Dienstag , 6. Dezember 2022
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Neandertaler
Die Nachbildung eines älteren Neandertalers steht im Neanderthal-Museum bei Mettmann. (Foto: dpa/rnd)

Flexible Neandertaler im Wendland

In den Museen begegnet uns der Neandertaler meist als eiszeitlicher Steppenjäger. Doch er konnte durchaus wärmere Zwischenphasen schätzen, wie Forschungen im wendländischen Lichtenberg zeigten. Mit beteiligt an den Forschungen ist Brigitte Urban, Professorin der Leuphana. Ein Besuch in ihrem Labor.

Lüneburg. Was hat der Neandertaler schon hinter sich, was wir noch vor uns haben? Er musste sich an Klimawandel anpassen. Und vor etwa 120.000 Jahren zeigte er ganz in der Nachbarschaft, im wendländischen Lichtenberg, dass er auch mit hohen Temperaturen zurecht kam – auch mit solchen, die auf uns noch warten.

Brigitte Urban, Professorin an der Leuphana, gehört zu einem multidisziplinären Forscherteam, das die Geschichte der Neandertaler in Lichtenberg, dem bisher nördlichsten Fundort, rekonstruiert. Jetzt konnten sie und ihre Kollegen nachweisen, dass die Neandertaler des Nordens den See am Rande einer Seen- und Feuchtgebietslandschaft besonders schätzten, der dort lag, wo heute Lichtenberg liegt. „Im Abstand von etwa 20.000 Jahren kamen sie immer wieder her, in sehr warmen, gemäßigten und kalten Zeiten.“

See-Sedimente als stumme Zeugen

Bohrungen verhelfen Prof. Urban zu neuen Erkenntnissen. Die Ökologin und ihre Mitstreiter*innen rammen dabei ein Bohrgestänge tiefer als zehn Meter in den Boden. In drei bis vier Meter Tiefe fänden sich bereits die Sedimente, die sich vor etwa 70.000 Jahren in und am Rande des Sees ablagerten, als die letzte Eiszeit mit Macht nahte, erläutert Urban. In fünf bis sechs Meter Tiefe könnten dagegen Ablagerungen aus der endenden Eem-Warmzeit vor 120.000 Jahren analysiert werden, eine Phase in der die Durchschnittstemperaturen denen entsprachen, die uns für das spätere 21. Jahrhundert prognostiziert werden.

Neandertaler in einer Warmzeit? In Museen wird der ausgestorbene Vetter, dessen Gene sich noch zu etwa zwei Prozent in den heutigen Europäern wiederfinden, meist als Großwildjäger in eiszeitlichen Kältesteppen dargestellt. „Tatsächlich war er sehr flexibel“, betont Prof. Urban. „In der Eem-Warmzeit war das hier ein relativ liebliches Land. Dicht bewaldet. Vielleicht am ehesten vergleichbar heute mit dem Białowieża-Urwald in Polen, in dem heute noch Wisente leben. Vielleicht war es in dem dichten Wald sogar leichter, Beute zu machen als in der kahlen Steppe.“ Waldelefanten, Waldnashörner und Damhirsche dürften damals auf dem Neandertaler-Speiseplan gestanden haben.

Mit dem Mikroskop in die Eiszeit

Wie kann man so etwas aus dem Schlamm von heute herauslesen? Professorin Urban beugt sich in ihrem Labor zusammen mit ihren studentischen Mitarbeiterinnen über einen aufgeschnittenen Bohrkern. Dunkle Streifen deuten auf organische Sedimente wärmerer Zeiten hin, wissen die Usbekin Sabrina Davletkildeeva und die Amerikanerin Lauren Anderson, helle Sande kamen eher unter kaltzeitlichen Bedingungen in den See. Unterm Mikroskop zeigen Pollen und andere Pflanzenteile den Wissenschaftlerinnen, in welcher Umwelt die Neandertaler im Wendland jagten.

Vor 70.000 Jahren stellten sie vermutlich in offener Strauchtundra aus Polarweiden, Zwergbirken und Wacholder Rentieren nach, wenn die auf ihren Wanderungen nach Süden kamen. Mit Keilmessern aus Feuerstein zerlegten sie die Beute. Die Bedingungen waren so hart, dass auch die Menschen wandern mussten. Vor 90.000 Jahren konnten die Neandertaler länger an dem See verweilen, Tieren an der Tränke auflauern. Das Klima hatte sich nach einem Kälteeinbruch am Ende der Eem-Zeit wieder erholt und es war erneut wärmer. Schilf säumte den See, darum standen Kiefern, Birken, Erlen, Fichten und Lärchen. „Die Eem-Warmzeit dagegen zeigt uns, wie es bei uns aussehen könnte, wenn der Mensch nicht eingegriffen hätte“, sagt Brigitte Urban: „Geschlossene Laubwälder, vorrangig aus Eichen und Buchen.“

Arbeit überspannt Vorzeit bis in die Zukunft

Ohne das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen an verschiedenen Unis und Max-Planck-Instituten wäre man der Flexibilität des Neandertalers kaum auf die Spur gekommen. In der Leuphana deckt schon jede der beteiligten Forscherinnen ein breites Spektrum ab. Sabrina Davletkildeeva und Lauren Anderson haben bereits einen Abschluss in Anthropologie, satteln nun einen Master in Nachhaltigkeitswissenschaft drauf. Biologin Brigitte Urban erforscht im Ökologie-Institut der Leuphana den Landschaftswandel, hat aber auch Bodenkunde, Quartärgeologie, Ur- und Frühgeschichte studiert. Sie lobt ihre Mitarbeiterinnen: „Meine Student*innen musste man nicht motivieren, nicht mal in der schwierigen Corona-Phase. Sie wissen, wie eng verknüpft Landschaftsentwicklung und Menschheitsgeschichte sind.“

Seit drei Jahrzehnten forscht Prof. Urban in Lichtenberg. Sie hofft, dass neue Mittel bewilligt werden, um die Arbeit fortzusetzen. „Unsere Forschungen bilden eine Klammer zwischen der Vorzeit, der Gegenwart und der Zukunft, denn unsere Ergebnisse gehen auch in Klimaprognosen, Naturschutz- und Landschaftssentwicklungs-, sowie Klimaanpassungssprojekte ein, zum Beispiel die Moorrenaturierung.“

Zahlreiche heftige Klimaänderungen erlebte der Neandertaler, wie die Ausgrabungsstelle Lichtenberg zeigt. Überlebt hat er sie über lange Zeiten nur, weil er sich anpasste. Er war mobil, wenn die Welt karg war, und gönnte sich Sesshaftigkeit, wenn das Nahrungsangebot üppig war. Und er passte seine Werkzeuge an, je nachdem, was die jeweilige Landschaft hergab.

Von Joachim Zießler

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