Dienstag , 6. Dezember 2022
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Ladenbesitzer hinter dem Tresen
Nils Besser hat den Laden Biologisch in der Oberen Schrangenstraße erst im April übernommen. Vor allem das Mittagsgeschäft trägt den Laden derzeit. (Foto: be)

Inflation: 30 Prozent Umsatzeinbußen in Biomärkten

Wegen der Inflation müssen viele Menschen sparen. Das trifft auch die Biomärkte hart. Einige verzeichnen Umsatzeinbußen von über 30 Prozent, mussten Produkte beim Großhandel abbestellen, Preissteigerungen auf ihre Waren anrechnen. Beim Biomarkt Godehus geht es allmählich ums Überleben.

Lüneburg. Die Umsätze in der Biobranche kannten lange Zeit nur eine Richtung: nach oben. Doch Inflation und Preissteigerungen, hauptsächlich ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, haben diesen Trend gestoppt. "Wir merken das massiv", sagt Gunnar Kohn, einer der Geschäftsführer vom Biomarkt Godehus.

Umsatz im Biomarkt um 30 Prozent zurückgegangen

Der Umsatz im Markt sei um 30 Prozent zurückgegangen, im Winsener Markt sehe es genau so aus. "Es ist deutlich zu sehen, dass die Kunden sich nur noch versorgen. Milch, Butter, Brot – das läuft weiterhin gut. Aber für einen schönen Wein ist kein Geld mehr da", sagt Kohn. Er habe bereits einige Produkte beim Großhandel abbestellen müssen – Lebensmittel wie Tofu, die derzeit nicht gekauft werden.

Erschwerend komme für den Markt das Sommerloch hinzu. "Das haben wir so oder so, aber dieses Jahr ist es dramatisch." Auch die gesperrte Bahnbrücke über die Bleckeder Landstraße hält Kunden ab. "Es trifft uns auf ganzer Linie", sagt Kohn. Er hofft nun auf das Ende der Ferien. Das Geschäft ziehe erfahrungsgemäß nach dem Sommer wieder etwas an. "Aber wenn das so weiter geht wie bisher, halten wir vielleicht noch bis November durch."

Mehrausgaben bei Lebensmitteln von 38,5 Millionen Euro

Laut der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) fresse die Inflation derzeit das Einkommen vieler Lüneburger auf. "Wegen rasant steigender Preise gehen den Haushalten im Landkreis Lüneburg in diesem Jahr rund 81,8 Millionen Euro an Kaufkraft verloren – vorausgesetzt, die bisherige Teuerungsrate zieht nicht noch weiter an. Allein bei Lebensmitteln müssen die Verbraucherinnen und Verbraucher mit Mehrausgaben von 38,5 Millionen Euro rechnen", so die NGG, die sich dabei auf eine Kaufkraftanalyse des Pestel-Instituts (Hannover) beruft.

Das Kilo Ochsenherz-Tomaten liegt derzeit bei 7,80 Euro

Auch den Bioladen Biologisch in Lüneburg trifft diese Entwicklung. Erst vor einigen Monaten hat Nils Besser den Laden als einer von zwei Geschäftsführern übernommen. "Unsere Umsätze liegen zum Teil 40 Prozent unter denen der Vorbesitzerin." Ob dies nur an den Preissteigerungen liegt oder auch am Besitzerwechsel, kann er nicht sagen.

Ein paar Kunden hätten ihm jedoch schon erzählt, dass sie sich derzeit nicht mehr so viel im Laden leisten können. "Wir haben circa 30 bis 50 Cent auf Produkte aufgeschlagen, aber nur, weil auch der Großmarkt die Preise erhöht hat", sagt Besser. Das Kilo Ochsenherz-Tomaten liegt derzeit bei 7,80 Euro. Auch Bekannte aus der Wochenmarkt-Branche hätten mit sinkenden Umsätzen zu kämpfen. "Ein Händler, den ich von früher kenne, hat erzählt, er macht derzeit vielleicht noch 300 Euro Umsatz am Tag, früher waren es 1000."

Bei Denns Biomarkt Lüneburg möchte man keine Zahlen nennen. "Doch was die anderen Läden sagen, können auch wir bestätigen", heißt es aus dem Markt. Einige Kunden seien schon länger nicht mehr gekommen, andere würden weniger kaufen oder auf Hausmarken umschwenken. Preissteigerungen hat es auch dort gegeben.

13,8 Prozent höhere Preise bei Nahrungsmitteln

Das Landesamt für Statistik Niedersachsen hat veröffentlicht, dass sich das Niveau der Verbraucherpreise in Niedersachsen im Juli um 7,6 Prozent erhöht hat – im Vergleich zum Vorjahresmonat. Im Juni habe die Inflationsrate ebenfalls bei 7,6 Prozent gelegen. "In der Abteilung 'Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke' stiegen die Preise im Juli 2022 um 13,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Damit hat sich der Preisauftrieb erneut deutlich verstärkt", heißt es in dem Bericht.

Spürbar teurer seien für die Verbraucherinnen und Verbraucher etwa Sonnenblumenöl (+46,7 Prozent), Butter (+50,4 Prozent), Molkereiprodukte und Eier (+24,1 Prozent) sowie Fleisch (+16,6 Prozent) geworden.

Zwischen 20 und 40 Cent auf Produkte draufgeschlagen

Im Laden der Bohlsener Mühler in der Lüneburger Innenstadt erzählt Noch-Chefin Lisa Schwarz, sie arbeite seit Jahrzehnten in der Bio-Branche, und es sei dort immer nur bergauf gegangen. "Gerade bei Skandalen wie BSE sind die Leute zu uns gerannt." Doch die letzten drei, vier Wochen habe auch hier die Kasse weniger geklingelt. "Wir hatten im Mai eine geplante Preiserhöhung, mussten im Juni aber noch eine nachschieben, das gab es so noch nie."

Zwischen 20 und 40 Cent seien auf die Produkte draufgekommen. Fehlen würden zwar hauptsächlich die Touristen im Laden, die derzeit – so schätzt Lisa Schwarz – lieber in Spanien als in der Heide Urlaub machten. Aber in den letzten zwei Tagen hätten die Umsätze wieder gestimmt. "Unsere Kunden kaufen das Brot hier, weil sie es gut vertragen, das machen sie auch weiterhin." Lisa Schwarz bleibt gespannt, wie sich die nächste Zeit entwickeln wird.

Hofläden haben kaum Einbußen

Entspannter scheint die Lage bei den Hofläden zu sein, die regionale, teils konventionell angebaute Waren verkaufen. "Aktuell sind wir zwar ein bisschen im Ferienmodus, aber im Grunde läuft alles relativ normal weiter", heißt es vom Hofladen Köhler in Dachtmissen. Der Gesamtumsatz sei in Ordnung. Bei den teureren Bratwürsten aus den geschlachteten Suppenhühnern würden die Kunden gerade nicht so zugreifen, aber eine negative Entwicklung sehe man bei Köhler nicht.

"Beim Spargel haben wir es gemerkt", sagt Dagmar Strampe vom Hof Strampe in Neetze. Doch bei ihren Beeren laufe es gut. "Es ist etwas schwierig wegen der Ferien momentan", im Allgemeinen sei die Lage jedoch in Ordnung. "Essen müssen wir eben alle".

Von Laura Treffenfeld

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