Sonntag , 4. Dezember 2022
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Sechs bis acht Auszubildende pro Jahr wagen bei der Lüneburger Spedition Hiller den Einstieg als Berufskraftfahrer, einer von ihnen ist Lukas Liebscher. In der Politik wird derzeit diskutiert, ob jugendliche Berufseinsteiger künftig bereits mit 17 Jahren begleitet Lkw fahren dürfen sollen. Spediteure aus der Region sind dazu allerdings geteilter Meinung. (Foto: t&w)
Sechs bis acht Auszubildende pro Jahr wagen bei der Lüneburger Spedition Hiller den Einstieg als Berufskraftfahrer, einer von ihnen ist Lukas Liebscher. In der Politik wird derzeit diskutiert, ob jugendliche Berufseinsteiger künftig bereits mit 17 Jahren begleitet Lkw fahren dürfen sollen. Spediteure aus der Region sind dazu allerdings geteilter Meinung. (Foto: t&w)

Ans Lkw-Steuer mit 17?

Die niedersächsischen Regierungsfraktionen von SPD und CDU fordern, dass jugendliche Berufseinsteiger künftig bereits mit 17 Jahren Lkw fahren dürfen. Allerdings nur begleitet. Damit soll der Nachwuchs bei den Spediteuren gefördert werden. Auch im Landkreis Lüneburg klagen Branchenvertreter über Personalnot, doch die Meinungen zum begleiteten Fahren ab 17 gehen auseinander.

Lüneburg/Tespe/Vastorf. Wolfgang Hiller hat seine Sattelzüge mit Unternehmenswerbung foliert, um neue Fahrer zu gewinnen. Er ist zudem an Schulen herangetreten, damit der Nachwuchs seine Branche bei der Berufswahl auf der Agenda hat. Seine Mitarbeiter haben Faltblätter verteilt, Anzeigen geschaltet und Social-Media-Beiträge aus dem Fahrerhaus gepostet, aber den erhofften Wandel brachten all diese Bemühungen bislang nicht: Die Lüneburger Hiller-Spedition sucht, wie so viele Betriebe im Logistik-Sektor, laufend Kraftfahrer. Das Durchschnittsalter der Kollegen am Steuer ist hoch, der Nachwuchs schwer zu begeistern, die Personalnot zum bundesweiten Problem geworden.

Den Nachwuchs fördern

Was also tun? Die niedersächsischen Regierungsfraktionen von SPD und CDU fordern, dass jugendliche Berufseinsteiger künftig bereits mit 17 Jahren Lkw fahren dürfen. Allerdings nur begleitet. Damit soll der Nachwuchs bei den Spediteuren gefördert werden. Außerdem sollen die angehenden Lkw-Fahrer den Führerschein der Klassen C/CE schon parallel zum Auto-Führerschein beginnen können. Bisher müssen sie die Prüfung für den Auto-Führerschein dafür schon bestanden haben.

Doch der Vorstoß ruft Kritiker auf den Plan: Cem Aksoy, Fahrschulinhaber aus Lüneburg, warnt: „Im Worst-Case-Fall gibt es am Ende mehr Unfälle auf der Straße.“ Den jungen Azubis fehle die aus seiner Sicht notwendige Erfahrung am Auto-Steuer. Mehr noch: „Die geistige Reife und das Verantwortungsbewusstsein, die es braucht, um so einen 40-Tonner durch die Gegend zu fahren, hat ein 17-Jähriger nicht, da müssen wir uns nichts vormachen.“

„Der völlig verkehrte Ansatz“

Der Fahrlehrer stützt seine These auf Erfahrungen mit dem begleiteten Autofahren für 17-Jährige. „Wir beobachten, dass die Ausbildung mehr Fahrstunden erfordert als bei einem 18-Jährigen. Auch durften wir feststellen, dass die Mädchen besser damit klarkommen als die Jungs, bei denen das Erwachsenwerden in der Regel ja etwas später eintritt.“ Aksoy glaubt nicht, dass mit der Offensive der Landtagsfraktionen die Personalprobleme der Logistik-Branche gelöst werden können: „In diese Richtung zu rudern, ist der völlig verkehrte Ansatz.“

Was sagen die Unternehmer selbst? Wolfgang Hiller begrüßt die Ideen von CDU und SPD, doch den ganz großen Wurf erkennt auch er darin nicht. Viel mehr plädiert er für einen besseren Umgang mit den Fahrern: Diese würden unterwegs oft geringschätzig behandelt, klagt der 74-Jährige. „Es wird bestellt zu Punkt 11 Uhr, aber es ist kein Platz im Lager. Also muss der Kollege warten – und darf dann beim Unternehmen nicht mal zur Toilette gehen.“ Von solchen Vorfällen höre er häufiger. Hinzu kämen Staus auf den Autobahnen, Zeitdruck und zu wenig Parkplätze – Aspekte, die den Arbeitsalltag der Fahrer zusätzlich erschwerten.

