Freitag , 2. Dezember 2022
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Laut Bedarfsplan ist Lüneburg gut mit Fachärzten versorgt. Aber in der Realität kommen viele Patienten nur schwer an Termine. (Foto: Adobe-Stock)
Laut Bedarfsplan ist Lüneburg gut mit Fachärzten versorgt. Aber in der Realität kommen viele Patienten nur schwer an Termine. (Foto: Adobe-Stock)

Das lange Warten auf den Facharzt

Einen zeitnahen Termin beim Augenarzt oder beim Hautarzt bekommen? Aktuell fast unmöglich. Viele Fachärzte sind ausgelastet, bieten neue Termine teils erst in einem Jahr an. Laut Bedarfsplan der KVN ist Lüneburg jedoch gut mit Ärzten versorgt. Geht die Auflistung an der Realität vorbei? Eine Augenarzt-Mitarbeiterin bestätigt diese Vermutung.

Lüneburg. Wer derzeit einen Facharzttermin bekommen möchte, muss oft starke Nerven behalten. In vielen Praxen fehlt Personal, die Terminkalender sind voll. "Unsere Hautarztpraxis nimmt keine neuen Patienten mehr auf", ist ein oft gehörter Satz am Telefon. Eine Lüneburgerin wollte kürzlich einen Termin für eine Darmspiegelung machen: "In der Praxis hieß es, dass ich genau in einem Jahr einen Termin bekommen könnte", erzählt sie. Auch Axel Krahn aus Deutsch Evern kennt dieses Problem. Er hat extra frühzeitig versucht, einen Augenarzttermin für seine 14-jährige Tochter zu bekommen. Fast vier Monate lang hat das nicht geklappt. "Unsere Tochter ist seit mehreren Jahren Patientin im Augenzentrum. Zur regelmäßigen Kontrolle wollte ich dort im April einen Termin für Herbst dieses Jahres machen. Mir wurde gesagt, man habe keinen Kalender, der für über ein halbes Jahr im Voraus einen Termin vergeben kann und vorher wären alle Termine bereits vergeben."

Vater ruft täglich beim Augenarzt an

Axel Krahn rief wieder an. "Beinahe jeden Werktag. Manchmal habe ich fünf Mal am Tag angerufen, bis ich durchgekommen bin." Jedes Mal war der Kalender, der nur sechs Monate umfasste, wieder voll. In einer anderen Augenarztpraxis in Lüneburg sagte man ihm, es herrsche zur Zeit Aufnahmestopp für Neupatienten. "Da war ich natürlich irgendwann frustriert. Aber was sollen wir machen, unsere Tochter braucht den Vorsorge-Termin."

Axel Krahn schrieb daher der Ärztekammer Niedersachsen, Bezirksstelle Lüneburg: "Was müssen wir tun, um einen Termin bei einem Augenarzt für unsere Tochter zu bekommen?" In der Antwort heiß es, die Ärztekammer Niedersachsen habe die Berufsaufsicht über ihre Mitglieder, nicht aber über die Terminvergabe, diese obliege allein den Praxisinhabern. Zudem lege der sogenannte Sicherstellungsauftrag bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Diese sei dafür zuständig, dass genug Ärzte für die Patienten da sind. Patienten könnten versuchen über die Terminservicestelle der KVN (Tel: 116117) einen Facharzttermin zu erlangen. Axel Krahn rief die Nummer an. Dort hörte er, dass Termine innerhalb von vier Wochen vermittelt werden können. Der Vater wollte ja aber erst für Oktober/November einen Termin für seine Tochter. Abgesehen davon, habe es auch im Zeitraum für die nächsten vier Wochen keinen Termin gegeben.

Mittlerweile hat sich in der Augenklinik ein Termin für die Tochter aufgetan – im Januar 2023. Für Axel Krahn ist dies dennoch ein Zeichen für den akuten Fachärztemangel.

Laut Bedarfsplan ist Lüneburg gut mit Fachärzten versorgt

"In der Tat brauchen wir mehr Ärzte", sagt auch Oliver Christoffers, Geschäftsführer der KVN in Lüneburg. "Wir steuern auf eine Versorgungssituation zu, in der wir regelhafte Wartezeiten nicht mehr vermeiden können." Doch eine generelle Not lasse sich nicht messen. "In bestimmten Fachbereichen nehmen wir Probleme wahr, beispielsweise bei Augenärzten, Rheumatologen und Orthopäden." Der Bedarfsplan der KVN, in dem steht, wie viele Fachärzte es pro Region gibt – und wie viele es laut Schlüssel geben darf – sieht für Lüneburg jedoch gut aus. Die Hansestadt ist demnach mit Augenärzten zu fast 140 Prozent abgedeckt – in realen Zahlen sind das elf Ärzte. Auch die Berechnungen für die Zukunft, für das Jahr 2035, zeigen: In Lüneburg werden wir mit nahezu allen Fachärzten gut versorgt sein. Allein an Hausärzten wird es dann mangeln. Aber stimmt der Schlüssel noch mit dem realen Bedarf überein?

Praxismitarbeiterin findet, Schlüssel geht am realen Bedarf vorbei

Nein, sagt Anette Cuypers. Sie ist Managerin der Augenarztpraxis im Kurpark und seit 22 Jahren dabei. Weitere Ärzte könne die Praxis auf jeden Fall vertragen. Doch es gibt keine neuen Zulassungen. "Es wird immer noch nach dem alten Schlüssel gerechnet, dabei haben sich die Therapien längst verändert." So gebe es zum Beispiel eine Spritz-Therapie gegen die altersbedingte Makuladegeneration. Dazu müssen Patienten aber auch alle vier Wochen in die Praxis kommen. Das sei für diese Patienten toll. Für alle, die nur einen Kontrolltermin brauchen, bedeute dies allerdings längere Wartezeiten. "Neue Patienten nehmen wir seit Jahren schon nicht mehr auf. Für die, die bei uns sind, habe ich im Januar oder Februar wieder Termine."

