Montag , 5. Dezember 2022
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Auf der Suche nach Fischen: Die beiden Fischereibiologen Andreas Maday und Dr. Matthias Emmrich erforschen den Elbe-Seitenkanal. (Foto: phs)
Auf der Suche nach Fischen: Die beiden Fischereibiologen Andreas Maday und Dr. Matthias Emmrich erforschen den Elbe-Seitenkanal. (Foto: phs)

Die Inventur der Fische

Zwei Tage lang haben Fischereibiologen den Elbe-Seitenkanal genau unter die Lupe genommen – und dabei erstaunliche Entdeckungen gemacht.

Scharnebeck. "Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen", heißt es bei Aschenputtel. Fast könnten sich Andreas Maday und seine Kollegen während ihrer Arbeit an Grimms Märchen erinnert fühlen: Denn die Fischereibiologen waren jetzt am und auf dem Elbe-Seitenkanal unterwegs – Fische zählen. Dabei hatten einheimische Arten wie Aal, Zander oder Rotfeder nichts zu befürchten. Sie wurden nach ihrer Erfassung zurück ins Wasser gesetzt. Nur gebietsfremde Arten – so genannte Neozoen – wie Schwarzmund- oder Kesslergrundel, ereilte das traurige Schicksal. "Sie werden fachgerecht betäubt und getötet und anschließend verwertet", erklärt Andreas Maday, der die "Fisch-Inventur" gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Matthias Emmrich im Elbe-Seitenkanal im Auftrag des Anglerverbandes Niedersachsen (AVN) durchführte. Unterstützt wurden die beiden dabei von der Fischereibiologin Aylin Aykurt vom Anglerverband Hamburg und der Praktikantin Okka Waldeck.

Die letzte Erfassung der Fischfauna im Elbe-Seitenkanal fand 2006 statt. Jetzt wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie sich in den vergangenen Jahren das Unterwasserleben in dem künstlichen Gewässer verändert hat.

Viele gebietsfremde Arten entdeckt

In den vergangenen 15 Jahren haben sich über ein Dutzend nicht-heimische Arten in Niedersachsens Gewässern angesiedelt. Und zwar nicht nur Fische, sondern auch Krebse, Muscheln und andere Wasserbewohner", weiß Andreas Maday. Der Fischereibiologe des AVN koordiniert das fischereiliche Management der Pachtgewässer des niedersächsischen Landesverbandes – der Elbe-Seitenkanal (ESK) ist eines davon.

Dabei untersuchen Maday und seine Kollegen vom Schlauchboot aus nicht den gesamten Kanal, sondern jeweils nur ganz bestimmte rund 250 Meter lange Kanalabschnitte. Zum Einsatz kommt dabei ein Elektrofischereigerät, das ein Stromfeld im Wasser erzeugt. "Die Fische flüchten leicht betäubt zum Fangkescher, mit dem sie schonend aus dem Wasser geholt werden", erläutert Mayday. Am Ende jeder Teilstrecke bestimmen und vermessen die WIssenschaftler die einzelnen Arten und setzen die einheimischen Tiere anschließend wieder ins Wasser zurück.

Extrem beliebtes Angelgewässer

Zur Qualität des ESK als Fischgewässer sagt Maday: "Der Kanal ist ein künstlich angelegtes Gewässer, entsprechend ist daher auch die Fischartengesellschaft, die man hier vorfindet." Aber: "Der ESK ist fischreicher, als man auf den ersten Blick aufgrund des monotonen Verlaufs erwarten würde. Das macht ihn zu einem extrem beliebten Angelgewässer", weiß der Wissenschaftler. Dem kann Fischerei-Aufseher André Goldenstein nur zustimmen:"Ich bin selbst begeisterter Angler", sagt der Artlenburger, der die Zähl-Aktion interessiert beobachtet.

Die "Fisch-Inventur" zeigt aber auch, welche gebietsfremden Arten auf dem Vormarsch sind – beispielsweise die Schwarzmeergrundel: "Über das Ballastwasser von Frachtschiffen gelangte sie auch in niedersächsische Gewässer – genauso wie die Wollhandkrabbe, die Wandermuschel, der Gemeine Hockerflohkrebs, die Rotflecken-Schwebegarnele oder auch der Sonnenbarsch.

Einen anderen Exoten haben die Wissenschaftler bei Scharnebeck aber nicht entdecken können – den Wolgazander: Der wurde 2010 das erste Mal bei Braunschweig im Mittellandkanal entdeckt. Wie er dort hingekommen ist? "Vermutlich wurde er mit dem einheimischen Zander verwechselt und dann als Besatzfisch im Mittellandkanal ausgesetzt", vermutet Andreas Maday.

Von Klaus Reschke

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