Sonntag , 4. Dezember 2022
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Weil die Kosten für Pflegeheimbewohner drastisch ansteigen, gibt es unter ihnen mehr Antragssteller auf Sozialleistungen. (Foto: AdobeStock)
Weil die Kosten für Pflegeheimbewohner drastisch ansteigen, gibt es unter ihnen mehr Antragssteller auf Sozialleistungen. (Foto: AdobeStock)

Wohnen im Pflegeheim kaum noch bezahlbar

Auf viele Bewohner von Pflegeeinrichtungen sowie deren Angehörige kommen erhöhte Kosten zu. Im Schnitt kostet ein Heimplatz in Niedersachsen derzeit 1.913 Euro Eigenanteil. Mehrkosten für Mindestlöhne, Energie oder Lebensmittel müssen die Einrichtungen an Bewohner weitergeben. Das führt zu mehr Anträgen beim Sozialamt.

Lüneburg. Für Hilde Früsch* ist es eine sorgenvolle Zeit. Seit einigen Monaten lebt ihr Mann in einem Pflegeheim im Landkreis, rund 2000 Euro zahlen sie für den Platz. Nun wird sich der Preis um 370 Euro erhöhen – gestiegene Unterkunftskosten, gestiegene Verpflegungskosten und eine extra Rechnung für deutlich gestiegene Heizkosten. "Es gibt daher nun ein Sonderkündigungsrecht, aber was sollen wir machen, die anderen Heime werden ja auch die Preise anheben." Zudem ist sie mit der Unterbringung an sich zufrieden. "Die machen das schon mit Herz." Nur wie sie die Mehrkosten bezahlen soll, weiß die 71-Jährige nicht. Das Geld gehe eh schon vom Ersparten ab. "Was mich bei der Sache so wütend macht, ist, dass nichts von der Pflegekasse kommt. Die rühren sich überhaupt nicht. Dabei müssten die doch einen Teil der Mehrkosten übernehmen..." Hilde Früsch, deren Mutter ebenfalls in einer Pflegeeinrichtung lebt, hat bereits über einen Minijobs nachgedacht, um die Kosten aufzubringen.

Erhöhte Kosten tragen die Pflegebedürftigen

Die Kostenanteile, die die Pflegekassen übernehmen, stehen jedoch fest. Der Bund definiert sie je nach Pflegegrad (siehe Kasten). Zudem sind die Pflegekassen bereits jetzt weit im Minus. Das Handelsblatt schrieb Ende Juni von einem Defizit von drei Milliarden Euro. Seit Beginn dieses Jahres hat der Gesetzgeber zudem einen Zuschuss der Pflegekosten je nach Länge des Heim-Aufenthalts beschlossen. Auch das wird ein Loch in die Finanzen geschlagen haben. Würden die Pflegekassen weitere Kosten übernehmen, müssten die Beiträge steigen. So werden die Mehrkosten der Pflegeheime an die Bewohner weitergegeben. Die Höhe dieser Mehrkosten verhandeln die Heime mit dem Verband der Ersatzkassen (Vdek), zu denen auch die Pflegekassen gehören. Doch viel Spielraum haben sie nicht – es wird teurer werden. Der Vdek fordert daher, dass die künftige Landesregierung zumindest die Investitionskosten trägt, die einen Teil des Eigenanteils der Bewohner ausmachen, denn: "Mittlerweile dringen die Kosten in Dimensionen vor, die immer mehr Bewohner von Pflegeheimen überfordern", sagt Simon Kopelke, Sprecher des Vdek Niedersachsen.

Mehr Anträge beim Sozialamt absehbar

Rund 1800 Euro beträgt zum Beispiel derzeit der Eigenanteil von Bewohnern des Alten- und Pflegeheims "Ilmenau Palais" in Deutsch Evern. "Das sind noch die Preise von 2020", sagt Sven Schlüter, zuständig für die Verwaltung. Die Preise können aber nicht mehr gehalten werden. Aktuell würden Verhandlungen mit dem Vdek laufen. "Ich kann mir danach eine Punktlandung bei circa 2000 Euro Eigenanteil vorstellen", so Schlüter. Sobald die Verhandlungen durch sind und die neuen Preise feststehen, schätzt er, dass sich mehr Bewohner an das Sozialamt wenden. "Das kommt auch jetzt schon immer häufiger vor. Aber nach den Verhandlungen denke ich, dass es bis zu 25 Prozent mehr Antragssteller unter den Bewohnern geben wird."

Kostenanstieg im Monat bis über 1000 Euro

Aktuell beziehen rund 300 im Pflegeheim lebende Personen in der Hansestadt Sozialleistungen. "Seit einiger Zeit ist tatsächlich ein deutlicher Anstieg der Neuanträge zu verzeichnen", erklärt Stadtpressesprecherin Suzanne Moenck, "weil nahezu alle Heime in Entgeltverhandlungen zum 1. September 2022 getreten sind, da die Mindestlöhne in der Pflege zu massiven Kostensteigerungen seitens der Heime führen." Die monatlichen Eigenanteile der Bewohner würden sich teilweise um 600 bis über 1000 Euro erhöhen, heißt es aus unserem Bereich Soziale finanzielle Hilfe." Suzanne Moenck betont: "Auf die Inflation mit stark gestiegenen Kosten für Lebensmittel und Energie ist dieser Zuwachs der Neuantragszahlen nicht zurückzuführen, da diese Kosten in den Entgeltverhandlungen noch nicht Thema waren. Dieses kam jetzt noch dazu. Das heißt, es werden unter Umständen noch weitere Erhöhungen auf Heimbewohner zukommen – und damit weiterer Unterstützungsbedarf."

* Name von der Redaktion auf Wunsch geändert

Info

Die wichtigsten Pflegeleistungen

Für die Pflege in einer stationären Pflegeeinrichtung übernimmt die Pflegekasse einen Teil der Kosten, sogenannte Leistungen für die vollstationäre Pflege.

  • Pflegegrad 1: Zuschuss in Höhe von 125 Euro.
  • Pflegegrad 2: 770 Euro.
  • Pflegegrad 3: 1.262 Euro.
  • Pflegegrad 4: 1.775 Euro.
  • Pflegegrad 5: 2.005 Euro.

Leistungszuschlag seit Januar 2022

Zusätzlich erhalten Pflegebedürftige ab Pflegegrad 2 seit 2022 einen Zuschlag zum pflegebedingten Eigenanteil, auch Einrichtungseinheitlicher Eigenanteil (EEE) genannt. Der Zuschlag steigt mit der Dauer der Pflege in der Pflegeeinrichtung: 5 Prozent im ersten Jahr, 25 Prozent im zweiten Jahr, 45 Prozent im dritten Jahr, 70 Prozent ab dem vierten Jahr.

Von Laura Treffenfeld

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