit, Verfügbarkeit und Wahlfreiheit bietet. Sie wollen auch Auto fahren können, aber es eben nicht müssen, um am Leben teil haben zu können.“

Weniger Autos, mehr Bus, Bahn und Fußverkehr

Diehl betont, es sei deshalb wichtig, sich in der Verkehrsplanung an den Bedürfnissen dieser Menschen – darunter einige "Minderheiten" – zu orientieren, und eben nicht an der vermeintlichen Mehrheit: „Es gibt 14 Millionen Menschen ohne Führerschein in Deutschland, prekär Verdienende haben den geringsten Autobesitz bei uns, weil ein Auto für manche schlicht zu teuer ist“, erläutert sie auch mit dem Ziel, die für den Klimaschutz so wichtige Mobilitätswende zeitnah umzusetzen: weniger Autos, mehr Bus, Bahn, Fußverkehr und Fahrradfahrer.

Durch die Ausrichtung auf das Auto gebe es kaum andere Möglichkeiten, den zumeist durchgetakteten Alltag zu bewältigen. Und: „Mobilität ist eine Routine, über die du nicht täglich nachdenkst, sondern du machst das, was du gestern gemacht hast auch heute.“ Hier gelte es, aufzuzeigen, wie eine Stadt gestaltet werden kann, die sich nicht am Verkehrsfluss des Autos, sondern an den Menschen orientiere, betont Diehl. Sie möchte zudem erreichen, dass diejenigen, die sich andere Mobilitätsformen wünschen, lauter werden und ihre Rechte einfordern.

Auto ist ein Statussymbol

Den Grund für die bislang fehlende Mobilitätswende sieht sie auch in uns selbst: „Ein Auto ist das teuerste Statussymbol, das du mitnehmen kannst. Und bis heute gilt das Narrativ: ‚Wer es geschafft hat, kauft sich ein Auto.‘“ Dafür gebe es noch kein Substitut. Sie hat dafür aber einen Vorschlag: „Zeit zu haben wäre ein guter Ersatz.“ Wie sehr ihre Ideen anregen, zeigen Zahlen: Kurz nach dem Treffen in Lüneburg stand Katja Diehls „Autokorrektur“ auf Platz 5 der Spiegel-Beststellerliste.

Ein Spaziergang durch Lüneburg

Die Mobilitätsexpertin Katja Diehl hat auf ihrer kurzen Tour mit dem Fahrrad durch Lüneburg einige positive, aber auch einige aus ihrer Sicht negative Beispiele gefunden. Die LZ bat die Stadtverwaltung um Stellungnahmen.

Start am Bahnhof

Das sagt Katja Diehl:

Wir begrüßen die Expertin auf dem Vorplatz am Bahnhof. Sie ist mit dem Zug und ihrem Faltrad aus Hamburg angereist und bereit für eine zweistündige Tour de Lüneburg. „Hier sind alle Mobilitätsarten sichtbar und gut zu erreichen“, sagt sie mit dem Blick auf die Parkhäuser fürs Fahrrad, die Mietfahrräder, die Bushaltestellen, die Taxis, die Park & Ride-Fläche, die Parkplätze und natürlich den Bahnhof. Auch die Möglichkeiten fürs kurzfristige Anschließen von Fahrrädern auf der Fläche vor dem Eingang lobt sie.

Sie lässt den Blick einen Moment schweifen. „Wie kommen denn hier die Rollstuhlfahrer und Menschen mit Kinderwagen auf die Gleise?“, fragt sie und bemängelt ein deutlich sichtbares Leitsystem, das sich auf den ersten Blick erschließt. Das fehle auch für Menschen mit Sehbehinderung und Blinde.

Das sagt die Stadt:

Aus Sicht der Verwaltung sind die Fahrstühle an den Gleisen 1 und 5 deutlich gekennzeichnet. Zudem befindet sich am ZOB ein Blindenleitsystem, welches den Weg zum Haupteingang des Bahnhofs weist. Dort angekommen und durch die Bahnhofshalle gelaufen, finden sich an Gleis 1 entsprechende Leitsysteme ebenfalls zum Auffinden eines Fahrkartenautomaten, der Treppenanlage zu den anderen Gleisen und dem Fahrstuhl.

