Sonntag , 4. Dezember 2022
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Blackout und andere Katastrophen: Innenminister Boris Pistorius informierte sich gestern in der Samtgemeinde Ilmenau während einer Stabsrahmenübung über das Einsatzszenario. (Foto: phs)
Blackout und andere Katastrophen: Innenminister Boris Pistorius informierte sich gestern in der Samtgemeinde Ilmenau während einer Stabsrahmenübung über das Einsatzszenario. (Foto: phs)

Innenminister bei Katastrophenschutzübung

Die Blaulichtorganisationen stehen jetzt wieder verstärkt im Fokus des öffentlichen Interesses: In der Samtgemeine Ilmenau informiert sich Innenminister Boris Pistorius (SPD) über die Abläufe einer Stabsrahmenübung.

Melbeck. Wer Wahlen gewinnen will, muss Optimismus ausstrahlen – und nicht über Katastrophen sprechen: Diese Erkenntnis gehörte lange Zeit zum Einmaleins eines jeden Politikers. Doch spätestens seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine scheint diese eiserne Regel offenbar nicht mehr zu gelten. „Wir müssen die Menschen informieren und sensibilisieren“, betonte am Donnerstag während seines Besuchs in der Samtgemeinde Ilmenau Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD): Denn vielen Menschen sei offenbar noch immer nicht bewusst, dass es durchaus Sinn mache, sich auch auf mögliche Katastrophenszenarien vorzubereiten und sich mit haltbaren Lebensmitteln und Trinkwasser für einige Tage zu bevorraten.

Der Minister wohnte einer Stabsrahmenübung der Freiwilligen Feuerwehr Ilmenau bei: Ausgangslage dieser Übung war ein Gewitter -und Starkregenereignis auf lokaler Ebene. Welche Maßnahmen müssen getroffen werden? Welche Hilfseinsätze haben oberste Priorität? Welche Wehr kümmert sich um was? Das alles sind Fragen, die am Donnerstag in der Kommunalen Einsatzleitung unter den Augen des Ministers durchgespielt wurden – getreu dem Motto: „Wer sich versagt, sich vorzubereiten, ist vorbereitet zu versagen“.

Lebensmittelgeschäfte sind geschlossen

Doch was passiert, wenn auch der Strom ausfällt, es zum befürchteten „Blackout“ kommt? Nicht nur im Landkreis Lüneburg, sondern auch weit darüber hinaus? Die Ilmenauer Feuerwehr hatte genau dieses Worst-Case-Szenario vor einigen Jahren so realitätsnah wie möglich durchgespielt. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse stellte Uwe Hauschild, lange Jahre Gemeindebrandmeister in der Samtgemeinde Ilmenau dem ­Minister vor. „Mindestes fünf Tage, vielleicht sogar länger, ­dauert es laut unserem Stromversorger, bis das Netz wieder ­hergestellt ist“, erklärt Hauschild. Nur: „Bis dahin bricht dann auch das Trink- und Abwassersystem zusammen. Es gibt kein Benzin an den Zapfsäulen mehr, Handys und Funk funktionieren auch nicht mehr, Lebensmittelgeschäfte sind geschlossen.“

Kurz gesagt: Ein flächendeckender Stromausfall würde eine hochtechnisierte Industrienation wie Deutschland zurück in die Steinzeit katapultieren. Denn die Liste der Probleme lässt sich fortführen. „Wie können die Bewohner in den Alten- und Pflegeheimen weiter versorgt werden, die bettlägerig sind, womöglich auch noch am Sauerstoffgerät hängen? Und was machen Bestatter mit ihren Toten, wenn die Kühlkammern aufgrund eines Blackouts nicht mehr funktionieren?

Eine neue Sicherheitslage

Bis vor Kurzen waren es vor allem Unwetterlagen – Sturm- und Starkregen, Hochwasser und Schneekatastrophen, auf die sich die Blaulicht-Organisationen in Übungen vorbereiteten: Inzwischen aber fürchtet auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) „Attacken in Deutschland“, die bis vor Kurzem kaum denkbar gewesen seien.

Ähnlich sieht das auch ihr Amts- und Parteikollege Pistorius: „Wir müssen uns auch als Land Niedersachsen auf eine neue Sicherheitslage einstellen“, betonte er. Als erstes und bisher einziges Bundesland habe Niedersachsen deshalb kurzfristig ein 40-Millionen-Euro-Paket für die Beschaffung von Fahrzeugen und für Prävention aufgelegt. „Ich weiß, dass das noch nicht reicht, aber es ist ein Anfang“, betonte der Minister: „Wir wollen keine Panik schüren, aber wir müssen jetzt die erforderlichen Maßnahmen treffen.“

Von Klaus Reschke

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