Montag , 5. Dezember 2022
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Sonja Barthel, hier am 1. Mai 2016 beim Fest des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf dem Lambertiplatz. (Foto: Georg Gunkel-Schwaderer)
Sonja Barthel, hier am 1. Mai 2016 beim Fest des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf dem Lambertiplatz. (Foto: Georg Gunkel-Schwaderer)

Sonja Barthel ist tot

Mit 105 Jahren ist Sonja Barthel in Lüneburg gestorben. Die Holocaustüberlebende hat sich zeitlebens gegen Faschismus eingesetzt. Ihre Erinnerungen an die NS-Zeit gab sie an junge Menschen weiter.

Lüneburg. Am 10. Mai ist Sonja Barthel im Alter von 105 Jahren gestorben. Die gebürtige Berlinerin ist vor knapp 70 Jahren nach Lüneburg gezogen, hat hier gelebt, gearbeitet und gewirkt. Sie hat als Konrektorin eine Sonderschule geleitet, war Ratsfrau für die SPD im Stadtrat, baute in den 1980-ern die Lüneburger Geschichtswerkstatt mit auf, war in der Stadt fest vernetzt und hatte Freundschaften in der ganzen Welt unterhalten. Was es bedeutet, sich einzusetzen, sich zu engagieren, für Frieden und Menschlichkeit einzustehen, hat Sonja Barthel gewusst.

Sie hat es gewusst, als sie bei einem NPD-Aufmarsch auf dem Lambertiplatz in den 90er-Jahren den Nazis entgegentrat. „Die wollten dort ihre Reden halten, durchs Megafon, und dann ist Sonja auf sie zu und hat sie nur mit ihrer Stimme und ihrer Lebenserfahrung sowas von platt geredet, dass die letztendlich mit ihrer Rede aufhören mussten“, erzählt ihr Freund und Mitbewohner Georg Gunkel-Schwaderer, der damals dabei war.

Den Neonazis Kontra gegeben

Sie hat es auch gewusst, als sie 2007 wieder einmal aufstand, dieses Mal im Clamartpark. "Nun bin ich bereits 90 Jahre alt und stehe wieder hier, um gegen die Aufmärsche der NPD-Anhänger und ihr Dasein zu protestieren. 16 Jahre war ich alt, als die Nazizeit begann. Ich musste die Schule verlassen, weil meine Mutter Jüdin war. Dass ich nicht ins Konzentrationslager kam wie meine Schwester Helga oder meine Großmutter, verdanke ich Antifaschisten, die mir damals immer wieder geholfen hatten." Mit den Erlebnissen der NS-Zeit im Rücken trat Sonja Barthel nach dem Krieg in die VVN ein, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten. Und gab zeitlebens ihre Erinnerung preis. An Jugendliche, die bei ihr klingelten und Fragen zur NS-Zeit hatten, weil sie eine Schularbeit schreiben mussten. Oder auch im größeren Stile, etwa 2016 vor rund 500 Schülern an der Herderschule. Auch ein Buch hat sie über ihr Leben verfasst*. Darin erzählt sie von ihrer Schulzeit in Frankreich, von ihrer Au-Pair-Zeit in England, von den Kriegsjahren – in denen sie etwa als Schreibkraft bei IG Farben in Frankfurt arbeitete – sowie ihren Start in Lüneburg, wo sie hinzog, um weiter als Lehrerin arbeiten zu können. Das hatte sie zuvor bereits in der DDR getan, für den Westen bedurfte es dazu aber noch eines Studiums, und das war in Lüneburg kürzer als anderswo.

Den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mitgegründet

Dennoch war sie alles andere als rückwärtsgewandt. Sie sprach die Weltsprache Esperanto, fuhr zu internationalen Treffen. Zum 80. Geburtstag hatte sie sich von ihren Freunden einen Computer gewünscht – und bekommen. "Und sie kam bei den Leuten, besonders den jungen, immer gut an, weil sie neue Erkenntnisse zugelassen hat. Sie war Lehrerin im besten Sinne. Ohne ihr Wissen aufdrücken zu wollen, sondern indem sie Bildung ermöglichte. So ein typischer Ausspruch von ihr war immer: Ach, das ist ja spannend", sagt Gunkel-Schwaderer. Sonja habe sich aus der Masse herausgeschält. "Allein schon wegen ihrer positiven Art. Sie hat immer eine Perspektive gesehen. Du hättest ihr die schlimmste Nachricht geben können, und am Ende sagte sie dann: "Na ja, woll'n mal gucken wie's weiter geht. Und das hat sie auch ihren Schülern vermittelt. Viele von denen riefen regelmäßig bei ihr an. Oder kamen vorbei."

