Samstag , 3. Dezember 2022
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Diese Tragetaschen voller Infomaterial und kleiner Geschenke waren Teil der Öffentlichkeitsarbeit zum Aktionstag Glücksspielsucht.
Diese Tragetaschen voller Infomaterial und kleiner Geschenke waren Teil der Öffentlichkeitsarbeit zum Aktionstag Glücksspielsucht. (Foto: phs)

Glücksspielsucht: Zocken nach neuen Regeln

Bei Spielersperre denken viele Menschen vielleicht zuerst an Fußball oder andere Sportarten. Das wollen Anne Sikorski und andere Fachberater für Glücksspielsucht ändern: Seit etwas über einem Jahr gibt es nämlich die Selbstsperre für Spielsüchtige, die sowohl in Hallen als auch beim Online-Glücksspiel greift. Sie ist Teil des neuen Glücksspielstaatsvertrags. Sikorsi erklärt das Prinzip der Sperre.

Lüneburg. Die Welt des Glücksspiels ist schnelllebig – nicht nur im Innern, sondern auch in ihrer äußeren Form. "Der Bereich wandelt sich wirklich rasant", darum sei er auch so schwer zu regulieren, erklärte Fachberaterin Anne Sikorski jüngst am niedersächsischen "Aktionstag Glücksspielsucht". Dessen Motto lautete in diesem Jahr: "Zocken stoppen!" Sikorski von der "Fachstelle für Sucht und Suchtprävention drobs Lüneburg" und andere Anlaufstellen für Spielsüchtige und Angehörige machten damit auf die Chance aufmerksam, die eine Spielersperre Suchtkranken bietet, um ihr pathologisches Spielverhalten wieder in den Griff zu bekommen.

Die selbst auferlegte Beschränkung gibt es nun seit etwas mehr als einem Jahr. Sie ist Teil des Staatsvertrages zur Neuregulierung des Glücksspielwesens in Deutschland. "Sie ist wirklich ein wirksames Mittel", findet Suchtberaterin Anne Sikorski. "Wenn jemand merkt, ihm ist die Kontrolle übers Glücksspiel entglitten, kann er sich den Zugang zu Online-Glücksspielen und zu Spielhallen selbst verwehren. Er darf dann nicht mehr rein- oder zugelassen werden." Das funktioniert deshalb auch bei Glücksspielseiten im Internet, weil man sich dort mit seinem Klarnamen anmelden muss. "Vorausgesetzt natürlich, die Website ist legal und hat eine Lizenz für Deutschland", gibt Sikorski zu bedenken. Auch die Lizenzen sind ein Produkt der neu getroffenen Regelung. "Seit dem vergangenen Jahr ist das Online-Glücksspiel erlaubt in Deutschland. Vorher war Schlesweig-Holstein da die Ausnahme." In allen anderen Bundesländern war Zocken im Netz offiziell tabu.

Suchtpotenzial besonders hoch

Der Glücksspielstaatsvertrag sollte denn auch vor allem die unterschiedlichen Landesregelungen vereinheitlichen. Gerade mit Blick auf die wachsende Zahl privater Anbieter von Online-Casinos, -Poker und -Sportwetten, die sowieso nicht vor Grenzen Halt machen. Auch wenn das erklärte Ziel dabei war, illegale Angebote mit hohen Einsätzen (und hohen Verlusten) einzudämmen: Dass dafür der Staat Online-Glücksspiele legalisiert hat und so nun Steuern einnimmt, rief einige kritische Stimmen hervor.

Gerade für diese Angebote schätzt die "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" das Suchtpotenzial nämlich als besonders hoch ein. Immerhin sind sie jederzeit und überall leicht verfügbar, können in kurzer Zeit häufig genutzt werden, und die Teilnahme vom heimischen Rechner aus lässt sich einfach verheimlichen – gerade zu Zeiten von coronabedingtem Homeoffice ein großes Problem. Denn wer zum Spielen nicht mehr in die Halle gehe, der komme auch nicht mehr runter: Die räumliche Trennung zwischen Zuhause und Sucht fällt.

Bedarf an Beratung nimmt zu

Anne Sikorski bestätigt, dass die Zahl der Menschen, die das Beratungsangebot in Lüneburg aufsuchen, mit der zunehmenden Verbreitung von Online-Glücksspielen und -Wettbüros, deutlich angestiegen ist. Als Auslöser für diesen sichtbaren Effekt kommen für sie aber viele Faktoren in Frage: Corona und Homeoffice etwa; dass in dieser Zeit einfach mehr Menschen an einen Punkt gekommen sind, an dem ihnen die finanziellen Schulden über den Kopf wuchsen; mehr Personen bereit waren, sich Hilfe zu suchen; oder eben doch, "dass noch mehr Werbung gemacht werden konnte durch die Novelle und deswegen noch mehr Leute zum Online-Spielen kamen".

Was auch immer die Ursachen für den gestiegenen Beratungsbedarf: Sikorski und ihr Team werden ebenfalls weiter Werbung machen, für ihre Hilfsangebote vor Ort und für die bundesweite Spieler-Selbstsperre.

Von Katharina Hartwig

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