Montag , 5. Dezember 2022
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Warum ein Ende des Wachstums eigentlich unausweichlich sei, diskutierte Ulrike Herrmann (rechts) mit Hannah Ulbrich-Trittin und anderen Anwesenden im Glockenhaus.
Warum ein Ende des Wachstums eigentlich unausweichlich sei, diskutierte Ulrike Herrmann (rechts) mit Hannah Ulbrich-Trittin und anderen Anwesenden im Glockenhaus. (Foto: t&w)

Geordneter Übergang oder Chaos

"Ich bin vom Kapitalismus fasziniert" sagt die Autorin Ulrike Herrmann bei Diskussion über ihr Buch "Das Ende des Kapitalismus" im ausverkauften Glockenhaus. Dennoch sieht sie keine Alternative dazu, als sich vom immerwährenden Wachstum zu verabschieden. Ein Lokaltermin.

Lüneburg. "Das Ende des Kapitalismus" so heißt Ulrike Herrmanns neues Buch. Der Titel ist keine Kampfansage. Über sich selbst sagt sie: "Ich bin keine Kritikerin. Ich bin vom Kapitalismus fasziniert." Auf Einladung des "Literaturbüros Lüneburg" war die aus Talkshows bekannte Wirtschaftsjournalistin am 27. Oktober ab 19.30 Uhr im, bis auf den letzten Platz gefüllten, Glockenhaus. Im Rahmen der Sachbuchreihe "Was uns bewegt" stand sie Hannah Trittin-Ulbrich, Wirtschaftsprofessorin der Leuphana, und dem Publikum Rede und Antwort.

Der Kapitalismus ernährt sich vom Wachstum

Zunächst würdigte Herrmann die Vorteile, die der Kapitalismus den Menschen gebracht habe, etwa die deutlich höhere Lebenserwartung. Für erste Lacher sorgte ihre Bemerkung, die Deutschen hätten "sehr viel Zeug". Der Kapitalismus erzeuge eben nicht nur Wachstum, er ernähre sich auch davon. "Wir müssen konsumieren, um das System zu stabilisieren." Ein unkontrollierter Zusammenbruch der Wirtschaft wäre dann die Folge. Aber wir müssten dringend vom Wachstum weg, wenn wir den Klimawandel noch irgendwie begrenzen wollen. "Die Ökoenergie wird sonst nicht reichen", wie Herrmann an einigen Rechenbeispielen zur Erzeugung und -speicherung von erneuerbaren Energie vorführte. Auf noch in den Kinderschuhen befindliche Technologien zu setzen, sei da blauäugig. "Wenn wir bis 2045 klimaneutral sein wollen, haben wir noch zweiundzwanzigeinhalb Jahre. Ein Beispiel: Computer gab es ab 1945. In der Breite der Gesellschaft angekommen sind die frühestens im Jahr 2000. So viel Zeit haben wir nicht mehr."

Ein Übergang zur Kreislaufwirtschaft ist nötig

Das "Grüne Wachstum", auf dass sich fast alle deutschen Politiker eingeschworen haben, ist darum in Herrmanns Augen eine Illusion. Man übersehe, dass der Klimawandel ein Problem des Wirtschaftssystems sei, in dem wir leben. "Klimakrise und Kapitalismus, das ist eigentlich dasselbe", spitzte sie auf Nachfrage zu. Man müsse da raus. Es brauche eine planvolle Schrumpfung der Wirtschaftsleistung, einen Übergang zur Kreislaufwirtschaft. Das sei aber nicht das Ende des guten Lebens. "Das wird gerne verwechselt." Wie man zu Grüner Schrumpfung kommen könne, ohne dabei bürgerkriegsähnliche Zustände auszulösen, damit beschäftigt sich das Buch.

Ein Beispiel für gelungenen Rückgang findet Herrmann, die ursprünglich Geschichte studiert hat, in der britischen Kriegs-Planwirtschaft von 1939. "Da wurde nichts verstaatlicht." Der Wohlstand müsse aber nicht auf dieses Maß zurück. Bei großzügiger Schätzung (50 Prozent weniger Wirtschaftsleistung) wäre man da auf dem Stand von Deutschland 1978. "Wenn ich mich so umsehe: Hier im Raum sind viele Menschen dabei, die 1978 auch schon dabei waren." Für die eingestreuten Studierenden erinnert die 58-Jährige trotzdem schlaglichtartig an das Jahr.

Auch das "Grüne Wachstum muss auf den Prüfstand

Und entwirft dann ihr Zukunftsszenario: Autos müssten weg, auch E-Autos, Fliegen sei tabu, Kurz- wie Langstrecke, es gebe keine Werbung mehr und keine Banken. Dass das aktuell nicht mehrheitsfähig ist, ist der ebenso nahbaren wie schlagfertigen Journalistin bewusst: "Wenn man immer nur denkt, was schon die Mehrheit denkt, dann denkt man eigentlich gar nicht. Man denkt, wenn man das hinterfragt, was alle denken." So sei sie überhaupt dazu gekommen, das "Grüne Wachstum" in aller Konsequenz auf den Prüfstand zu stellen, Studien unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen zusammenzuführen.

Ökologische Kreislaufwirtschaft

Sorgen machte den Zuschauern vor allem die Frage, ob Großkonzerne und genug andere Staaten mitziehen würden, wenn Deutschland eine geordnete Abkehr vom Kapitalismus versuchte. "Wie soll das in einem freien Europa funktionieren?", fragte etwa einer der Gäste. Globales Handeln hält auch Herrmann beim Thema Klima für zwingend. Deutschland diene ihr im Buch nur als Beispiel. Und betrachte man dessen Lage auf dem Globus, hätten fast "alle Länder mehr Interesse am Klimaschutz als wir". Putins kriegsbedingten Umgang mit Ressourcen hält sie für genauso bedenklich wie die meisten der Anwesenden. Nicht auf alle Fragen hatte Herrmann allerdings eine Antwort. Wie es etwa der Kultur beim Übergang in eine ökologische Kreislaufwirtschaft erginge, darüber habe sie sich bisher keine Gedanken gemacht, gibt sie zu. "Irgendwann musste das Buch ja auch mal vorbei sein."

Von Katharina Hartwig

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