Samstag , 3. Dezember 2022
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Kommt ein Kalb auf Hof Bockelmann zur Welt, wird es üblicherweise nach zwölf Stunden von der Mutter separiert, es zieht dann in eine Kunststoffhütte, das sogenannte Iglu. Fünf Tage lang bekommt es dort von Landwirt Heiko Bockelmann die Milch der Mutter gefüttert, dann werden die Tiere mit Vollmilch getränkt. (Foto: t&w)
Kommt ein Kalb auf Hof Bockelmann zur Welt, wird es üblicherweise nach zwölf Stunden von der Mutter separiert, es zieht dann in eine Kunststoffhütte, das sogenannte Iglu. Fünf Tage lang bekommt es dort von Landwirt Heiko Bockelmann die Milch der Mutter gefüttert, dann werden die Tiere mit Vollmilch getränkt. (Foto: t&w)

Mindestalter für Kälbertransport: Bauern müssen Ställe umbauen

Das gesetzliche Mindestalter für den Kälbertransport verdoppelt sich. Das stellt Milchviehhalter wie Heiko Bockelmann vor neue Herausforderungen. Während der Garlstorfer auf die konventionelle Kälberhaltung im Kunststoff-Iglu setzt, beschreitet sein Kollege Frank Lenz aus dem Landkreis Stendal ganz neue Wege. Dort leben die Jungtiere in der Gruppe, bei einer Ammenkuh. Doch beide Landwirte werden ihre Ställe umbauen müssen, um mehr Platz für die Kälber zu gewinnen. Beide fürchten Mehrkosten.

Garlstorf. Nach durchschnittlich 18 Tagen tritt ein männliches Kalb aus Garlstorf seine erste große Reise an: Raus aus dem Plastik-Iglu, rein in den Transporter. Bis auf wenige Ausnahmen verkauft Milchviehhalter Heiko Bockelmann seine jungen Bullen an einen Aufzuchtbetrieb – für rund 150 Euro pro Tier. So ist es gängige Praxis in der konventionellen Landwirtschaft.

Anfang kommenden Jahres soll sich das ändern: Das gesetzliche Mindestalter für den Kälbertransport verdoppelt sich. Die neue Tierschutztransportverordnung schreibt vor, dass spätestens zum Jahreswechsel die Jungtiere nicht mehr wie bislang üblich mit 14, sondern erst mit 28 Tagen den Herkunftsbetrieb verlassen dürfen.

Mehrkosten von rund 120 Euro netto pro Kalb

Das sorgt für Unbehagen bei Heiko Bockelmann: Er rechnet mit Mehrkosten von rund 120 Euro netto pro Kalb allein für Fütterung und Arbeitsaufwand, die ihm – so seine Befürchtung – vom Abnehmer nicht erstattet werden. „Vielen meiner Berufskollegen geht es schon jetzt richtig beschissen“, stellt der Landwirt klar. „Ich weiß nicht, wie das finanziell funktionieren soll.“ Er selbst erhält mit 56 Cent pro Liter Milch derzeit zwar einen historisch hohen Milchpreis, davon bleibe nach Abzug der Mehrkosten für Strom, Sprit und Düngemittel allerdings nicht mehr viel übrig, wie der Garlstorfer Landwirt betont.

Kommt ein Kalb auf Hof Bockelmann zur Welt, wird es üblicherweise nach zwölf Stunden von der Mutter separiert, es zieht dann in eine Kunststoffhütte, das sogenannte Iglu. Fünf Tage lang bekommt es dort die Milch der Mutter gefüttert, dann werden die Tiere mit Vollmilch getränkt. So bleibt am Ende mehr übrig für den Verkauf an die Molkerei. „In der Öffentlichkeit sind wir immer die Bösen, weil wir den Müttern die Kälber wegnehmen“, klagt Bockelmann. Doch für ihn ist klar: „Anders ist es momentan nicht machbar.“

Ein erwachsenes Tier zieht vier Kälber auf

Eine Aussage, die Frank Lenz so nicht unterschreiben würde. Der Milchviehhalter aus Schinne im Landkreis Stendal hält seine Jungtiere bereits seit fünf Jahren in der Gruppe. Zwar werden auch auf seinem Betrieb die Kälber von der leiblichen Mutter getrennt, danach aber von sogenannten Ammenkühen getränkt – rund zwei Wochen die Bullen und etwa 100 Tage die weibliche Nachzucht, die Lenz später für die Milchproduktion auf seinem Hof braucht. Vier Kälber kommen in Lenz Stall auf ein erwachsenes Tier. Der 43-Jährige will mit seinem Ansatz ein Vorbild für andere Milchviehhalter sein.

