Samstag , 3. Dezember 2022
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Para-Kanutin Esther Bode hat einige internationale Erfolge vorzuweisen. Erst vor vier Monaten, beim Weltcup in Polen, paddelte sie wieder als Siegerin durchs Ziel. (Foto: t&w)

Querschnittsgelähmt nach Reitunfall – und nun als Para-Kanutin erfolgreich

Seit einem Reitunfall vor elf Jahren sitzt Esther Bode im Rollstuhl. Man könnte an dieser Stelle die Geschichte einer Frau erzählen, die ihren großen Traum vom Reitsport begraben musste. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Heute sammelt die 31-Jährige Medaillen als Para-Kanutin.

Bleckede. Das erste, was Esther Bode sieht – an einem Junitag im Jahr 2011 –, ist ein weißer Raum mit lauter Schläuchen und blinkenden Geräten. Das zweite, an das sie sich erinnert, ist der Schmerz in ihrem Rücken – ein stechender, übler Schmerz. Was zum Teufel war passiert? Bildfetzen sickern durch den Nebel der Medikamente in ihr Gedächtnis: der Reitplatz, die Rettungskräfte, der Hubschrauber…

Esther lässt genervt die Hände in den Schoß fallen. „Ich weiß nicht. Das klingt rückblickend alles so schrecklich dramatisch.“ Sie schnaubt. „Naja, das war’s ja schließlich auch“, merkt Vater Siegward Bode vorsichtig an, will noch etwas ergänzen, aber… Esther winkt ab. Genug von damals! „Sprechen wir jetzt über Sport?“ Früher war Esther Reiterin, heute sammelt sie Medaillen als Para-Kanutin: Erst vor vier Monaten, beim Weltcup in Polen, paddelte sie wieder als Siegerin durchs Ziel.

Das Trikot unterm Pulli, die Medaillen in der Tasche

Man könnte an dieser Stelle die Geschichte einer Frau erzählen, die nach einem tragischen Reitunfall im Rollstuhl sitzt – nicht mehr laufen kann, nicht mehr reiten, nicht mehr Handstand im Garten üben. Es wäre die Wahrheit. Aber Esther ist nicht extra nach Feierabend noch zu ihren Eltern nach Bleckede gefahren, um über Dinge zu reden, die sich sowieso nicht ändern lassen. Die sie, gibt Esther zu bedenken, vielleicht auch gar nicht ändern wollte: „Wäre ich nicht querschnittsgelähmt, ich hätte mein Leben im Pferdestall verbracht und dabei sicher viel verpasst“, stellt die 31-Jährige klar.

Da sitzt sie im Garten ihrer Eltern – das Trikot unterm Pulli, die Medaillen in der Tasche, bereit zu reden. Über Sport, versteht sich. Dafür muss Esther notgedrungen noch ein paar Kapitel zurückblättern – und findet sich bald in den späten 90ern wieder, in ihrem mit Pferdepostern tapezierten Kinderzimmer.

„Ich war ein Pferdemädchen“, sagt Esther, lacht und schüttelt den Kopf. „Wirklich, ich hatte damals nur Pferde im Kopf.“ Nach der Schule ging’s in den Stall, einmal pro Woche zum Reitunterricht. Mit zwölf Jahren sollte ihr größter Wunsch in Erfüllung gehen: Haflinger-Stute Copi, ein ruhiges Gemüt. Einige Jahre später dann der zweite: Trakehner-Wallach Hidalgo, ein blutjunges Nervenbündel.

Der Reitplatz, die Rettungskräfte, der Hubschrauber…

Mit Hidalgo startete Esther bald auch im Turniersport durch: Auf dem Dressurviereck und im Springparcours sammelte das Duo an den Wochenenden Schleifen. Bis zum 10. Juni 2011. Bei ihrer ersten Geländeprüfung in Brietlingen blieb Hidalgo an einem Baumstamm hängen, Esther verlor das Gleichgewicht, schleuderte vorwärts aus dem Sattel und prallte auf dem Boden auf – gefolgt von Hidalgo, der sie wenige Millisekunden später unter sich begrub. Der Reitplatz, die Rettungskräfte, der Hubschrauber…

Man könnte an dieser Stelle die Geschichte einer Frau erzählen, die nach einem tragischen Reitunfall im Krankenhauszimmer liegt und weint, viel weint. Die Sätze sagt, die ihren Vater bei der Erinnerung daran noch heute schwer schlucken lassen: „Ich wollte doch nicht mein ganzes Leben in Bleckede bleiben.“ Auch das wäre die Wahrheit. „Aber jeder ist doch traurig, wenn so etwas passiert, oder nicht?“, fragt Esther. Wenn auf einmal das Gefühl in den Beinen fehlt, Therapeuten an der Tür klopfen und ein Rollstuhl am Bett steht.

Ehrgeizig, zielgerichtet, verantwortungsbewusst

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass Esther Sportlerin ist – ehrgeizig, zielgerichtet, verantwortungsbewusst, auch mit sich selbst. Als Reiterin hat sie gelernt: „Wer vom Pferd fällt, muss so schnell wie möglich wieder aufsteigen.“ Und genau das tat sie, schon wenige Wochen nach dem Unfall – erst bei der Hippotherapie, dann auf Copi.