Wenn die Freundin schimpft...

Sechs bis acht Auszubildende pro Jahr wagen bei Hiller den Berufseinstieg als Lkw-Fahrer, doch immer wieder springen welche ab – nicht etwa, weil sie mit 17 noch keinen Laster lenken dürften, verdeutlicht der Chef, „sondern weil es einfach nicht ihr Ding ist oder die Freundin mal wieder geschimpft hat: Du bist zu lange weg“. Dabei gebe es so viele überzeugende Argumente für den Beruf: Abwechslung, Selbstständigkeit und eine angemessene Bezahlung, findet er. Rund 3800 Euro verdient ein Lkw-Fahrer im Fernverkehr in seiner Firma.

Hillers Branchen-Kollege David Paech fragt sich derweil, wie das begleitete Fahren praktisch umgesetzt werden soll: „Man müsste dann logischerweise zwei Leute bezahlen – nicht nur den Azubi, sondern auch den Beifahrer“, überlegt der Disponent der Meyn & Frick Handels- und Transport GmbH aus Tespe. Er bezweifelt, dass das für kleinere Betriebe finanziell und personell leistbar wäre. Paech koordiniert täglich 28 Fahrer, derzeit ausschließlich Männer. Azubis gibt es nicht, der Altersschnitt liege mit rund 45 Jahren dementsprechend hoch. Zum nächsten Monat sucht Paech gerade wieder händeringend Kräfte, „denn einer hat sich woanders umgeschaut, und zwei gehen demnächst in Rente“.

Mehr Spaß bei der Ausbildung

Früher hätten viele junge Männer den Lkw-Führerschein bei der Bundeswehr gemacht und die erworbene Kompetenz nach dem Wehrdienst zumindest vorübergehend als Lastwagenfahrer eingebracht. „Aber so etwas gibt es heute nicht mehr“, bedauert der Disponent.

Jannis Opalka von der Manzke-Gruppe, die ihren Hauptsitz in Vastorf hat, klagt über ähnliche Sorgen. Anders als seine Kollegen aus Lüneburg und Tespe erkennt er im begleiteten Fahren mit 17 aber durchaus eine Möglichkeit, die Ausbildung zum Lastfahrer attraktiver zu gestalten. Bislang müsse sich ein Schulabsolvent mit 16 Jahren darauf einstellen, erst im dritten Lehrjahr einen Lkw lenken zu dürfen. „Aber er hat garantiert mehr Spaß an der Ausbildung, wenn er selbst auch mal ans Steuer darf und nicht nur Beifahrer ist“, glaubt Opalka. Im Rahmen der Ausbildung auf dem Bock werde so oder so bereits eine zweite Person abgestellt, dem ein Berufseinsteiger dann allerdings vom Beifahrersitz aus bei der Arbeit zuschauen müsse. „Mit dem begleiteten Fahren ab 17 könnte der Auszubildende zu einem früheren Zeitpunkt noch mehr lernen“, sagt Opalka.

Kein Risiko, sondern Unfallprävention

Ein höheres Unfallrisiko fürchtet der Personalreferent der Manzke-Gruppe nicht. Vielmehr erkennt er in der Idee eine präventive Maßnahme. Er bemüht sich, auch Quereinsteiger für sein Unternehmen zu gewinnen, stößt dabei aber immer wieder auf ein Problem: Die Prüfung muss auf Deutsch abgelegt werden. „Das ist zu kurz gedacht“, findet Opalka. „Wo kann ein Flüchtling denn besser Deutsch lernen als im Job?“ Aus seiner Sicht müssten Barrieren für den Berufseinstieg dringend gesenkt werden, „ohne dass dabei die Qualität der Ausbildung leidet und vergessen wird, dass Lkw fahren ein extrem verantwortungsvoller und anspruchsvoller Job ist. Man steigt ja nicht einfach ins Fahrzeug und los geht’s.“

Von Anna Petersen

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