Lenz selbst ist erst seit Anfang des Jahres Bio-Landwirt. Auch er hat, wie schon sein Vater, zuvor viele Jahre auf die Iglu-Haltung gesetzt. „Die konventionelle Kälberaufzucht ist ein sehr gut funktionierendes System“, sagt Lenz. „Sie passt nur nicht in meine Werteordnung.“ Für ihn ist die Gruppenhaltung mit der Ammenkuh ein Schritt zu mehr Tierwohl. „Diese Haltung entspricht der Natur der Tiere. Wir überlassen die Sache einfach den tatsächlichen Expertinnen, den Kühen.“ Von ihnen lernten die Kälber auf seinem Hof alles vom Fressen bis zum Sozialverhalten.

Rund 100.000 Liter Milch fließen nicht in die Molkereitanks

Lenz spricht gern über Haltung und Werte. Nicht so gern spricht er über Kosten, denn die – das will er dann doch nicht leugnen – fallen bei der Gruppenhaltung durchaus ins Gewicht. Rund 100.000 Liter Milch pro Jahr würden statt in die Molkereitanks in die Kälberaufzucht fließen, rechnet er vor. Zur Einordnung: Seine 300 Milchkühe produzieren täglich etwa 8000 Liter Milch für den Handel.

„Das komplette Risiko bleibt beim Produzenten“, stellt Lenz klar. „Damit kalkuliere ich meine mögliche Pleite mit ein: Das Ende meines Betriebs ist nicht das Ende meines Seins. Ich wäre bereit, den Preis zu zahlen. Das lässt mich tatsächlich frei sein.“ Weil er dabei nicht wider seiner Werte handelt müsse – und weil er hofft, dass sich seine Pionierarbeit eines Tages noch bezahlt macht. „Die Frage, vor der ich als Landwirt stehe, ist doch: Mache ich weiter wie bisher in dem Wissen darum, dass ich in einer Sackgasse stecke und früher oder später gegen die Wand renne, oder ändere ich etwas und habe damit die Chance, an einer Weggabelung abzubiegen und mich und meine Kühe auf neue Wiesen zu führen“, gibt Lenz zu bedenken.

Nicht mehr Arbeit, sondern andere Arbeit

Mehr Arbeit mache die Gruppenhaltung von Ammenkühen und Nachzucht nicht – aber andere Arbeit: Statt mehrfach am Tag die Kälber zu tränken, seien seine Mitarbeiter damit beschäftigt, jedem Kalb im Laufstall zu seinem Recht zu verhelfen. Haben alle genug Milch bekommen? Gibt es verletzte Tiere? Wie sind die Wachstumsfortschritte? Beobachtungsarbeit gehört für ihn und sein Team zum täglich Brot. Die Erfolge, die Lenz mit seinem Weg erzielt hat, stimmen ihn zuversichtlich: „Wir haben in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt, dass die täglichen Gewichtszunahmen genauso gut sind wie in einer intensiven konventionellen Aufzucht.“

Der Milchviehhalter aus Sachsen-Anhalt will sein Konzept Berufskollegen für die Umstellung an die Hand geben. Die größte Herausforderung dabei sei die Vermarktung, die Frage: Wie gelangt das Angebot in die städtischen Zentren, „wo die Menschen leben, die ihre Vorstellung einer tierwohlgerechten Milcherzeugung umgesetzt haben wollen“. Lenz ist überzeugt: „Viele Bauern handeln gegen ihre Wertehaltung. Ich wünsche mir einfach, dass mehr Kollegen ihren eigenen Wünschen, die sie im Herzen tragen, folgen. Das könnte viel dazu beitragen, dass Bauern und Gesellschaft wieder näher zusammenrücken“, glaubt er, um gleich darauf anzufügen: „Erst wirst Du ausgelacht, dann wirst Du bekämpft, dann wirst Du kopiert – und übers Auslachen bin ich schon hinweg.“

Milchviehhalter müssen ihre Ställe umbauen

Heiko Bockelmann verfolgt die Versuche auf dem Betrieb von Frank Lenz mit großem Interesse. Beide eint die Frage, wie sie mit dem neuen Mindestalter für den Kälbertransport umgehen sollen. Beide werden ihren Stall umbauen müssen, um mehr Platz für die Jungtiere zu gewinnen. Beide halten die Verordnung dennoch für den richtigen Weg. Da ist nur diese eine Frage, die Bockelmann mehr Kopfzerbrechen bereitet als seinem Kollegen aus Sachsen-Anhalt: „Wer bezahlt das am Ende?“

Von Anna Petersen

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