Freitag , 2. Dezember 2022
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Dr. Sabine Mahncke im Kreise von Mitarbeitern der Klinik in Masanga, Auszubildenden und internationalen Kollegen
Dr. Sabine Mahncke im Kreise von Mitarbeitern der Klinik in Masanga, Auszubildenden und internationalen Kollegen. (Foto: privat)

Lüneburger Ärztin im Einsatz für kranke Kinder in Sierra Leone

Die Lüneburger Ärztin Dr. Sabine Mahncke war erneut für den Verein German Doctors in Sierra Leone ehrenamtlich im Einsatz – und zwar in einer Klinik in Masanga. Dort bildete sie Studentinnen und Studenten in Kinderheilkunde aus. Denn in dem westafrikanischen Land herrscht ein massiver Mangel an Kinderärzten – dabei werden diese dringend gebraucht.

Lüneburg. Sierra Leone im Westen Afrikas zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Das staatliche Gesundheitswesen ist unzureichend ausgebaut, die Gesundheitsversorgung erfolgt zum Teil durch Nichtregierungsorganisationen. Unter anderem über den Verein German Doctors sind auch deutsche Medizinerinnen und Mediziner in Kliniken ehrenamtlich im Einsatz. Eine von ihnen ist die Lüneburger Kinderärztin Dr. Sabine Mahncke, die bis vor kurzem sechs Wochen in einer Klinik in Masanga gearbeitet hat, diesmal als Ausbilderin von Studierenden in der Kinderheilkunde. Das Ausbildungsprogramm haben die German Doctors gemeinsam mit der gemeinnützigen humanitären Organisation CapaCare in Absprache mit dem Gesundheitsministerium des westafrikanischen Landes nach langen Verhandlungen im August 2021 auf den Weg gebracht.

Das Krankenhaus liegt mitten im Dschungel

Es ist bereits das dritte Mal, dass Dr. Sabine Mahncke, Leitende Oberärztin der Kinderklinik im Lüneburger Klinikum, für die international tätige Nichtregierungsorganisation im Einsatz ist. Um sechs Wochen in Sierra Leone tätig sein zu können, hat sie ihre Überstunden in der Lüneburger Klinik eingesetzt, die Kosten für Flüge, Visum etc. anteilig übernommen. Nachdem sie zuvor auf der Kinderstation des Krankenhauses in Serabu tätig war, ging die Reise diesmal ins Krankenhaus von Masanga, das mitten im Dschungel liegt – 3 Stunden entfernt von der Hauptstadt Freetown und eine halbe Stunde entfernt von der nächsten asphaltierten Straße.

Anlaufstelle für 50.000 Menschen in der Region

Das Haus mit 120 Betten ist laut Dr. Mahncke Anlaufstelle für 50.000 Menschen in der Region, wenn es um die chirurgische, geburtshilfliche oder pädiatrische Versorgung geht. Verschiedene Organisationen unterstützen das Krankenhaus seit vielen Jahren, CapaCare, eine holländisch-norwegische Organisation hat bereits vor 10 Jahren eine chirurgische Ausbildung für Community Health Officer (CHO, zu deutsch: Gesundheitsbeauftragte) begonnen. Ein Ausbildungsprogramm speziell in Kinderheilkunde kam nun dazu.

Medizinische Versorgung von Kindern katastrophal

Die medizinische Versorgung von Kindern in Sierra Leone ist katastrophal. "Auf drei Millionen Kinder kommen gerade mal zehn Kinderärzte und die arbeiten fast alle in der Hauptstadt", berichtet Dr. Mahncke. Dabei werden sie dringend gebraucht. Viele Kinder sind unterernährt, leiden unter Tuberkulose, Malaria, sind Opfer von Viruserkrankungen wie dem Lassa-Fieber und brauchen medizinische Versorgung, nicht nur in den großen Städten, sondern vor allem auch im ländlichen Raum. Deshalb ist Ausbildung wichtig. Neben den Ärzten gibt es Medical Officer, die zwei Jahre an einem College studiert haben. Anschließend spezialisieren sie sich in den Bereichen Chirurgie, Innere Medizin oder Kinderheilkunde und schließen die Ausbildung mit dem Bachelor ab.

