Mittwoch , 28. September 2022
Anzeige
Die Kammer unter Vorsitz der Richterin Dr. Lidia Mumm sprach am zweiten Verhandlungstag einen 44 Jahre alten Mann aus Seevetal vom Vorwurf des sexuellen Kindesmissbrauchs frei.
Die Kammer unter Vorsitz der Richterin Dr. Lidia Mumm sprach am zweiten Verhandlungstag einen 44 Jahre alten Mann aus Seevetal vom Vorwurf des sexuellen Kindesmissbrauchs frei. (Foto: Grote)

Missbrauchsprozess: Im Zweifel für den Angeklagten

Die Vorwürfe wogen schwer: Ein 44 Jahre alter Mann soll einem zehnjährigen Jungen an den Penis gefasst und ihm seinen Finger in den Po gesteckt haben. Doch es gibt Zweifel, ob sich die Tat tatsächlich zugetragen hat. Für das Lüneburger Landgericht waren die Zweifel so groß, dass sie den Lehrer freisprach.

Lüneburg. Schnelles Ende eines bemerkenswerten Prozess am Landgericht Lüneburg: Die Kammer unter Vorsitz der Richterin Dr. Lidia Mumm sprach am zweiten Verhandlungstag einen 44 Jahre alten Mann aus Seevetal vom Vorwurf des sexuellen Kindesmissbrauchs frei. Damit folgte die Kammer den Anträgen von Verteidigung und Staatsanwaltschaft. Der Vater des Opfers war als Nebenkläger aufgetreten, hier stand die Forderung nach einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten im Raum.

Auslöser des Prozesses waren die Anschuldigungen eines heute 13 Jahre alten Jungen. Der hatte mit einer Äußerung im Familienkreis für Aufsehen gesorgt. Der Angeklagte, ein Lehrer, der offen schwul lebt und zu dem Zeitpunkt guter Freund der Familie war, habe ihm in die Hose und an den Penis gegriffen, ihm außerdem einen Finger in den Anus gesteckt.

Lange Zeit ein guter Freund der Familie

Am ersten Verhandlungstag hatte der Angeklagte bestritten, dass es eine solche Tat je gegeben hat. Er könne sich die Anschuldigungen nicht erklären. Er zählte den Vater des Jungen zu seinen besten Freunden. Auch zu dessen Sohn habe er einen guten Draht gehabt. Oft habe er die Familie besucht oder auf den Jungen abends aufgepasst, wenn die Eltern gemeinsam essen gehen wollten. Der Junge sei wie ein Sohn für ihn gewesen, man habe gemeinsam getobt, Fernsehen geschaut und ab und an auch Ausflüge gemacht. Doch der Junge lüge auch häufig, bedanke sich nie und sei gemein gegenüber seiner Mutter.

Der 44-Jährige sagte zudem aus, dass es beim gemeinsamen Toben immer die letzte Warnung gewesen sei, dass er dem Jungen „den Finger in den Arsch“ stecke, wenn der nicht aufhöre. Spielerisch sei das gemeint gewesen. Er habe das Kind auch berührt, auch mal am Bein und am Po, aber nie im Schritt. Beim Toben habe es auch mal Tritte, Backpfeifen und gezielte Faustschläge gegeben. Einmal habe er dem Jungen auch eine „geschmiert“, weil der mit den Backpfeifen nicht aufgehört habe.

Vernehmung erbrachte kein schlüssiges Bild

Nach Angaben des Angeklagten soll sich der Junge gegenüber seiner Familie als schwul geoutet haben. Er habe sich in einen Mitschüler verliebt und beide hätten auch schon voreinander die Hosen heruntergelassen. Dies seien Tischgespräche der Familie gewesen, bei denen auch der Angeklagte dabei gewesen sein will.

Nach normaler Beziehung zwischen einem Zehnjährigen und einem rund 30 Jahre älteren Mann klang all das nicht. Aber ist es tatsächlich zum Missbrauch gekommen? Die Vernehmung des 13-Jährigen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, untermauerte den Tatvorwurf jedenfalls nicht derart, dass es zu einer Verurteilung kam. Gerade der Vergleich der Aussage des Jungen vor Gericht und den Angaben bei der Polizei soll kein schlüssiges Bild ergeben haben. So blieben Zweifel, hieß es schließlich vom Gericht. Auch die Staatsanwaltschaft rückte ab von einer Verurteilung. So fiel der Freispruch nach dem juristischen Grundsatz „In dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten.

Von Björn Hansen

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.