Sonntag , 4. Dezember 2022
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Ammar A. zeigte sich wie sein Mitangeklagter bereit, seine Drogensucht zu bekämpfen. (Foto: be)
Ammar A. zeigte sich wie sein Mitangeklagter bereit, seine Drogensucht zu bekämpfen. (Foto: be)

Entzug soll den "Teufel Crack" austreiben

In der neuen Heimat gibt es zwar keinen Krieg, aber auch keine Perspektive. So gerieten zwei syrische Flüchtlinge auf die schiefe Bahn, wurden drogenabhängig und kriminell. Dafür wurden sie nun zu Haftstrafen verurteilt – und zu einem Entzug. Diesen sehen sie als Chance.

Lüneburg. Es gibt keinen direkten Weg, der von erlittenen Kriegstraumata über Flucht in Drogenabhängigkeit und Kriminalität führt. Aber es warten Klippen auf Geflüchtete, insbesondere dann, wenn die neue Heimat sich sperrt. Zwei syrische Flüchtlinge blieben an den Klippen hängen. Unter dem Einfluss von Drogen beziehungsweise, um welche zu erlangen, wurden sie mehrfach straffällig. Dafür verurteilte das Landgericht Lüneburg Ammar A. (25) zu drei Jahren und Wesam A. (23) zu zwei Jahren und drei Monaten Haft. Bei dem Jüngeren kommen noch ein Jahr und neun Monate Haft aus einem anderen Verfahren hinzu. Beide werden zunächst in eine Entziehungsanstalt eingewiesen, um den Teufelskreis aus Sucht und Kriminalität zu unterbrechen. Gelingt dies, könnten sie nach zwei Jahren frei kommen, um sich zu bewähren.

Drogenkunden abgezogen, Bekannten attackiert

Seit eineinhalb Jahren kannten sich die Männer. Zwei Taten, die nun verhandelt wurden, sollen sie gemeinsam verübt haben. Ein Mal haben sie nach Überzeugung des Gerichts einen Mann abgezogen, der sie vorm "Jekyll & Hyde" angesprochen hatte, um Marihuana zu kaufen. Statt ihm die Droge zu beschaffen, drückten sie ihm mit den Worten "Sei leise, sonst steche ich Dich ab" eine Crackpfeife an den Hals und forderten Geld. 230 Euro erbeuteten sie. Ein anderes Mal forderte Ammar A. von einem Bekannten aus der Drogenszene im Clamartpark 20 Euro zurück, die dieser ihm noch schuldete. Schläge und Tritte untermauerten die Forderung. Auch ein Zeuge, der die Kontrahenten trennen wollte, wurde von beiden attackiert.

Einbruch in Stintlokal

Mit einem anderen Komplizen brach Wesam A., wie er auch gestand, in ein Stint-Lokal ein, floh aber, als er vom Betreiber – der ihn wenige Tage zuvor entlassen hatte – überrascht wurde. Den Versuch, bei Karstadt drei Wellenstein-Jacken im Wert von 779,85 zu stehlen, beging der 23-Jährige allein. Beim Diebstahl von Fahrrädern beziehungsweise dem Kauf eines geklauten Rades hatte er einen Komplizen dabei.

Zugbegleiter und Polizisten beleidigt

Ammar A. hatte des Weiteren einen Zugbegleiter, der ihn beim Schwarzfahren erwischt hatte, massivst beleidigt und lebensgefährlich gewürgt. Heftige Drohungen und Beleidigungen stieß er auch gegenüber den Polizisten aus, die ihn daraufhin festnahmen. Die schwersten Straftaten seien unter dem Einfluss von Drogen passiert, sagte der psychiatrische Gutachter Dr. Frank Wegener. Die nahezu tägliche Crackpfeife mache aggressiv, die Aussicht auf Entzugserscheinungen enthemme.

Ein Täter akzeptierte das Urteil sofort

Beide Männer baten vor Gericht alle aussagenden Opfer um Entschuldigung. Ammar A. beteuerte: "Ohne Drogen hätte ich niemals diese Delikte begangen. Crack ist ein Teufel, hat mein Leben zerstört. Nun möchte ich mich selbst wiederfinden." Sein Verteidiger Eike Waechter verwies darauf, wie unterschiedlich die deutsche Gesellschaft mit Kriegsflüchtlingen aus Syrien und der Ukraine umgehe. So durften die Syrer nicht arbeiten, waren sie zu alt, nicht mal mehr zur Schule gehen. Manche glauben, Drogen wären der Ausweg aus Geldmangel und Langeweile.

An dieser Stelle wollten auch Oberstaatsanwalt Konstantin Paus und die Richter um Silja Precht im Einklang mit dem Psychiater den Hebel ansetzen. Da anderenfalls weitere, ähnliche Straftaten der Männer zu erwarten seien, wurde dem Duo Entzug verordnet.

Eine Aussicht, die Wesam A., seit neun Monaten Vater einer Tochter, zusagte. Nach Beratung mit seinem Verteidiger Ulrich Albers akzeptierte er noch im Gerichtssaal das Urteil.

Von Joachim Zießler

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