Dienstag , 6. Dezember 2022
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Halim D. (l.), Seyed F. (hinter dem Aktenordner) und Marian G. (r.) wurde ein großangelegter Gold-Betrug im Internet vorgeworfen. Nun wurden zwei von ihnen freigesprochen. (Foto: be)
Halim D. (l.), Seyed F. (hinter dem Aktenordner) und Marian G. (r.) wurde ein großangelegter Gold-Betrug im Internet vorgeworfen. Nun wurden zwei von ihnen freigesprochen. (Foto: be)

Prozess um Online-Goldbetrug endet mit zwei Freisprüchen

Waren Marian G., Seyed F. und Halim D. an dem großen Online Goldbetrug beteiligt, bei dem 89 Kunden um insgesamt eine Million Euro gebracht wurden? Die 1. große Strafkammer des Landgerichts hat diese Frage nun beantwortet. Offen bleibt aber weiterhin, wer der Drahtzieher des Ganzen war.

Lüneburg. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, zitierte Seyed F.‘s Verteidiger Siegfried Schäfer in seinem Plädoyer den Philosophen Sokrates und forderte: Sein Mandant (28), der gemeinsam mit Marian G. (37) und Halim D. (30) wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs in 89 Fällen angeklagt war, sei „freizusprechen, weil es keine Tatsachenfeststellungen gibt“. Das Lüneburger Landgericht folgte dieser Auffassung und sprach auch Marian G. frei, für den die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten forderte. Halim D. wurde wegen Beihilfe zum Betrug in 13 Fällen zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

89 Kunden betrogen

„Das war ein Verfahren, von dem wir alle dachten, dass es sehr viel länger dauern würde“, sagte Richter Dr. Michael Herrmann. Bereits im November 2021 wurde Felix W. (30), damaliger Geschäftsführer eines Unternehmens mit Sitz in Lüneburg, zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Grund: Über seinen Online-Shop bestellten 89 Kunden Goldmünzen oder Uhren, zahlten im Voraus – erhielten ihre Ware aber nie. Die Beute: eine Million Euro. Ob auch das nun angeklagte Trio an diesen Machenschaften beteiligt war, versuchte die Strafkammer nun zu klären – und kam nach wenigen Prozesstagen zu einem Ergebnis. Richter Herrmann betonte: „Selbst wenn wir noch zehn Tage länger hier sitzen würden, wären wir kein Stückchen schlauer als jetzt. Spekulationen sind kein zulässiges Beweismittel.“ Und so blieb bis zuletzt einiges im Dunkeln und von der „Arbeitshypothese in der Anklage am Ende nichts übrig“, erklärte Herrmann die beiden Freisprüche.

Nur Halim D. konnte nachgewiesen werden, dass er mit einem gefälschten Pass ein Konto eröffnet und von diesem mehrmals große Summen Bargeld abgehoben hatte. Das räumte der Angeklagte am letzten Verhandlungstag auch ein, betonte aber, nichts über die Hintergründe gewusst zu haben. Er habe nur im Auftrag eines Mannes gehandelt, der ihm angeboten habe, „ein bisschen Geld dazu zu verdienen“. 500 Euro erhielt er für die Kontoeröffnung, weitere 500 für jede Abhebung. Insgesamt 4000 Euro kamen so zusammen.

Ob er nie nachgefragt habe, wofür das Geld verwendet werde oder woher es stamme, wollte der Richter von dem 30-Jährigen wissen. „Klar habe ich Nachfragen gestellt, aber die wurden beantwortet nach dem Motto: ‚Musst Du nicht wissen‘“, erklärte Halim D., räumte aber auch ein: „Ich wollte nicht so viel fragen. Es war eine Anerkennung, was mit dem zu machen.“ Schließlich habe der Mann wie ein „Ehrenmann“ gewirkt, weil er gut gekleidet gewesen sei und teure Autos fuhr.

Richter erkennt gute Sozialprognose

Mit seinem Verhalten habe der Angeklagte „billigend in Kauf genommen, dass da etwas nicht in Ordnung ist“, betonte Herrmann. Zudem habe er offenbar doch so ein schlechtes Gefühl bei der Sache gehabt, dass er sich vor einigen Bargeldabhebungen seine Fingerkuppen mit Sekundenkleber manipulierte. Da das Gericht für Halim D., der mittlerweile einen festen Job hat und bald heiraten möchte, eine „gute Sozialprognose“ stellte, erhielt er statt der einjährigen Freiheitsstrafe zwei Jahre auf Bewährung. Die 4000 Euro muss er zurückzahlen – denn „Straftaten sollen sich nicht lohnen“, begründete Herrmann.

Für wen sich der Betrug letztlich lohnte, bleibt weiterhin offen. Schon Felix W. gab den Namen des Hintermannes nicht preis und auch Halim D. hielt sich nun mit Informationen bedeckt: „Zu ihm möchte ich keine Angaben machen. Er ist im Rockermilieu, und ich habe Angst um meine Familie.“ Schließlich habe eben jener Mann ihm vor Prozessbeginn eingebläut: „Schön die Fresse halten. Ich weiß ja, wo ich Dich finde.“ Einen Rat für die Zukunft konnte sich der Richter da nicht verkneifen: „Ein Ehrenmann wird nicht durch das gemacht, wo er drinsteckt, sondern durch das, was in ihm steckt.“

Von Katharina Hartwig und Lilly von Consbruch

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