Sonntag , 4. Dezember 2022
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Eiche in Lüdershausen
Bürgermeister Helmut Kowalik (l.) und Lars Rapöhn schauen sich an der alten Eiche um. (Foto: t&w)

Alte Eiche spendet neues Leben in Lüdershausen

Eigentlich sollte die alte Eiche an der Neetze in Lüdershausen gefällt werden. Doch sie durfte stehen bleiben und trägt jetzt als Höhlenbaum zur Artenvielfalt bei. Die ersten Tiere wurden bereits gesichtet.

Lüdershausen. Lebensraum für viele verschiedene Bewohner spendet eine alte knorrige Eiche an der Neetze in Lüdershausen, die eigentlich längst nicht mehr stehen sollte. Ein Gutachter hatte die Fällung empfohlen, weil ein Wurzelschaden die Standfestigkeit des etwa 80 Jahre alten Baumes gefährdet. Doch als die Gemeinde Brietlingen die Arbeiten vorbereiten wollte, habe sich Protest geregt, berichtet Bürgermeister Helmut Kowalik (SPD). „Rund ein Dutzend Bürger war dagegen, dass die ortsbildprägende Eiche fällt“, sagt er. Das Argument stieß auf offene Ohren, der Griff zur Säge unterblieb.

Stattdessen nahm sich der Gemeinderat der Zukunft der alten Eiche an. „Wir hatten drei Optionen: Fällen, zurückschneiden, aus der Eiche einen Habitatbaum machen – die Mehrheit sprach sich für letzteres aus“, erklärt Kowalik. Die Eiche durfte somit am Ufer der Neetze stehen bleiben, Baumexperte Lars Rapöhn und sein Mitarbeiter Stefan Joecke, ein zertifizierter Sachkundiger für Baum- und Habitatstrukturen, bearbeiteten diese fachgerecht.

Weißstorch bereits gesichtet

Mit der Motorsäge verwandelte das Duo sie in einen Biotopbaum, der nun seinen Beitrag als sogenannter Höhlenbaum zur Artenvielfalt leistet. Er ist Lebensraum und Ruhezone unter anderem für Spechte, Garten-, Baum- und Siebenschläfer, Baum- und Steinmarder oder Hohltauben. Zu weiteren Bewohnern zählen Insekten wie beispielsweise Käfer. Er ist darüber hinaus natürlicher Zufluchtsort, Brut-, Überwinterungs- oder Nahrungsplatz.

„Wir haben die Krone entfernt, das ist wichtig für die Standsicherheit des Baumes“, erläutert Rapöhn. Den Stamm in luftiger Höhe hat längst ein gefiederter Gast für sich entdeckt: „Da oben saß schon ein Weißstorch“, erzählen er und der Bürgermeister.

Zufluchtsort, Brut-, Überwinterungs- oder Nahrungsplatz

Mit speziellen Schnitten seien künstliche Nisthöhlen zum Beispiel für Fledermäuse und Eichhörnchen angelegt worden. Diese erinnern tatsächlich an Nistkästen für Vögel. „Wir haben Deckel in die Rinde geschnitten – dahinter liegen Höhlen für Fledermäuse.“

Zudem sei eine künstliche Blitzrinne geschaffen worden, in der sich eine Vielzahl an Arten ansiedeln kann. „Bruchstellen an den großen Ästen haben wir künstlich herbeigeführt. Diese sind wichtig für die Bildung von Mikroorganismen wie Pilze“, sagt Lars Rapöhn.

Es gibt auch Kritik an dem Projekt

Inzwischen treibt der alte Baum an einigen Ästen wieder aus, es sprießen derzeit grüne Blätter. „Die Eiche ist nicht tot“, betont er. „Die kippt nicht um – sie hat durch die entfernten Äste und Blätter keine Angriffsfläche mehr für den Wind.“ Überdies sei nach wie vor genug Wurzelholz vorhanden, der Stamm nicht hohl und die verbliebenen Äste seien stabil.

Helmut Kowalik meint, mit dem Erhalt der alten Eiche gehe die Gemeinde mal einen anderen Weg. „Das ist einen Versuch wert“, sagt er. Doch nicht jeder im Ort kann dem Projekt etwas abgewinnen und sieht in dem Erhalt des alten Baumes und dessen Umwandlung in einen Biotopbaum keine sinnvolle Maßnahme.

Eine Info-Tafel sei in Arbeit, an der sich Interessierte später über den Habitatbaum und seine Bewohner informieren können, ergänzt der Bürgermeister. Weiterhin hat der Verwaltungsausschuss der Gemeinde beschlossen, dass in unmittelbarer nähe der Eiche eine Ersatzbepflanzung vorgenommen wird.

Von Stefan Bohlmann

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