Montag , 5. Dezember 2022
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In der Notunterkunft im Roten Feld gibt es zu wenig Obst. Deswegen hat Rimma Kanevski (links) Äpfel mitgebracht. Nataliia (zweite von rechts) macht sich Sorgen um die gesunde Ernährung der Kinder. (Foto: t&w)

Essen in der Notunterkunft: "Selbst Katzen bekommen mehr Auswahl"

Zu wenig, ungesund, einseitig: Anwohnerinnen kritisieren das Essen in der Notunterkunft im Roten Feld . Statt Obst, Fisch oder Fleisch gibt es Fertigprodukte. Manchmal bekommen Kinder nach der Schule keine warme Mahlzeit. Die Stadt zeichnet ein anderes Bild von der Situation.

Lüneburg. Es gab wieder Kartoffelbrei und Grießpudding. „Kartoffelbrei – das kann echt keiner mehr sehen“, sagt Nataliia. Da sitzt sie im Wohnzimmer von Dolmetscherin Rimma Kanevski und sucht in der russischen Sprache nach den richtigen Worten für das, was in der Notunterkunft im Roten Feld auf den Teller kommt. Sie will nicht undankbar wirken – und doch bereitet ihr der Speiseplan Sorgen: „Es ist keine gesunde Ernährung für die Kinder, sie kriegen einfach keine Vitamine.“

Viele Fertigprodukte, kaum Fleisch und Gemüse

Rimma Kanevski hört diese und ähnliche Klagen nicht zum ersten Mal: Regelmäßig hilft sie in der Notunterkunft für geflüchtete Ukrainerinnen und ihre Kinder als Dolmetscherin, manchmal erhascht sie dabei auch einen Blick auf die Teller. „Das Essen ist nicht schön anzusehen bis ungenießbar“, sagt sie. Meistens handele es sich um Fertigprodukte, Nudeln und Kartoffelbrei aus der Packung gebe es fast täglich, Fisch, Fleisch und Gemüse dagegen nur äußerst selten. „Es klingt zwar hart, aber in Deutschland bekommen selbst die Katzen mehr Auswahl beim Essen“, wettert Rimma Kanevski.

Genau so habe sie es vor Kurzem auch gegenüber Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch formuliert, doch dieses Gespräch brachte offenbar nicht die aus ihrer Sicht dringend notwendigen Verbesserungen. „Am Anfang hatten die Bewohnerinnen und ihre Kinder überhaupt kein Obst und Gemüse“, berichtet die ehrenamtliche Helferin. Immerhin: Inzwischen gebe es täglich Äpfel und alle zwei Wochen Bananen – aber oft nicht genug für alle, ergänzt Nataliia. Engpässe kämen häufiger vor, auch am Mittag: Gerade am Dienstag hätten wieder nicht alle Kinder nach der Schule eine warme Mahlzeit bekommen.

Die Notlösung: Tütensuppen

Für solche Fälle hat Nataliia eine Notlösung: Tütensuppen aus dem Supermarkt, die sie mit kochendem Wasser aufgießt. Alternativen sieht sie nicht. Denn aus Brandschutzgründen dürfen keine Kochgeräte durch die Bewohner der Notunterkunft genutzt werden. Es gebe aber die Möglichkeit, sich etwas aufwärmen zu lassen oder in einer nahegelegenen Kirchengemeinde zu kochen, erklärt Stadtsprecherin Suzanne Moenck. Doch Lebensmittel kosten Geld – Geld, das Nataliia nicht hat. 180 Euro habe sie für den Monat Juni vom Amt erhalten, berichtet die junge Mutter. Den überwiegenden Teil habe sie für Windeln und andere Hygieneartikel ausgeben müssen.

Rimma Kanevski hat einen schlimmen Verdacht: „Der Caterer macht ein gutes Geschäft auf dem Rücken von Frauen und Kindern, die sich nicht wehren können.“ Ausgewählt wurde der Anbieter gemeinsam von der Stadt und dem Arbeiter-Samariter-Bund, der die Unterkunft betreut. „Wir wissen, dass es zu Anfang, als die Notunterkunft ihren Betrieb aufgenommen hat, Kritik an der Verpflegung gab“, sagt Suzanne Moenck. Solche „Anlaufbeschwerden“ seien aber nicht ungewöhnlich, schließlich gehe es immer auch um unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten.

Bewohnerinnen konnten Wünsche äußern

Inzwischen gab es eine große Runde, in der die Bewohnerinnen ihre Wünsche für das Essen äußern konnten. Der Caterer versuche, diese nach Möglichkeit zu berücksichtigen, erklärt die Sprecherin. Auch Mitarbeiter aus dem Sozialbereich seien der Kritik nachgegangen, im Großen und Ganzen laufe es nach ihrer Wahrnehmung seither „runder“.

Zu Problemen soll es vereinzelt gekommen sein, wenn kurzfristig noch zusätzliche Geflüchtete aufgenommen wurden, also mehr Personen zu versorgen waren als eingeplant – nach ihrem Kenntnisstand sei das zweimal passiert, sagt Moenck. „Es wurde aber sofort reagiert, und es gab Alternativen.“ Grundsätzlich stehe Brot und Obst bereit, von 7 bis 20 Uhr sei jemand vor Ort, der Essen, zum Beispiel Aufschnitt, an die Bewohnerinnen herausgibt. Eine Aussage, bei der Rimma Kanevski nur den Kopf schütteln kann: „Die, die mittags zu wenig bekommen haben, essen dann dreimal am Tag Wurst und Brot.“

24 Mütter und 29 Kinder leben in der Unterkunft

24 Mütter und 29 Kinder leben derzeit in den ehemaligen Mensa- und Bibliotheksräumen der Leuphana Universität. Nataliia und ihre zwei kleinen Kinder teilen sich dort eine Wohnparzelle. Bis 2014, als sie mit ihrem älteren Sohn Ivan schwanger war, lebte sie noch im Osten der Ukraine, in der umkämpften Region Donezk. Sie flüchtete damals in eine Kleinstadt in der Nähe von Dnipro. Als auch diese im Frühjahr 2022 unter Beschuss stand, habe sie sofort gewusst, was auf sie zukommt – und die Flucht nach Deutschland angetreten, berichtet die gelernte Krankenschwester.

Seit zwei Monaten lebt sie nun schon in der Lüneburger Notunterkunft im Roten Feld. Sie hofft auf eine Wohnung, eine Perspektive, eine Zukunft. Schon bald will sie ein unbezahltes Praktikum im Lüneburger Klinikum machen. „Wir haben keine großen Ansprüche, wir können uns mit allem arrangieren“, stellt Nataliia klar „Das einzige, was uns das Leben hier wirklich schwer macht, sind die Sprachbarrieren und die Ernährung.“

Von Anna Petersen

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