Montag , 5. Dezember 2022
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Timeloberg
Die Ukraine war in den Gedanker aller dabei, als sie zur Gedenkfeier auf dem Timeloberg zusammenkamen. (Foto: be)

Wenn Krieg das Gedenken am Timeloberg überlagert

Tiefe Nachdenklichkeit statt Erinnerungsrituale. Die Gedenkveranstaltung zur Kapitulation deutscher Truppen vor den britischen vor 77 Jahren wurde vom ungewollt aktuellen Bezug geprägt – dem Ukraine-Krieg.

Wendisch Evern. 77 Jahre, nachdem die Waffen in Nordwesteuropa zum Schweigen gebracht wurden, wird in Osteuropa gebombt, um Grenzen zu verschieben. Somit bekam die zentrale Gedenkveranstaltung zum Kriegsende am Timeloberg an diesem Mittwochabend einen bedrückend aktuellen Bezug.

Kein Redner versäumte es, auf den russischen Eroberungsfeldzug in der Ukraine hinzuweisen. Der 1945 übermächtige Wunsch: "Nie wieder Krieg!", verewigt auf dem 1995 errichteten Gedenkstein, wird nur anderthalb Flugstunden von hier entfernt ignoriert. Grund genug, vor den Gedenkstein eine kleine ukrainische Flagge zu platzieren.

"Stoppt den Krieg"

Rainer Leppel, Bürgermeister von Wendisch Evern, sagte: "Was würden wir dafür geben, wenn auch die Ukrainer bald das Glück und die Hoffnung erleben dürfen, die der 4. Mai 1945 ausgelöst hat."

Dr. Dirk Hagener von der Projektgruppe Timeloberg freute sich besonders über die Beteiligung von Schülern des Gymnasiums Herning in Dänemark und von Gymnasiasten der Herderschule an der Feier, damit die Erinnerung und das Gedenken weitergetragen werden können.

Landrat Jens Böther sagte, dass "Frieden und Freiheit nicht verhandelbar sind". Notwendig sei nun, die drei Worte auf dem Gedenkstein um drei weitere zu ergänzen: "Stoppt den Krieg!"

Bürgermeisterin Hiltrud Lotze erinnerte daran, wie viele sich in der Hoffnung geirrt haben, dass die Menschheit geläutert sei, schloss aber optimistisch: "Frieden und Freiheit lassen sich nicht auf Dauer unterdrücken."

Kerzen in den dänischen Fenstern

Drei Schülerinnen vom dänischen Gymnasium Herning betonten, dass "andere die Sicherheit und den Frieden, den wir in Dänemark genießen, für uns hart erkämpft haben". Sie berichteten von der Tradition im Nachbarland, am Abend des 4. Mai Kerzen in die Fenster zu stellen in Erinnerung des Abends vor 77 Jahren, "als das Licht nach Dänemark zurückkam".

Christoph von Friedeburg, der Enkel des Generaladmirals Hans-Georg von Friedeburg, der am 4. Mai 1945 um 18.30 Uhr seine Unterschrift unter die Teilkapitulation setzte, erkennt in dem aktuellen Krieg viele Mechanismen, die auch seinen Großvater das nationalsozialistische Regime mittragen ließ: aggressive Nationalstaatlichkeit und ein Konkurrenzdenken gegenüber den Nachbarn etwa. Sein Großvater hatte sich wenige Tage nach der Kapitulation und nach seiner Verhaftung durch britische Militärpolizisten das Leben genommen.

Gymnasiasten der Herderschule boten eine Performance, trugen Schilder mit den Worten "Macht", "Krieg" und "Angst", skandierten "Krieg macht Angst", aber auch: "Macht Angst Krieg?"

Aus Feinden wurden Freunde

Zwei dänische Schülerinnen lasen die Rede des erkrankten dänischen Generalkonsuls in Hamburg, Jacob Andersen, vor, der seine Hoffnung ausdrückte, dass auch die Ukrainer bald Kerzen des Friedens aufstellen können.

Simon Hirst, der britische Militärattaché in Berlin, zeigte an seiner Familiengeschichte auf, wie in Europa aus Feinden Verbündete und Freunde wurden. Sein deutscher und sein englischer Urgroßvater kämpften im Ersten Weltkrieg in der Panzerschlacht von Cambrai auf gegnerischen Seiten. Sein Onkel Jack Hirst zog als "Desert Rat" unweit des Timelobergs Richtung Hamburg, während sein deutscher Onkel Erich Schmidt in Gefangenschaft ging.

Auch nach 1945 kein Tag ohne Krieg

Der niederländische Künstler Jan Balyon mahnte, dass seit dem ersten Schritt zum Frieden in Europa vor 77 Jahren weltweit kein einziger Tag ohne Krieg verging. Ein Grund mehr, an diesem Tag über Freiheit und Unfreiheit nachzudenken.

Oberstleutnant Martin Mittmesser vom Aufklärungslehrbataillon 3 nahm den Ball von Simon Hirst auf, betonte, dass es keine Selbstverständlichkeit sei, dass er als Vertreter deutscher Streitkräfte an diesem Tag die Veranstaltung mitgestalten könne. Einem deutschen Offizier, der große Teile seiner Ausbildung auf der Insel absolviert hat. "Der Weg der Versöhnung begann auch hier, aber die so fern scheinenden Konflikte sind sehr nahe."

Daniel Gebauer untermalte die nachdenklich stimmende Veranstaltung mit Klängen seines Saxofons.

Von Joachim Zießler

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