In Lüneburg hatte Sonja Barthel den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mitgegründet, als sie an der Pädagogischen Hochschule merkte, dass rechtes Gedankengut noch lebendig war. Auch an der Gründung der Lebenshilfe war sie beteiligt.

In einem generationsübergreifenden Wohnprojekt gelebt

Sonja Barthel ist alt geworden. Dabei hätte ihr Leben als Tochter einer Jüdin in Nazi-Deutschland früh zu Ende sein können. "Sie hat mir erzählt, dass sie damals im SS-Büro war, um zu fragen, ob sie ihre ältere Schwester im Konzentrationslager Ravensbrück besuchen könne. Da haben die zu ihr gesagt: 'Wie, besuchen? Ja, dann können Sie auch gleich selbst da bleiben, das wissen Sie?' Und dann ist sie schlotternd rausgegangen und hat begriffen, dass ein Konzentrationslager etwas anderes sein muss als ein Gefängnis. Erst später hat sie realisiert, dass sie in höchster Lebensgefahr war." Ihre Schwester hat das KZ überlebt, ist nach Amerika ausgewandert, hat dort als Künstlerin gearbeitet und ist irgendwann im Alter zurück nach Deutschland gezogen – nach Lüneburg. "Die beiden waren sehr eng", erzählt Gunkel-Schwaderer. Das war die Wohngemeinschaft von ihm und Sonja auch – sie nannte es "Wahlverwandtschaft". 2002 zog Sonja Barthel zusammen mit anderen in ein Haus, als generationsübergreifendes Wohnprojekt. Und wurde für die Kinder von Georg Gunkel-Schwaderer quasi zur Oma. "Die kannten ihr Leben nicht ohne Sonja."

Den Abriss der MTV-Turnhalle bereut

Zwei eigene Söhne hatte Sonja Barthel, und einen Mann, der sich in den 60er-Jahren von ihr trennte. Heute leben alle Drei nicht mehr. "Einen neuen Mann hat es nicht gegeben. Sie gab ihre Zeit für ihr soziales Umfeld, für ihre Ehrenämter, für die Parteiarbeit und die Arbeit in der VVN." Dazu sei zu sagen, dass sie 1999 aus der SPD austrat, als ihre Partei den Krieg im ehemaligen Jugoslawien befürwortete. Da konnte sie nicht mitgehen.

Eine Entscheidung aus ihrer Zeit als Ratsfrau bereut sie hingegen: Den Abriss der MTV-Turnhalle. In einem Video sagt Sonja Barthel, sie sei darüber nicht informiert gewesen, was für eine Bedeutung die Halle hatte. Dort hatten die Briten die ersten großen Kriegsverbrecherprozesse überhaupt gegen Nazis aus dem KZ Bergen Belsen geführt. "Und ich hab' für den Abriss gestimmt, ich Idiot." Eine goldene Tafel habe dann darüber informiert, was an der Stelle gewesen ist. "Aber wer liest das denn?", fragte Sonja Barthel in die Kamera.

"Faschismus ist keine Meinung, der eine Freiheit zugestanden werden darf“

Sie hatte einmal gesagt, dass sie sich nicht hätte vorstellen können, dass es Faschismus weiter geben könne, dass Neonazis weiter existieren könnten. "Es ist ein Skandal, dass diese Partei[en] existieren können und sogar bei genehmigten Aufmärschen polizeilich geschützt werden, sodass eine Gegendemonstration kaum möglich ist! Faschismus, Rassismus und Antisemitismus sind keine Meinung, der eine Freiheit zugestanden werden darf.“

Sonja Barthel hat gewusst, wie sie für ihre Werte einzustehen hat. Wie sie anderen mit Empathie entgegenkommen kann. Sie hat miterlebt, wie der Jugendraum der SJD 2019 offiziell „Sonja Barthel Haus“ getauft wurde. Und vielleicht hatte sie schon geahnt, dass Menschen in Lüneburg, aber auch in anderen Winkeln der Welt, nach ihrem Tod noch Vieles von ihr behalten werden – und sich über diese Ahnung gefreut.

Sonja Barthels Buch über ihr Leben mit dem Titel "Wie war das damals, erzähl' doch mal..." kann in den Räumen der Geschichtswerkstatt, Heiligengeiststraße 28, erworben werden.

Von Laura Treffenfeld

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