Dienstag , 6. Dezember 2022
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Die Gewerkschaften machen zum 1. Mai mobil (v.l.): Matthias Richter-Steinke (DGB), Lennard Aldag (IG Metall), Urte Gräper (GEW) und Steffen Lübbert (NGG). (Foto: be)
Die Gewerkschaften machen zum 1. Mai mobil (v.l.): Matthias Richter-Steinke (DGB), Lennard Aldag (IG Metall), Urte Gräper (GEW) und Steffen Lübbert (NGG). (Foto: be)

Gewerkschaften zum 1. Mai: Für mehr Miteinander im Umbruch

Eine Botschaft des Friedens und der Solidarität wollen die Gewerkschaften am 1. Mai in diesen Zeiten des Krieges und der Pandemie aussenden. Auch in Lüneburg gehen sie auf die Straße. Ein Gespräch vorab über ihre Ziele.

Lüneburg. Zeiten des Krieges und der Pandemie halten aus Sicht der Gewerkschaften eine bittere Lehre parat: Frieden, Gerechtigkeit und sozialer Zusammenhalt sind nicht der Normalfall, sondern müssen immer wieder erkämpft werden. Ein solidarisches Miteinander ist dabei die Waffe der Gewerkschaften. "GeMAInsam Zukunft gestalten" lautet das Motto zum diesjährigen Tag der Arbeit. Am 1. Mai entrollen die Gewerkschafter um 10 Uhr vor dem Theater Lüneburg ihre Banner, ziehen dann zum Lambertiplatz, wo Jan Orbach von verdi die Rede zum Maifeiertag halten wird.

Krieg als Argument gegen Mindestlohn

Transparente mit dem Slogan "Nie wieder Krieg!" dürften dabei auch zu sehen sein. Russlands Invasion in der Ukraine beeinträchtigt aber auch die konkrete gewerkschaftliche Arbeit vor Ort, wie Steffen Lübbert von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) berichtet: "Schon jetzt stehen wir in Abwehrkämpfen, weil Arbeitgeber sagen, dass wir uns die am 1. Oktober anstehende Erhöhung des Mindestlohnes auf 12 Euro in Kriegszeiten nicht leisten könnten." Die dahinter stehende Denkschule bringt den Metaller Lennard Aldag auf die Barrikaden: "Immer wieder wird die Behauptung aufgewärmt, dass der Mindestlohn Jobs vernichtet. Das ist hanebüchener Unsinn." Dr. Matthias Richter-Steinke vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) will sich den "Erfolg der Gewerkschaften" nicht madig machen lassen: "Das kommt Millionen Menschen im Land – besonders Frauen – zugute."

Kritik an der Umsetzung der Corona-Bonus für Pflegekräfte

Kritisch sieht Robert Kirschner (verdi), wie der von der Gewerkschaft geforderte Corona-Bonus umgesetzt wurde. "Etliche Beschäftigte sollen von der Prämie ausgeschlossen werden. Sogar auf Intensivstationen würde differenziert, je nach Ausbildungsstand." Nach zwei Jahren Pandemie "brennt die Hütte" im Gesundheitswesen, sagt Kirschner. So laufe das beabsichtigte Zeichen der Wertschätzung ins Leere. Das Hauptthema der Beschäftigten im Lüneburger Klinikum sei die dringend nötige Entlastung. Wegen des Fachkräftemangels seien Stationen unterbesetzt. "In Deutschland kommt eine Pflegefachkraft auf 13 Patienten, damit hinken wir in Europa hinterher", sagt Kirschner. In anderen Kliniken sei ein Belastungsausgleich verabredet worden, der in Form von Freizeit oder Geld genommen werden könne. "Das wäre auch in Lüneburg ein gutes Ziel", sagt Kirschner. Stolz ist er, dass verdi für die Beschäftigten der Korian-Gruppe, die auch in Lüneburg ein Altenheim betreibt, eine Verbesserung der Gehälter erreichen konnte. "Das liegt daran, dass mehr als 50 Prozent der Beschäftigten verdi-Mitglieder sind."

Lohnerhöhungen sollen Inflation ausgleichen

Die anstehenden Tarifrunden dürften konfrontativ werden, vermuten die Gewerkschafter – auch wegen der durch den Krieg ins Galoppieren kommenden Inflation. "Seit 2018 gab es bei uns keine linearen Lohnerhöhungen mehr", sagt Lennard Aldag. "Wer mit 2200 Euro netto am Ende des Jahres eine saftige Nachzahlung leisten muss, braucht einen effektiven Ausgleich." Mehr Geld war aber auch nicht in den Branchen ein Selbstgänger, die von Corona profitierten, wie etwa die Lebensmittelsparte, berichtet Lübbert: "Nie mussten wir so häufig streiken wie in der Pandemie."

Urte Gräper von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft vermisst "Respekt für Bildung und die Arbeit der Lehrer". Statt die Leistung der Lehrkräfte in der Pandemie anzuerkennen, "wird bei uns immer noch draufgesattelt. Kein Wunder, dass die Krankenstände hochgehen." Sorgen bereitet der Lehrerin, die an der Christianischule arbeitet, die Verengung des Blickwinkels mancher Eltern, die für ihre Sprösslinge nur Abi und Studium akzeptieren wollen.

"Das ist ein surrealer Wahn", assistiert Aldag, "wenn derjenige keine Wertschätzung erhält, der ins Handwerk oder die Gastronomie geht, braucht man sich über Fachkräftemangel nicht wundern". Sonntagsreden aus der Politik ärgern ihn in diesem Zusammenhang: "Wenn dort mehr Wertschätzung für Pfleger oder Kassierer gefordert wird, ist das Heuchelei, so wie die öffentliche Hand ihre Beschäftigten in Tarifrunden bekämpft."

Der Aderlass im Hotel- und Gaststättengewerbe sei in Corona-Zeiten enorm gewesen, sagt Steffen Lübbert. "Ein Drittel der Beschäftigten wanderten ab, auch weil die Arbeitgeber lange eine kräftige Lohnerhöhung verweigerten."

Betroffene der Transformation beim Wandel mitnehmen

Beim Blick auf die Tarife dürfe aber nicht das Abfedern der Transformation der Gesellschaft aus den Augen verloren gehen, mahnt Richter-Steinke. "Das Land muss in die regionale Verkehrsinfrastruktur investieren, damit die Verkehrswende gelingt." Aldag erinnert daran, dass die Mobilitätswende in Lüneburg am Bilmer Berg Hunderte Menschen betrifft, die mit Pkw ihren Unterhalt bestreiten. "Die soziale Frage der Klimawende darf nicht ignoriert werden. Ebenso wenig die berechtigte Existenzangst Betroffener." Sonst verliere man diese Menschen für die Demokratie.

Ein Szenario, dem sich die Gewerkschaften entgegenstemmen wollen. Auch wieder am 1. Mai.

Von Joachim Zießler

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