Der barrierefreie Zugang zum Bahnhofsgebäude, mit einem Rollstuhl oder einem Kinderwagen, kann derzeit nur erfolgen, indem – um den Bahnhof herum – direkt das Gleis 1 angesteuert und das Gebäude durch den Hintereingang betreten wird. Dies entspricht nicht dem Anspruch der Stadt von einem gleichberechtigen barrierefreien Zugang. Daher wird die Stadt gemeinsam mit der DB eine Rampe zum Hauptportal des Gebäudes bauen, die sicherstellt, dass der Bahnhof deutlich erkennbar ohne Barrieren erreicht werden kann. Eine Umsetzung ist noch für dieses Jahr geplant.

Bahnhofstraße Richtung Stint

Das sagt Katja Diehl:

Wir fahren mit den Rädern die Bahnhofstraße hinunter, folgen der Bleckeder Landstraße Richtung Stint. Als unangenehm bewertet sie die Strecke, etwa die Kreuzung an der Bahnhofstraße, an der Fahrradfahrer wegen der vielen Autos Mühe haben, abzubiegen. Mitten auf dem Radweg an der Lünertorstraße parkt ein Dachdecker seinen Lieferwagen. Kommentare dazu kommentieren die Handwerker mit Achselzucken.

Das sagt die Stadt:

Radfahrer, die vom Bahnhof kommen, haben eine eigene Aufstelltasche, von der sie den Autoverkehr sehr gut einsehen können und sich somit angemessen einordnen können. Die Situation wird seitens der Stadt nicht als gefährlich oder nachteilig angesehen. Auf der Bleckeder Landstraße von Osten kommend wird der Radverkehr auf einem derzeit noch schmalen Radweg geführt, zum Einbiegen in die Bahnhofstraße gibt es eine entsprechende Bordsteinabsenkung. Auch hier kann eine ausgeprägte Gefährdungslage durch die Stadt nicht festgestellt werden. Eine Neuordnung dieses Gebietes ist aber mit Bezug auf das Bahnhofsumfeld und die Verkehrsführung in der Bleckeder Straße vorgesehen.

"Auf dem Kauf" bis zum Marienplatz

Das sagt Katja Diehl:

Weiter geht es über „Auf dem Kauf“ und Rosenstraße zum Rathaus an den Marienplatz. Auch hier findet Diehl die Verkehrsführung für Radfahrer unübersichtlich, die Straße zum Graalwall für ein entspanntes Miteinander viel zu schmal. Immerhin, auf dem breiten Radweg Am Graalwall entspannt sich die Lage, ebenso im kleinen Park entlang Neuetorstraße.

Das sagt die Stadt:

Die Einbahnstraße Auf dem Kauf wird demnächst für den Radverkehr in Gegenrichtung freigegeben. Für diese Maßnahme werden die neun Parkplätze in der Straße weichen. Die Situation in der Rosenstraße wird mit der kommenden Umstellung der Busfahrpläne verbessert. Auf der Egersdorffstraße wurde abschnittsweise ein Schutzstreifen in Regelbreite (1,5 Meter) eingerichtet. Die Lichtsignalanlage an der Kreuzung Am Graalwall / Bastionstraße ist mit einem Sensor ausgestattet, welcher Radfahrer erkennt und daraufhin eine Grünphase anmeldet.

"Vor dem Neuen Tore“

Das sagt Katja Diehl:

Kaum sind wir am Ende des kleinen Parks bei „Vor dem Neuen Tore“ angelangt, stutzt Diehl. „Das ist ein Radweg?“, fragt sie ungläubig und staunt noch mehr bei der Erläuterung, dass es ein Fußweg sei, den Fahrradfahrer auch nutzen dürfen. In beide Richtungen. An der Kreuzung zur Dörnbergstraße ist ihre Verwunderung noch gestiegen. Hier verbirgt ein in den Fußweg ragendes Gebüsch die Sicht für die Nutzer des kombinierten Fußwegs. Zudem sorgen die vielen Pfähle für Ampeln und Schilder für Unübersichtlichkeit. Fahrradfahrer und Fußgänger gequetscht auf wenige Meter – für die Autos gibt es hingegen sogar eine Linksabbiegerspur. Diehl schüttelt den Kopf. Hier würde sie bereits jetzt Tempo 30 vorschreiben, um den Druck herauszunehmen. Auf dem kombinierten Fuß-Radweg könne niemand entspannt auf die nächste Grünphase warten, wenn jemand vorbei muss. Und wie würde sie die Situation entspannen? Kurze Antwort: „Mit einem Kreisverkehr.“ Dann ergänzt sie: „Der würde für einen besseren Verkehrsfluss sorgen, Fahrradfahrer könnten auf einer eigenen Spur entspannt fahren, auch wenn sie dann eine längere Strecke hätten.“ Hinzu käme ein Fußweg. Jetzt aber sei alles zu eng und biete Gefährdungspotenzial für alle, die durch dieses Nadelöhr müssen.

