Sonntag , 4. Dezember 2022
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Vor 35 Jahren kam Ryszard Lachmanski als Erntehelfer aus Polen zum Spargelhof Strampe nach Neetze. Der 60-Jährige hat sich hochgearbeitet – und zeigt nun Rumänen, wie man das Edelgemüse richtig sticht. (Foto: t&w)

Blick hinter die Kulissen: Ein Leben für den Spargel

Um deutschen Spargel zu ernten, sind Landwirte auf Saisonkräfte aus Osteuropa angewiesen. Ryszard Lachmanski kam vor 35 Jahren aus Polen zum Spargelhof Strampe nach Neetze. Der 60-Jährige hat sich hochgearbeitet – und zeigt heute Rumänen, wie man das Edelgemüse richtig sticht.

Neetze. Ryszard Lachmanski greift nach dem Handy in seiner schwarzen Bauchtasche. Er stöhnt. "Ja?" Es ist Stefan, 22 Jahre alt, Rumäne, der bereits alle seine Spargelreihen gestochen hat, und fragt, ob er am Nachmittag noch Unkraut zwischen den Heidelbeersträuchern harken darf. "Warte kurz, ich komme", sagt Lachmanski, steigt in seinen verbeulten Vito und tritt aufs Gaspedal. Mit 80 km/h saust er über den Feldweg. Weil Stefan und alle anderen Erntehelfer nach Stunden bezahlt werden, möchte der junge Rumäne die zehn Stunden möglichst jeden Tag vollkriegen. "Der Junge ist schlau, oder?"

Der gebürtige Pole hat vor 35 Jahren genau wie Stefan angefangen. 1987, als Lachmanski 25 Jahre alt war, nahm ihn sein Schwiegervater zum ersten Mal mit nach Deutschland. Auf den Spargelfeldern von Familie Strampe in Neetze zeigte er ihm, wie man das königliche Gemüse richtig sticht. Zurück in Polen kaufte Lachmanski sich von seinen verdienten 4000 Mark sein erstes Auto. Und kam Jahr für Jahr wieder – bis heute.

Hochgearbeitet zum Vorarbeiter

Seit 25 Jahren sticht Lachmanski nicht mehr selbst Spargel, er hat sich hochgearbeitet, ist nun als Vorarbeiter und rechte Hand von Chef Peter Strampe fest angestellt. Er versteht die Motivation der Saisonkräfte: "Immer, wenn man am Ende der Saison sein Geld zählt, ist die Anstrengung vergessen."

Weil schon seit Jahrzehnten kaum noch Deutsche dazu bereit sind, die harte Arbeit auf dem Acker zu erledigen, sind die Spargelbauern auf Saisonarbeiter aus Osteuropa angewiesen. Rund 300.000 Gastarbeiter kommen jährlich zur Spargelernte nach Deutschland, davon allein 80.000 nach Niedersachsen. Während früher fast ausschließlich Polen auf den Feldern gearbeitet haben, kommt der Großteil der Erntehelfer – gut 60 Prozent – heute aus Rumänien, schätzt Fred Eickhorst, Vorsitzender der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer. "Das hat sich alles total gewandelt. Die Polen haben hier Deutsch sprechen gelernt und dann gemerkt, dass sie im Baugewerbe oder in der Pflegebranche länger beschäftigt werden können und mehr Geld verdienen."

Um halb 7 Uhr geht es aufs Feld

Für Rumänen lohne sich die harte Arbeit auf dem Feld noch immer: Während der Mindestlohn in Rumänien bei etwa 3 Euro pro Stunde liegt, ist er in Deutschland mit derzeit 9,82 Euro mehr als dreimal so hoch. Bis zu drei Monate leben die Gastarbeiter in Wohncontainern direkt auf dem Hof in Neetze – für 9 Euro am Tag. Zu zweit teilen sie sich ein winziges Zimmer, geduscht wird auf dem Gang.

Mit seinem silbernen Kastenwagen steuert Lachmanski auf ein Spargelfeld zu. Seit halb 7 Uhr morgens arbeitet eine Gruppe Rumänen auf dem Feld. Spargelstangen ausgraben, Messer ansetzen und stechen. Die Ernte läuft trotz technischen Fortschritts noch immer in Handarbeit. Bevor Lachmanski aussteigt, nimmt er einen großen Schluck aus seinem Thermobecher. Statt mit Kaffee hat er ihn heute mit Ingwertee befüllt. Seine Frau sagt, das sei besser bei seinem hohen Blutdruck.

Hilfe von der Spargelspinne

"Schau Dir das an, die stechen wie die Banditen. Komplett blind und chaotisch." Ryszard Lachmanski setzt seine Sonnenbrille auf und lässt seinen Blick über das Feld schweifen. "Dabei ist doch heute alles viel einfacher." Als Vorarbeiter hat Lachmanski jedem von ihnen das Spargelstechen beigebracht. "Früher mussten wir die Thermofolien noch selbst hochheben, um den Spargel zu ernten", sagt der 60-Jährige. Seit nunmehr 20 Jahren übernimmt eine Erntehilfe, die "Spargelspinne", diese Aufgabe. Bücken müssen sich die Feldarbeiter trotzdem.

Für den Traum von einem besseren Leben verlassen die Saisonkräfte für eine lange Zeit ihre Heimat und ihre Familien. Ryszard Lachmanski ist schon Großvater. Seine vier Enkel, die in Polen und in München leben, sieht er in der Regel nur einmal im Jahr. Von Anfang Februar bis Ende Oktober wohnt er in einem kleinen Zimmer auf dem Spargelhof. Ein Kleiderschrank, eine Mikrowelle, ein Kühlschrank, ein Tisch mit zwei Stühlen, ein Sessel und ein Schlafsofa – mehr passt nicht in das 12-Quadratmeter-Apartment. In seiner Heimat, der polnischen Kleinstadt Reszel, 1000 Kilometer von Neetze entfernt, haben Lachmanski und seine Frau eine Eigentumswohnung mit zwei Zimmern.

Seine Frau hat bei Strampe Erdbeeren geerntet

Wenn Lachmanski in sechs Jahren in Rente geht, wird er nach Polen zurückkehren. Er möchte dann Briefmarken und Münzen sammeln, sich ein ruhiges Leben machen. Seine Frau Anna hat er in diesem Jahr nach Deutschland geholt. Auch sie hat neben ihrem Job als Lehrerin in den Ferien auf dem Erdbeerfeld von Strampe gearbeitet. Jetzt ist sie in Rente.

Bis es auch für Lachmanski soweit ist, muss er sich mit einem freien Tag in der Woche begnügen. Morgen ist wieder Mittwoch. Dann fährt er mit seiner Frau nach Lüneburg, sie wollen am Platz am Sande Kaffee trinken und Kuchen essen. Auf dem Handy bleibt er trotzdem erreichbar. "Der Chef braucht mich doch."

Von Anna Hoffmann

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