Kinderstation hat 22 Betten

Fünf Studierende, die bis Ende des Jahres einen ersten Theorie-Teil absolviert hatten, haben Anfang 2022 ihre Praxis-Ausbildung begonnen, drei davon in Masanga. Dr. Mahncke begleitete sie bei der täglichen Arbeit auf der Kinderstation, führte Fallbesprechungen durch, übernahm aber bei Bedarf auch selbst die Versorgung von kleinen Patienten. 22 Betten hat die Station, drei davon für Neugeborene. Alle waren ständig belegt.

Kein Geld, keine Therapie

Kommen Kinder, oft von weit her, in die Klinik, "ist immer eine Betreuungsperson dabei", sagt die Lüneburger Medizinerin. "Diese sorgt für Essen und saubere Wäsche und besorgt die Medikamente. Denn die Klinik stellt nur das Bett und in bestimmten Fällen eine kostenlose medizinische Versorgung." Der Grund: Im staatlichen Gesundheitswesen werden nur die Kosten für Kinder bis 5 Jahre, Schwangere und an Tuberkulose- oder HIV-Erkrankte übernommen und auch hier nur für eine eingeschränkte Auswahl an Medikamenten. Das kann zur Folge haben: Wer kein Geld hat, bekommt auch keine Therapie. Bitter, wenn eine OP gebraucht wird, die Eltern kein Geld dafür haben und außerdem nur operiert werden kann, wenn es dafür auch einen Blutspender gibt.

"Es ist sehr anders, man lernt das deutsche Versicherungswesen sehr zu schätzen", antwortet Dr. Mahncke auf die Frage, wie sie damit umgeht. Aber sie macht auch deutlich, dass man in Sierra Leone den Tod als einen Teil des Lebens annimmt. "Es ist eine Alltagserfahrung, anders als bei uns in Deutschland, wo die Erwartungen an die Medizin sehr hoch sind."

Zwei Kinder mit hoch ansteckendem Lassa-Fieber

Angespannt war die Lage in Masanga, als zwei Kinder mit dem lebensbedrohlichen, hoch ansteckenden Lassa-Virus in die Klinik kamen. Sie wurden isoliert. Eine sicher wirksame Therapie gibt es nicht, letztlich starben beide Kinder. Im Rahmen des Ausbruchsmanagements wurden Kontakte nachverfolgt, Betten gesperrt … Eine Krankenschwester, ein Student und ein Laborant mussten in Quarantäne, eine weitere Ansteckung gab es glücklicherweise nicht.

In Westafrika wird Hunger-Katastrophe befürchtet

Wieder zurück in Deutschland, ist Dr. Mahncke in Gedanken noch oft in Masanga. Sie befürchtet, dass der Ukrainekrieg auch für Sierra Leone massive Folgen haben wird. Corona und die Klimakrise haben die Lebensgbedingungen bereits deutlich verschlechtert und zu erheblichen Preissteigerungen geführt. „Der Krieg hat das noch verschärft, weil Sierra Leone zum Beispiel Öl aus Russland und Weizen aus der Ukraine bekommt. In Westafrika wird aufgrund der Abhängigkeit von Importen mit einer Verschärfung der Hunger-Katastrophe gerechnet."

Mit Projekt wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet

Auch wenn die medizinischen Möglichkeiten ihre Grenzen haben und die Lebensbedingungen ganz anders sind, schätzt Dr. Mahncke die Zeit in der Klinik. "Es ist sinnvolle Basisarbeit, während in Deutschland unsere Arbeit mit erheblichem bürokratischen Aufwand verbunden ist." Das Spannende an Masanga sei, dass man über die Fachgrenzen hinweg mit den anderen internationalen Kollegen zusammenarbeite und man – im Dienst – sowohl für Kinder als auch für erwachsene Patienten zuständig sei. "Ich wäre gerne noch länger geblieben. Ich stelle jedes Mal fest, dass ich außer meiner Familie wenig vermisse. Es ist eine andere Welt. Und mit dem Projekt in Masanga wird ein Stück Hilfe zur Selbsthilfe geleistet, es werden nicht nur einzelne Studierende qualifiziert sondern auch bessere Standards für die Versorgung der Kinder im Krankenhaus gesetzt."

Von Antje Schäfer

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