Montag , 5. Dezember 2022
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Heiner Henschke wirft einen historischen Blick auf das, was nicht jeder gleich sieht: Gänge und Hinterhöfe aus dem Mittelalter.
Heiner Henschke wirft einen historischen Blick auf das, was nicht jeder gleich sieht: Gänge und Hinterhöfe aus dem Mittelalter. (Foto: t&w)

Wohngänge in Lüneburg: Eine Reise ins Mittelalter

Sozialen Wohnungsbau gab es auch schon vor Hunderten Jahren in Lüneburg. Einen Eindruck davon vermittelt ein Vortrag am Mittwoch, den 1. Juni um 19 Uhr im Museum. Vorab hat der Referent Heinz Henschke der LZ verraten, was es damit auf sich hatte.

Lüneburg. „Komm in die Gänge“ lautet die Einladung auf einer der Internetseiten Lübecks und meint diese Aufforderung an die Leser durchaus wörtlich: Wie ein Labyrinth ziehen sich in der spätmittelalterlichen Hansestadt historische Wohngänge durch die Hinterhöfe, geben Einblick in das Leben einer längst vergangenen Zeit. Was heute begehrte kleinste Appartements im Herzen des Zentrums sind, an Idylle und Romantik kaum zu übertreffen, waren früher oft kleinste Unterkünfte für Bedienstete, Tagelöhner und kleine Handwerker. Und die gab es auch in Lüneburg.

„Es war schlichtweg der Platzmangel, der diese sogenannten Buden damals entstehen ließ“, erklärt Heiner Henschke, pensionierter Architekt und Zeit seines Berufslebens in der Denkmalpflege aktiv. „Anfang des 15. Jahrhunderts setzte auch in Lüneburg ein enormer Bevölkerungszuwachs ein, viele Menschen drängten in die Stadt, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, fanden hier einen Job.“ Dem musste die Stadt Rechnung tragen.

Die Folgen des Zuzugs

Die Verleihung des Stapelrechts, der Beitritt zur Hanse, aber auch die Eröffnung des Stecknitzkanals, durch den der Handel des Salzes mit Lübeck wesentlich erweitert werden konnte: Die Gründe für den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung waren vielfältig. Wohnraum fehlte an allen Ecken und Enden, „denn die Arbeitskräfte, die benötigt wurden, kamen ja nicht alle aus der Stadt, sondern überwiegend aus dem näheren, aber auch ferneren Umland“, erklärt der Ingenieur.

Dieser Zuzug seit enorm wichtig gewesen, da auch in Lüneburg die Geburten- selten über der Sterberate lag, weiß Henschke. Doch das führte auch zu massiven Problemen: „Zum einen stammten diese zusätzlichen Bevölkerungsanteile durchweg aus den unteren Einkommensgruppen, zum anderen besaßen sie kein Bürgerrecht, durften also auch kein Eigentum erwerben.“ Die Oberschicht fand schließlich eine Lösung – und weitere Investitionsmöglichkeiten.

Die Unterschiede zu Lübeck

„Besonders in den Randbereichen der Stadt, also rund um die Saline, am Hafen und entlang der Ilmenau, also dort, wo das Angebot an Arbeitsplätzen hoch und die Größe der zur Verfügung stehenden Parzellen gegeben war, entstanden im wenig wertvollen Blockinnenbereich auf den meist langrechteckigen Flächen Wohngänge mit einer minimalen Erschließungsfläche.“ Der Zugang zu diesen erfolgte entweder über einen Durchgang durch das Vorderhaus, durch dieses selbst, eine Tordurchfahrt oder eine schmale Lücke zwischen zwei Gebäuden. Und das lässt sich an manchen Stellen auch heute noch erkennen.

Denn während in Lübeck viele dieser Kleinstunterkünfte aus Stein gebaut waren, den Zahn der Zeit überstanden, bestanden die Lüneburger Buden zumeist aus Fachwerk. Nur wenige haben bis heute überdauert. „Dabei sind es zu ihren Hochzeiten wohl an die einhundert Wohngänge gewesen“, mutmaßt der Denkmalpfleger, der im Rahmen einer studentischen Projektarbeit bei der Abzeichnung eines Urkatasters auf die Buden gestoßen ist.

Vor zwei Jahren wollte er zu diesem Thema bereits einen Vortrag halten – Corona kam ihm in die Quere. Mittlerweile hat er auch einen Aufsatz in der neuesten Publikation der Lüneburger Stadtarchäologie, „Denkmalpflege in Lüneburg 2020“ geschrieben. Darin sind alle Erkenntnisse zum Thema detailliert beschrieben sowie mit Fotos und Zeichnungen illustriert.

Vortrag am Mittwoch

Wer sich über die „Wohngänge und Wohnhöfe in Lüneburg – Sozialer (?) Wohnungsbau des 16. bis 17. Jahrhunderts" informieren möchte, kann am Mittwoch, 1. Juni, ab 19 Uhr in den Marcus-Heinemann-Saal ins Museum Lüneburg kommen. Dort hält Heinz Henschke einen Vortrag zum Thema. Der Eintritt ist frei, es wird um eine Spende für die Arbeit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gebeten. Anmeldung: www.denkmalschutz.de/anmeldung

Von Ute Lühr

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