Freitag , 2. Dezember 2022
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Die Grünen-Direktkandidaten Pascal Mennen und Detlev Schulz-Hendel (rechts im Bild) fordern eine „Mobilitätsgarantie“. Wie die konkret aussehen soll? Pia Scholten und Felix Hötker von der Grünen Jugend Niedersachsen haben den beiden auf den Zahn gefühlt. (Foto: phs)
Die Grünen-Direktkandidaten Pascal Mennen und Detlev Schulz-Hendel (rechts im Bild) fordern eine „Mobilitätsgarantie“. Wie die konkret aussehen soll? Pia Scholten und Felix Hötker von der Grünen Jugend Niedersachsen haben den beiden auf den Zahn gefühlt. (Foto: phs)

Ein Stundentakt in allen Orten Niedersachsens

Die Grünen-Direktkandidaten Pascal Mennen und Detlev Schulz-Hendel fordern eine „Mobilitätsgarantie“. Wie die konkret aussehen soll? Die Grüne Jugend Niedersachsen hat den beiden auf den Zahn gefühlt.

Lüneburg. Wer produziert die meisten Autoreifen auf der Welt? Ist es der Kondomhersteller Durex, der Spielwarenproduzent Lego oder der Automobilzulieferer Continental? Pascal Mennen ist sich relativ sicher, richtig müsste Antwort „c“ sein: Continental. Das glaubt auch das Publikum am Freitagabend im Kunstsaal Lüneburg – und soll von Quizmaster Felix Hötker prompt eines Besseren belehrt werden: Richtig ist Lösung „b“. „Lego stellt 3,6 Millionen Reifen her, die sind halt nur sehr klein“, erklärt der Landessprecher der Grünen Jugend Niedersachsen mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Es soll die einzige Frage sein, bei der Pascal Mennen, Direktkandidat der Grünen für die Landtagswahl am 9. Oktober, zum Einstieg des politischen Abends komplett daneben liegt.

Da kommt auch VW ins Spiel

Dazu hatte die Grüne Jugend Niedersachsen eingeladen – nicht etwa, um einen Millionen-Jackpot auf den Kopf zu hauen, sondern um über die Mobilitätswende zu sprechen. Das kommt Mennen ganz gelegen, habe er in den zurückliegenden Wahlkampfmonaten doch oft schon mit Bürgerinnen und Bürgern über genau dieses Thema diskutiert: „Die allermeisten sind aufs Auto angewiesen, und ganz viele sagen tatsächlich, dass sie gerne ohne das Auto zurechtkommen würden“, berichtet der 38-Jährige. Und wenn er dann das Stichwort „Mobilitätsgarantie“ in den Raum werfe, „dann werden alle hellhörig und bekommen gute Laune“.

Wie so eine Mobilitätsgarantie aus Sicht der Grünen aussehen soll, skizziert sein Parteikollege Detlev Schulz-Hendel, verkehrspolitischer Sprecher der grünen Landtagsfraktion und Direktkandidat für den Wahlkreis Lüneburg-Land, in der anschließenden Diskussionsrunde mit der Sprecherin der Hamburger Bürgerschaft, Rosa Domm, und Katja Raiher, die für die Grüne Jugend im Lüneburger Stadtrat sitzt. „Das stellen wir uns in der Praxis so vor: Von morgens um 5 bis nachts um 24 Uhr gibt es mindestens den Stundentakt – und zwar an allen Orten von Niedersachsen“, erklärt Schulz-Hendel. Dabei wolle er nachts keinen leeren Linienbus in den kleinen entlegenen Dörfern sehen, nein: „Da gehören auch die Nahverkehre dazu. Da muss auch VW endlich mal begreifen, dass sie ein Mobilitätsdienstleister werden müssen – und nicht nur Moia in der Stadt anbieten, sondern sich auch am On-Demand-Verkehr in der Fläche beteiligen sollten.“

„Sozial gerechte Teilhabe“ durch Mobilität für alle Menschen

Statt neuer Autobahnen wünscht er sich ein Zusammenspielt von Anruf-Sammeltaxis, Bürgerbussen, Rufbussystemen und Carsharing im ländlichen Raum – und nicht zu vergessen: einheitliche Tarif- und Ticketstrukturen für den Öffentlichen Personennahverkehr nach dem Vorbild des Neun-Euro-Tickets: „Eine umfassende Mobilitätsgarantie heißt vor allem, sozial gerechte Teilhabe durch Mobilität für alle Menschen – und zwar unabhängig vom Einkommen, von der Herkunft und der gesundheitlichen Verfassung“, stellt er seine Position klar.

Nachholbedarf sieht Katja Raiher auch in der Stadt: „Viele Bürgersteige sind so schmal, da passt kein Kinderwagen oder Rollator drauf. Aber Hauptsache, auf der Straße passen zwei Autos nebeneinander“, ärgert sie sich. Da werde noch längst nicht an alle gedacht: „So ein breiterer Gehweg hilft ja auch Leuten, die vielleicht mobilitätseingeschränkt sind“, gibt sie zu bedenken. Oft scheitere die Mobilitätswende auch an der Straßenverkehrsordnung, etwa bei der Einführung von Tempo-30-Zonen. Da wünscht sich die 22-Jährige mehr Spielräume von der großen Politik.

Die Rolle der Zivilgesellschaft

Wo haben die Probleme ihren Ursprung? Eine Ursache erkennt Rosa Domm im Wiederaufbau der Städte in der Nachkriegszeit, wo es bei der Verkehrsgestaltung vor allem darum gegangen sei, dass möglichst viele Menschen möglichst viel Geld machen können. „Ich glaube, dass Lobbyismus, die Autofokussiertheit und der Grundgedanke, dass Mobilität wirtschaftlich sein muss, ganz groß Kernprobleme sind“, sagt sie.

Da komme auch der Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle zu, sind sich die Diskussionspartner einig. Neben Gestaltungswillen in der Bevölkerung, der sich in eigenen Projekten niederschlägt, hält Schulz-Hendel auch Protestaktionen für unterstützenswert: „Wir werden den zivilgesellschaftlichen Widerstand noch so lange brauchen, bis auch im letzten Betonkopf angekommen ist, dass wir eine Mobilitätswende brauchen“, stellt er klar – und hat damit, dem Beifall nach zu urteilen, aus Sicht seiner jungen Zuhörer offenbar die richtige Antwort geliefert.

Von Anna Petersen

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