Samstag , 3. Dezember 2022
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Seyed F. (28) hinter dem Aktendeckel, einer der drei Angeklagten. Verteidiger Siegfried Schäfer warf einer der Polizistinnen, die damals ermittelten, vor, dass außer einem anonymen Schreiben nichts Belastendes gegen seinen Mandanten vorliege. (Foto: be)
Seyed F. (28) hinter dem Aktendeckel, einer der drei Angeklagten. Verteidiger Siegfried Schäfer warf einer der Polizistinnen, die damals ermittelten, vor, dass außer einem anonymen Schreiben nichts Belastendes gegen seinen Mandanten vorliege. (Foto: be)

Online-Betrug: Falsche Namen, falsche Pässe, echte Beute

Im Fernsehen sieht die Wahrheitsfindung im Gericht immer so leicht aus. In der Realität ist es zäher, wie der Prozess um den Lüneburger Online-Betrug zeigt. Verklebte Fingerkuppen, falsche Pässe und Strohmänner legen falsche Spuren, Ermittler fahnden nicht nach Hintermännern.

Lüneburg. Falsche Fährten und solche, die die Ermittler nicht verfolgten, prägen den Prozess um den großen Lüneburger Online-Gold-Betrug: Ein Geschäftskonto wurde bei der Commerzbank in Nürnberg eingerichtet – mit einem gefälschten slowenischen Pass und Fingerkuppen, die mit Sekundenkleber verklebt waren. Eine seriöse Firma wurde gekauft, samt positiver Kundenratings – mit dem Ziel, diese zum Betrug zu nutzen. Der Aliasname "Richard Feldmann" wurde am Telefon und in E-Mails benutzt – vermutlich von mehreren Personen. Am Kölner Flughafen fliegt ein Geldkurier auf – in seiner Tasche die Adresse des Fakeshops, der an der Lüner Rennbahn angesiedelt war. Eine junge Frau wurde "Geschäftsführerin" des Fake-Shops, die als Bewohnerin einer Einrichtung für Lernschwache gerade eine Ausbildung als Beiköchin macht. Der Hauptbelastungszeuge: wortkarg, raunt von Bedrohungen aus dem Rockermilieu.

Schweigt der verurteilte Zeuge aus Angst vor Rockern?

Die 1. große Strafkammer des Landgerichts soll die Frage klären, ob die Angeklagten (28, 30, 37) 89 Kunden in Vorkasse große Summen abknöpften, ohne die bestellen Goldmünzen und -barren oder Edeluhren zu liefern. Beute des Raubzugs: eine Million Euro. Schon im November war Felix W. (30) zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er beteuerte allerdings, nur ein Strohmann gewesen zu sein. Ist unter dem angeklagten Trio der Hintermann? Oder führt die Spur ins Rockermilieu nach Essen? Entsprechende Hinweise wurden nicht verfolgt, wie eine Polizistin (48) als Zeugin einräumte.

Über Jahre gab es nichts Auffälliges beim Goldhandel

Die Buchhalterin (39), die für einen Steuerberater die Bücher der "Hanseatischen Edelmetallhandel und Verwertungs GmbH" führte, hatte über Jahre "nie das Gefühl, dass etwas faul sein könnte". Gut, den Geschäftsführer hatte sie nur einmal gesehen, als sie ihm die Tür aufmachte. Fehlende Belege musste sie telefonisch bei "Herrn Feldmann" anfordern, dessen Handynummer auf den damaligen Geschäftsführer Marian G. (37) eingetragen war. Im Jahr 2017 hatte die Firma noch für knapp 400.000 Euro goldglänzende Waren eingekauft. Am 17. Juli 2018 kam es zu einem Betreiberwechsel, von dem die Buchhalterin "nur zufällig erfahren" habe. Im August wurden dann nur noch 89 leichtgläubige Kunden über den Online-Fakeshop www.goldsouk.de geschröpft.

Ein gefälschter slowenischer Pass

Halim D. (30) wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, mit einem gefälschten, auf den Namen "Josef Varlasz" ausgestellten Pass ein Premiumgeschäftskonto eröffnet zu haben. Allein: Einen solchen Menschen gibt es nicht in Slowenien, die Passnummer gehört einem jungen Mädchen. Abgehoben haben soll er bei Hamburger Filialen der Commerzbank gut 100.000 Euro. Auf Auszahlungsquittungen konnte ein Abdruck des Handtellers sowie von Mittel-, Ring- und kleinem Finger ihm zugeordnet werden – trotz des Einsatzes von Sekundenkleber.

Nach einem anonymen Schreiben wurden Ermittler nicht aktiv

Hätte der große Online-Gold-Betrug verhindert werden können? Im April erreichte die Staatsanwaltschaft ein anonymes Schreiben mit schweren Vorwürfen gegen den jetzigen dritten Angeklagten Seyed F. (28): Dieser habe Kontakte zur organisierten Kriminalität, plane, nach einer Phase seriöser Geschäftsführung nun den Betrug mit der Goldfirma. Und diese Betrugsphase stünde unmittelbar bevor. Doch noch sah die Staatsanwaltschaft keinen hinreichenden Tatverdacht, sagte eine Polizistin aus. Erst, als Banken Verdachtsanzeigen wegen Geldwäsche stellten, wurden die Ermittler aktiv. Doch als sie die Büros an der Lüner Rennbahn aufsuchten, waren sie bereits leergeräumt.

Treffen auf der Rolltreppe

Telefon und E-Mails wurden überwacht, Marian G. und Seyed F. bei einem Treffen observiert. Dabei fuhr das Duo die Rolltreppen bei "Möbel Kraft" rauf und runter. "Marian G. wirkte aufgebracht."

Aufgebracht warf Verteidiger Siegfried Schäfer die Frage auf, wieso sein Mandant Seyed F. überhaupt ins Visier geraten konnte. Konsterniert fragte der Vorsitzende Richter Dr. Michael Herrmann, wieso denn der Hinweis der Steuerfahndung auf drei mögliche Hintermänner in Essen nicht verfolgt worden sei. "Dass die junge Frau, die gerade zur Beiköchin ausgebildet wird, nicht die Hinterfrau sein kann, ist wohl klar." Die Polizistin antwortete: "Es fehlten Ermittlungsansätze." Allerdings wurde damals nicht mal Felix W. vernommen, der inzwischen verurteilte "Geschäftsführer".

Von Joachim Zießler

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