Nur fühlte sich das nicht mehr an wie damals. „Ich habe relativ schnell gemerkt, dass das einfach nicht mehr meins ist. Geführt zu werden, abhängig zu sein von anderen…“ Nachdenklich lässt sie den Blick durch den Garten schweifen. „Mir war klar: Diese Freiheit auf und mit dem Pferd, die würde ich so nicht mehr haben, weil immer jemand dabei sein müsste – und das wollte ich nicht.“

Darum beschloss Esther, die schon während ihres monatelangen Reha-Klinikaufenthalts lieber den halben Tag mit Fitnessübungen verbrachte als mit der Psychologin zu reden, Rollstuhl-Basketball zu spielen. Zweimal wöchentlich – bis zur zweiten Bundesliga. Das war ihre Form der Therapie.

Hündin Nala: Ein guter Grund, morgens aufzustehen

Haflinger-Stute Copi genießt ihre Zeit als Rentnerin auf der Wiese, Wallach Hidalgo hat Esther zwei Jahre nach ihrem Unfall schweren Herzens verkauft. Auf dem Handy zeigt sie Bilder von einem ihrer Besuche in seinem neuen Zuhause: Hidalgo, wie er seinen großen Kopf auf ihre Schultern legt. Hidalgo, der nun weiß Gott nichts für diesen Unfall konnte, wie Esther klarstellt.

Die große Lücke, die der Abschied vom Reitsport in ihr Leben riss, füllte in den ersten Jahren Hündin Nala. Wenn Esther morgens nicht mehr wusste, wofür sie eigentlich aufstehen sollte, wartete die schwarze Mischlingsdame schwanzwedelnd vor ihrem Bett. Da war er, der Grund. Ein wirklich guter Grund.

Heute arbeitet Esther als Ergotherapeutin in ihrer Wahlheimat Hamburg. Noch immer spielt sie Basketball, aber dabei sollte es nicht bleiben. Vor vier Jahren fragte eine Teamkollegin, ob sie nicht Lust hätte, auch mal mit zum Kajak-Fahren zu kommen. Und hier beginnt nun das Kapitel, in dem Esther besonders gern blättert: „Ich konnte mich in dem Boot zwar halten, aber aufgrund der geringen Rumpfstabilität gelang es mir nicht, genug Druck aufs Paddel zu bringen“, erklärt sie. Spaß hatte sie trotzdem. „Das war nur nichts für den Leistungssport.“ Und Esther wollte Leistung. Tempo. Erfolg.

Damit sich auch andere trauen

Also testete sie ein Boot, das dem Kajak recht ähnlich ist, aber über einen seitlichen Ausleger verfügt – gebaut, um damit über die Wellen des Ozeans zu reiten. Der Ausleger garantiert seitliche Stabilität, wenn Esther links mit dem Paddel ins Wasser sticht. Es kann dadurch nicht so schnell kippen und gibt Esther die Freiheit zurück, die sie zuletzt mit Copi im vollen Galopp auf dem Stoppelacker gefühlt hatte. Seit 2018 trainiert Esther also nicht mehr nur auf dem Basketballplatz, sondern zusätzlich noch mehrfach die Woche auf der Ruderstrecke in Hamburg-Allermöhe. Mit Erfolg: Bereits ein Jahr nach der ersten Stippvisite im Hamburger Kanu-Club wurde sie in die Nationalmannschaft aufgenommen.

Bei der Europameisterschaft in Polen 2019 holte sie in ihrer Startklasse Gold. 200 Meter in weniger als anderthalb Minuten. Esther grinst: „Ich konnte ja aber nur Erste werden.“ Denn mehr Starter gab es damals noch nicht. „Es muss halt erst einmal jemand mitmachen, damit sich auch andere trauen“, sagt sie. Damit der Sport eines Tages auch als paralympische Wettkampfdisziplin angenommen wird.

„Das fetzt schon ordentlich“

Dafür fährt Esther zu internationalen Wettbewerben nach Polen, Dänemark, Ungarn oder Kanada. Weil das Rennen mit dem Auslegerboot nicht paralympisch ist, zählt sie zu den sogenannten Selbstzahlern. „Das heißt, dass wir uns immer selbst um die Finanzierung der Wettkämpfe und Trainingslager kümmern müssen“, bedauer Esther. Sie hofft, dass sich das mit den Paralympics 2028 in Los Angeles ändert.

Man könnte an dieser Stelle die Geschichte einer Frau erzählen, die ihren großen Traum vom Reitsport begraben musste. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass dieser eine geplatzte Traum durch zehn neue ersetzt wurde. „Ich bin ja nicht mal aufs Paddeln festgelegt“, stellt Esther klar. „Wenn sich da eine andere Sportart auftut… Ich bin immer für alles offen.“ In den vergangenen zehn Jahren hat sie schon so einiges ausprobiert – von Tauchen im Atlantischen Ozean mit einer XXL-Flosse über Handbike-Fahren bis hin zu Monoski. Dabei lenkt sie das Brett auf dem Schnee mit ihrem Gleichgewicht auf einer Sitzvorrichtung über die Piste und holt Schwung mit zwei Stöcken in den Händen. Das hat es Esther mächtig angetan: „Das fetzt schon ordentlich.“

Mit dem eigenen Camper durch Europa

Für diesen Winter aber steht ein anderes Projekt ganz oben auf ihrer Liste: Der weiße Sprinter, der vor der Haustür ihrer Eltern parkt, soll sich in einen Camper verwandeln. Das bullige Gefährt ist bereits mit einem Handgas und einem Lift ausgestattet, braucht aber noch Elektrik, ein Bett und eine Küchennische. Für den Ausbau sucht sie noch tatkräftige Unterstützung, denn Esther hat sich in den Kopf gesetzt, damit nächstes Jahr Europa zu erkunden. Und was sich Esther in den Kopf gesetzt hat, das erreicht sie auch. Ganz die Sportlerin.

Von Anna Petersen

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