Samstag , 3. Dezember 2022
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Links: So sieht es bisher auch in Ochtmissen aus: Der Mast Nr. 32 der Bahnstromlinie 524 vom Radbrucher Weg in Bardowick aus gesehen. Der Mast ist aus Beton. Rechts: Und so soll es nach dem Willen der Bahn künftig aussehen: Fotomontage vom Radbrucher weg mit einem der geplanten, allerdings weiter weg stehenden Stahlgittermast. (Foto: Omexom)
Links: So sieht es bisher auch in Ochtmissen aus: Der Mast Nr. 32 der Bahnstromlinie 524 vom Radbrucher Weg in Bardowick aus gesehen. Der Mast ist aus Beton. Rechts: Und so soll es nach dem Willen der Bahn künftig aussehen: Fotomontage vom Radbrucher weg mit einem der geplanten, allerdings weiter weg stehenden Stahlgittermast. (Foto: Omexom)

Bahnstromnetz sorgt für Unruhe in Ochtmissen

Das Bahnstromnetz hat im Bund eine Gesamtlänge von 7936 Kilometern. Auf einer Strecke, die bisher von 48 Masten überspannt wird, plant eine Bahn-Tochter den Neubau einer Trasse – mit höheren und breiteren Masten. In den betroffenen Gemeinden regt sich Widerstand, auch in Lüneburgs Stadtteil Ochtmissen.

Lüneburg/Mechtersen. In Ochtmissen geht die Sorge um. Sorge, dass bald Wälder neuer, größerer Strommasten in und an der Ortschaft aufgestellt werden. Strommasten, die Leitungen für eine "Stromautobahn" Richtung Süden tragen sollen. Und solche, die Leitungen für einen Ausbau des Bahnstromleitungsnetzes vor allem für die Strecke Hamburg-Berlin tragen sollen. In der Ortsratssitzung am Montagabend im Speisesaal der Loewe-Stiftung konnte die Sorge nur in einem Punkt zerstreut werden.

"Stromautobahn" wird Ochtmissen nicht berühren

Philipp Kallweit, Projektleiter für die von Netzbetreiber TenneT "Ostniedersachsenleitung" genannte Trasse der Nord-Süd-Stromautobahn, lehnte sich aus dem Fenster: "Die 380-Kilovolt-Leitung wird Ochtmissen aller Voraussicht nach nicht tangieren." Grund: Die gesetzlichen Vorgaben bei Landesraumordnungsverfahren, die einen Mindestabstand der Stromleitung von 400 Metern bei Ortschaften vorsehen und von 200 Metern zu Häusern auf freiem Feld. Kallweit zeigte den Mitgliedern des Ortsrates anhand von Karten, dass dies nicht umsetzbar wäre bei einer Trasse nahe der Ortschaft. Vermutlich werden die Strippenzieher der TenneT die Stromleitung, die bis vor kurzem noch "Krümmel-Wahle" hieß, daher parallel zu einer bestehenden verlegen – mit deutlichem Abstand zu Ochtmissen.

Ortsbürgermeister Jens-Peter Schultz war zufrieden. Durchblick in der wabernden Gerüchteküche: "Heimlich passiert hier nichts. Anders als von Einzelnen gestreut wird." Bis die 140 Kilometer lange Leitung errichtet ist, dauert es noch. Die TenneT will ab 2032 Wechselstrom über diese Trasse gen Süden schicken.

Bahn will Stromleitung auf alter Trasse neu bauen

"Kröten schlucken" war dann unter Tagesordnungspunkt 5 angesagt – unter dem harmlosen Titel "Bahnstromleitung 524". Dahinter verbirgt sich das Projekt der Bahntochter DB Energie GmbH, die Umspannwerke in Lüneburg-Goseburg und in Boizenburg so mit einem geplanten Umspannwerk in Wittenberg zu verbinden, um "die Versorgungssicherheit und die Belastbarkeit dieser beiden Unterwerke und der Schnellfahrstrecke Hamburg-Berlin erhöht wird", wie es in den Unterlagen der Bahn zu einer Antragskonferenz vor 14 Tagen heißt.

Bei dieser Konferenz war für die Stadt Lüneburg auch Stadtplaner Matthias Eberhardt gewesen, der gleich Negatives zu berichten hatte: "Bei einem regionalen Raumordnungsverfahren wie diesem gelten die Abstandsregeln des Landes nicht."

Drei Trassenvarianten, aber ein klarer Favorit

Die DB Energie sieht darin kein Problem, will sie ausweislich ihrer 42 Seiten Unterlagen zur Konferenz doch die bestehende 110-kv-Bahnstromleitung auf der bestehenden Trasse ausbauen. Bisher zweigt die BL 524 westlich von Mechtersen von der Leitung zwischen Uelzen und Harburg ab, verläuft nördlich von Mechtersen in Richtung Vögelsen. Die Gemeinde wird im Norden berührt, dann passiert die Leitung den Stadtteil Ochtmissen, endet in der Goseburg.

48 Masten stehen bislang an der ehemaligen Bahnstrecke nach Lüneburg. Künftig sollen es weniger sein, referierte Eberhardt aus den Bahn-Plänen, aber dafür wiesen die neuen Masten eine Höhe von 34 Metern statt bisher 20 Metern und eine Breite von 16,5 statt 7,4 Metern auf. Die Erdverkabelung scheidet aus – wegen einer technischen Grundsatzentscheidung, die 1911 getroffen wurde.

Drei Trassenführungen nahm die Bahntochter unter die Lupe, favorisiert dabei den Neubau auf der alten Trasse. Damit würden die Strommasten auf etwa 1000 Metern des Weges "Auf der Buchholzer Bahn" parallel zum geplanten Radschnellweg Lüneburg-Hamburg verlaufen. Die deutlich ausladeneren Arme der Strommasten würden in Ochtmissen Stromleitungen auch über Grundstücken von Hausbesitzern führen. Das Recht dazu würde im Grundbuch eingetragen werden.

Lüneburg beharrt auf Raumordnungsverfahren

Den Hauptvorteil des Neubaus auf der alten Trasse sieht die DB Energie darin, dass es dafür kein Raumordnungsverfahren zur Genehmigung bedarf. Das sieht die Stadt Lüneburg, aber auch die Gemeinde Mechtersen ganz anders, betonte Eberhardt. "Ohne eine gleichwertige Prüfung von Trassenalternativen kann es einen derartigen Neubau nicht geben." Es müsse die Trasse mit den geringsten Auswirkungen auf Mensch und Natur gefunden werden.

"Es werden spannende Jahre werden", schwante Ortsbürgermeister Schultz angesichts der zu erwartenden rechtlichen Auseinandersetzungen.

Von Joachim Zießler

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