Das sagt die Stadt:

Das Problem An der Kreuzung Vor dem Neuen Tore/Dörnbergstraße ist der Stadt bekannt. Derzeit werden gute und für alle verträgliche Lösungen gesucht und erarbeitet. Ziel ist es, den Engpass schnell radverkehrsfreundlich umzugestalten. Aufgrund der hohen Verkehrsbelastung der Landesstraße 216, der notwendigen Breiten und der Eigentumsverhältnisse ist die Situation leider nicht einfach. Die Machbarkeit eines Kreisverkehrs als eine mögliche Alternative wird derzeit geprüft. Hier spielen insbesondere die beengten Platzverhältnisse eine Rolle, die offensichtlich auch Frau Diehl anerkennt. Den Linksabbieger in den Schnellenberger Weg gibt es, da dies mit etwa 5600 Bewegungen eine viel befahrene Wegebeziehung des Stadtringes ist und damit eine der drei Hauptbeziehungen dieses Knotens darstellt. Eine Reduzierung der erlaubten Geschwindigkeit auf 30 km/h ist auf der Landestraße nach den einschlägigen Vorschriften der StVO nicht zulässig. Die Hansestadt setzt sich aber dafür ein, den Kommunen mehr Entscheidungsfreiheit über die Verkehrssteuerung zu geben, welche derzeit mit der StVO im Bundesrecht geregelt ist.

Vom Grasweg in die Jägerstraße

Das sagt Katja Diehl:

Weiter geht es über den Grasweg zur nächsten Station. Hier bietet sich eine gefährliche Szene: Ein Radfahrer biegt vom Grasweg in die Jägerstraße ein. Er fährt korrekt auf dem auf der Fahrbahn markierten Fahrradweg und wird trotzdem vom Busfahrer angehupt. Der kann nicht vorbei. Die Spur ist zu eng zwischen Fahrrad und Gegenverkehr, um die vorgeschriebenen 1,50 Meter Abstand einzuhalten. Diehl fasst ihren Eindruck von der Kreuzung in ein Wort: „Anstrengend.“ Darunter fallen einige Details, wie die aufgemalten Fahrradwege. „Die können weg. Die sind viel zu schmal und suggerieren Autofahrern, dass sie vorbeidürfen, obwohl der Abstand viel zu eng ist.“ Von der Jägerstraße kommend irritiert die Ampelschaltung für Radfahrende. Während die vordere Ampel noch rot ist, zeigt die auf der gegenüberliegenden Seite bereits grün. Erst nach längerem Hinsehen wird klar, dass das den linksabbiegenden Radfahrern geschuldet ist, die vom Grasweg kommen. Aber was gilt hier? Auch diese Situation würde Katja Diehl mit einem Kreisverkehr lösen. Zumal hier mehr Platz ist als an der Kreuzung Vor dem Neuen Tore.

Das sagt die Stadt:

Es handelt sich bei dem beschriebenen Weg auf der Jägerstraße nicht um einen Fahrradweg, sondern um einen Schutzstreifen. Dieser wurde mit einer, nach aktuellem Standard, Mindestbreite von 1,25 Metern ausgeführt. Der Radverkehr an der Lichtsignalanlage wird an der angegebenen Stelle der Kreuzung auf der Straße geführt, somit ist es auch eindeutig, dass die Signalisierung für den Straßenbereich gilt und nicht die Fuß-Rad-Ampel weiter vorn. Die Begründung dieser Schaltung ist genau jene dann auch anschließend geschilderte. Durch die Signalisierung sollte aber klar sein, wer fahren darf.

Ein Kreisverkehr ist hier bisher noch nicht geplant worden, räumlich ist es eng, aber vorstellbar. Kosten und Nutzen müssen neben den verkehrlichen Vor- oder Nachteilen zudem geprüft werden. Angesichts der Haushaltslage und der personellen Kapazitäten muss die Stadt auch Schwerpunkte setzen. Hier scheint eine Lösung für die „Rewe“-Kreuzung eindeutig dringlicher.

Von Marie-Luise Braun

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