Eine weitere Schwierigkeit: das fehlende Fachpersonal. "Es ist schon schwierig, Azubis zu bekommen. Ich weiß nicht warum, ob die alle studieren wollen?", sagt Anette Cuypers. Eigentlich sei der Job interessant – aber eben auch stressig. "Man wird von Patienten auch beschimpft, wenn man keine zeitnahen Termine hat", sagt Anette Cuypers.

Aber kann der Schlüssel einfach verändert werden? Oliver Christoffers von der KVN sagt: "Würden wir beispielsweise die Einwohnerzahlen halbieren, auf die wir so und so viele Augenärzte setzen müssen, dann würden wir das überall halbieren müssen. Zum einen gibt es gar nicht so viele Ärzte, zum anderen würden die, die es gibt, dann auch in andere Regionen gehen, zum Beispiel nach Hamburg." Der Effekt würde verpuffen. Sein Appell ist daher ein anderer: "Es müssen dringend mehr Medizinstudienplätze zugelassen werden."

15 Prozent mehr Zulauf

Der Fachärztemangel hat auch Auswirkungen auf die Hausärzte

Weil viele Fachärzte oft keine neuen Patienten mehr aufnehmen – oder kaum zeitnahe Termine anbieten können, weichen Patienten mit ihren Anliegen oft auf Hausärzte aus. Es ist für viele die Konsequenz aus den langen Wartezeiten.

Rüdiger Quandt ist Allgemeinmediziner in Seevetal. Auch ihn suchen seit einiger Zeit mehr Patienten auf, weil sie zuvor keinen Termin beim Facharzt bekommen haben. "Das sind etwa 15 Prozent mehr Patientinnen und Patienten als noch vor drei Jahren." Seiner Erfahrung nach ist es aktuell besonders bei Kardiologen, Pneumologen und Dermatologen schwierig, zeitnahe Termine zu bekommen. Die Gründe für den Ärztemangel seien vielfältig. "Da spielt zum einen der demografische Wandel hinein. Die jüngeren Kollegen, die nachkommen, achten mehr auf ihre Work-Live-Balance, sie wollen nicht mehr 60 Stunden die Woche arbeiten." Zudem sei die Stadt für viele attraktiver als das Land.

Der gute Kontakt vom Hausarzt zum Facharzt hilft vielen Patienten

Noch könne seine Praxis das Mehraufkommen stemmen. "Ja, wir haben immer mehr Patientenkontakt. Aber wir schaffen das und wir wollen das auch schaffen", sagt Quandt. Vielen Patienten könne er zudem direkt helfen. Bei anderen helfe der gute Kontakt zu Fachärzten aus der Region. "Oft kennt man sich unter Kollegen. Und wir unterstützen natürlich dabei, einen Facharzt-Termin zu bekommen, wenn unsere Patienten das wollen."

Perspektivisch wünscht sich Quandt allerdings, mehr Werbung für den Beruf des Allgemeinmediziners und der Medizinischen Fachangestellten zu machen. Auch die Anzahl der Studienplätze müsse erhöht werden, der Schlüssel dafür sei längst veraltet. Wichtig ist ihm, dass die Hausarztzentrierte Versorgung bestehen bleibt. Die sorgt dafür, dass Kassen pro Kunde und Quartal um die zehn Euro an die Praxen dafür zahlen, dass diese sich als Erstanlaufstelle um Patienten kümmern.

Hausärzteverband benennt auch Hausärztemangel

Zum Hausarzt zu gehen scheint also eine gute Lösung zu sein. Doch Mathias Burmeister, Geschäftsführer des Hausärzteverbands Niedersachsen, macht auf ein bestehendes Problem aufmerksam: "Nach unserem Kenntnisstand gibt es flächendeckend einen Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten, der bisweilen dazu führt, dass insbesondere Krankenhausambulanzen und im Einzelfall Fachärzte direkt von den Patientinnen und Patienten mit leichteren Erkrankungen aufgesucht werden." Hier scheint es also auch eine Bewegung in die andere Richtung zu geben. Nicht nur, dass Patienten, die keinen Facharzt-Termin bekommen, zum Hausarzt gehen. Patienten, die keinen Hausarzt mehr in der Nähe finden, gehen auch zum Facharzt.

Problem der Konzentration von Facharztsitzen auf einzelne investorengeführte Zentren

Mathias Burmeister sieht zudem, dass durch die psychische Belastung der Bevölkerung nach 2,5 Jahren Pandemie psychosomatische Erkrankungen mit körperlichen Symptomen zunehmen. "Etwa Magenschleimhautentzündung, Hautausschlag, Rückenschmerzen oder Schwindel – und Patienten haben dann das Gefühl, das Symptom und nicht die Ursache behandeln lassen zu müssen." So komme es nicht selten vor, dass Patienten beim „falschen“ Spezialisten landen und ihnen erst verzögert geholfen werden kann. "Als großes Problem sehen wir im gebietsfachärztlichen Bereich zudem die Konzentration von Facharztsitzen auf einzelne investorengeführte Zentren an." Dass führe nämlich zu weiten Wegen oder zur Nichterreichbarkeit für Kranke.

Von Laura Treffenfeld

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