Sonntag , 4. Dezember 2022
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Ein Teil der Emdenfamilie – in der ersten Reihe Kirsten Maaß-Emden (r.) neben ihrem Sohn Flemming, in Reihe zwei Elisabeth Hafkemeyer (3. v. l.) und Kurt Klein-Emden (2. v. r.). (Foto: t&w)
Ein Teil der Emdenfamilie – in der ersten Reihe Kirsten Maaß-Emden (r.) neben ihrem Sohn Flemming, in Reihe zwei Elisabeth Hafkemeyer (3. v. l.) und Kurt Klein-Emden (2. v. r.). (Foto: t&w)

Die "Emdenfamilie" traf sich in Lüneburg

Sie sind keine Kriegsverherrlicher und auch keine Ahnenversessenen. Aber: Mehr als 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs halten die Nachfahren einer Kreuzerbesatzung zusammen wie eine Familie. Denn das tat auch die Mannschaft damals und bewies, dass Menschlichkeit auch im Krieg dem Feind gegenüber möglich ist.

Barendorf. Wer die "Emdenfamilie" bei einem ihrer Treffen erlebt, wie etwa jüngst im Kreis Lüneburg, würde nie auf die Idee kommen, dass die Mitglieder gar nicht alle wirklich miteinander verwandt sind. Tatsächlich handelt es sich um die Nachfahren der Besatzung des kleinen Kreuzers "SMS Emden", welche sich im Ersten Weltkrieg durch ihre besonders menschenfreundliche Kriegsführung einen Namen machte.

Aus diesem Grund haben sich auch die Überlebenden und Angehörigen ganz wörtlich einen Namen machen können, nämlich per Antrag einen Doppel-Namen mit dem Zusatz "Emden" zu ihrem jeweils eigenen. Erlaubt hatte ihnen das per Erlass zunächst die preußische Regierung. Andere deutsche Länder zogen nach. Ein historisch einzigartiger Vorgang. Und bis heute kommen die Nachkommen einmal jährlich am Heimatort eines der "Familien"-Mitglieder zusammen.

Mittlerweile ist bei den Treffen bereits die fünfte Generation mit Doppelnamen dabei. Bei der Zusammenkunft im "Bildungs- und Tagungszentrum Ostheide" in Barendorf am Wochenende war Flemming Maaß-Emden mit sieben Jahren der Jüngste. Ältester war Kurt Klein-Emden, der mit seinen 96 Jahren noch Sohn eines der Besatzungsmitglieder ist. Gerade diese Möglichkeit, sich mit Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Hintergründe auszutauschen, genießt Flemmings Mutter und diesjährige Gastgeberin Kirsten Maaß-Emden an den Treffen: "Man führt halt einfach mal Gespräche, die man sonst nicht geführt hätte."

Gemeinschaft sei es vor allem, um die es bei den regelmäßigen Zusammenkünften gehe. Denn aus diesem Impuls heraus seien die nach dem Ersten Weltkrieg überhaupt entstanden. Die Erfahrungen aus dieser Zeit hätten die Schiffscrew eng zusammengeschweißt, weiß die Rettmerin Maaß-Emden. "Und über die habe ich jedes Mal wieder etwas Neues gelernt." Während des Krieges hatte die Mannschaft im Indischen Ozean in nur zwei Monaten 16 britische Schiffe versenkt und sieben weitere auf Inseln auflaufen lassen. Diese Erfolge sind es aber nicht, für die noch heute an die Mannschaft erinnert wird – und das übrigens sogar international, besonders in Australien. Es ist eben jene Ritterlichkeit, die sie dabei walten ließ: Nicht ein gegnerisches Besatzungsmitglied kam während der Manöver zu Tode. Dem Kommandanten Karl von Müller ging es lediglich um die Ausschaltung des Kriegsgeräts, nicht um die Auslöschung des Feindes. Und: "Die ganze Mannschaft hat sich dafür verantwortlich gefühlt. Das ist eigentlich unser Thema", erläutert Mit-Organisatorin Elisabeth Hafkemeyer – nicht den Krieg zu verherrlichen, sondern im Gegenteil die Mitmenschlichkeit hochzuhalten. Eine Einstellung, für die von Müller sogar von gegnerischer Seite später den Beinamen "Gentleman of War" erhielt.

Als schließlich die "SMS Emden" selbst bei den Kokosinseln von einem australischen Kreuzer besiegt wurde, wurde mit ihrer Crew leider nicht so rücksichtsvoll umgegangen: 138 Seeleute, etwa 40 Prozent der Mannschaft, überlebten die Niederlage nicht. Die Übrigen kamen in Kriegsgefangenschaft. Über Australien, Malta und auf anderen verschlungenen Pfaden kam die Besatzung wieder zurück in ihre deutsche Heimat. Und fand sich bald darauf zu ihrem ersten "Familien"-Treffen zusammen.

Das Gemeinschaftsgefühl überwog die leidvollen Erfahrungen. Und so blieb die enge Verbindung auch in den nachfolgenden Generationen. Seit Corona habe allerdings die Teilnehmerzahl abgenommen. "Jetzt sind wir dabei, zu versuchen, wieder Jüngere mit ins Boot zu bekommen." Dafür richte man sich nun etwa auf Instagram ein. Denn gerade für die jungen Leute sei der besondere Verbund immer eine tolle Chance gewesen, erinnert sich Maaß-Emden: "Als wir im Studium waren und mein Mann für eine Zeit nach München ging, hat er damals über diese Kontakte eine Wohnung organisiert bekommen." Solche Chancen wünscht sie auch noch vielen weiteren Generationen von "Emdens".

Von Katharina Hartwig

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