Samstag , 3. Dezember 2022
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Windparks sollen ausgebaut werden. Doch das stärkste bekannte Treibhausgas steckt in diesen Anlagen.
Windparks sollen ausgebaut werden. Doch das stärkste bekannte Treibhausgas steckt in diesen Anlagen. (Foto: be)

Klimakiller in Windrädern

Windparks sollen schneller ausgebaut werden. Doch die Anlagen enthalten einen Stoff, der so stark zum Treibhauseffekt beiträgt wie kein anderer.

Lüneburg. Es geht um nichts weniger als um die Energiewende: Die Politik setzt auf den Bau von Windkraftanlagen, die umweltfreundlich sauberen Strom produzieren sollen. Doch sind die Windquirle tatsächlich so sauber und klimafreundlich wie gedacht? Andrea Harneit und Anette Kork von der USSWG in Scharnebeck haben da ihre Zweifel. Die beiden Scharnebecker Kommunalpolitikerinnen wurden durch einen Fernsehbericht aufgeschreckt – und das wohl aus guten Grund: Das ARD-Magazin Monitor berichtete über ein Gas, das in den meisten Windkraftanlagen zum Einsatz kommt: Schwefelhexafluorid – kurz SF6. Dieses Gas gilt als das stärkste bekannte Treibhausgas. Ein Kilogramm SF6 ist so klimawirksam wie 24 Tonnen Kohlendioxid (CO2). SF6 wird in der Mesosphäre abgebaut, und es dauert mehr als 3000 Jahre, bis es zersetzt und unwirksam ist.

Nun ist auch der Landkreis Lüneburg eifrig dabei, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu forcieren: Schließlich sollen bis 2032 niedersachsenweit 2,2 Prozent der Landfläche für den Bau von Windkraftanlagen verfügbar sein. Zurzeit wird im Landkreis das Regionale Raumordnungsprogramm (RROP) aufgestellt, in dem potenzielle Vorrangstandorte für Windkraftanlagen abgebildet sind. Zurzeit sind das noch 4,6 Prozent des Kreisgebiets, doch im Kreishaus geht man davon aus, dass sich diese Fläche noch verringern wird: „Unser Ziel ist es, die geforderten 2,2 Prozent ausweisen zu können“, erklärte jüngst Kreisrätin Sigrid Vossers.

Hersteller sehen keine Alternative

Nichtsdestotrotz werden wohl auch in der Samtgemeinde Scharnebeck weitere Windräder aufgestellt werden – und das bereitet Kork und Harneit aufgrund ihrer Recherchen Kummer: In einem Antrag an die Samtgemeinde fordern die beiden Politikerinnen daher, "dass den Anträgen auf Ausweisung von Freiflächen (...) nur zugestimmt wird, wenn gewährleistet ist, dass bei den geplanten Windkraftanlagen kein SF6-Gas verwendet wird." Außerdem, so die Politikerinnen weiter, "sollten SF6-freie Anlagen als Kriterium in einer geplanten F-Planänderung festgelegt werden."

Einfach wird das nicht, so hatten beispielsweise die beiden großen Windradhersteller Nordex und Vestas auf Anfrage des ARD-Wirtschaftsmagazins PlusMinus mitgeteilt, dass es zum SF6-Gas noch keine Alternative gebe.

Nur eine freiwillige Selbstverpflichtung

Doch warum wird das Schwefelhexafluorid überhaupt eingesetzt? Weil es ein perfekter Isolator ist. Gasisolierte Schaltanlagen sind wesentlich kompakter als luftisolierte Schaltanlagen, weil SF6 eine drei- bis vierfach höhere Durchschlagsfestigkeit als Luft bei Normaldruck besitzt. Außerdem unterstützt SF6 das Verlöschen von Funkenstrecken effektiver als Luft. Es ist weder giftig noch brennbar oder ozonschädigend und zudem für Mensch und Tier ungefährlich. Aufgrund dieser Eigenschaften stuft der Gesetzgeber SF6 nicht als Gefahrstoff ein. Gasisolierte Schaltanlagen sind vor allem dort praktisch, wo wenig Platz ist. Deshalb kommt es beispielsweise in Windrädern zum Einsatz.

Wie die ARD weiter berichtete, gibt es eine gesetzliche Regulierung für SF6 bis heute nicht. Nur eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie, den Stoff nur in geschlossenen Systemen einzusetzen und am Ende der Lebensdauer zu recyceln oder chemisch zu neutralisieren.

Nicht die einzigen Einsatzbereiche von SF6

Für die Industrie ist das Klimakiller-Gas ohnehin kein großes Problem, denn es entweiche nur wenig davon. Trotzdem, so haben Forscher herausgefunden, tragen diese von der Industrie gemeldeten entwichenen SF6-Mengen in Deutschland stärker zum Treibhauseffekt bei als der gesamte innerdeutsche Flugverkehr. Und: Windkraftanlagen seien nicht die einzigen und nicht die größten Einsatzbereiche von SF6. Für eine Windkraftturbine werden unter drei Kilo des Klimagases verwendet, für ein Umspannwerk mehrere Tonnen.

Von Klaus Reschke

Info-Veranstaltung

Repowering von Windkraftanlagen

Zu einer Info-Veranstaltung zum Thema „Repowering“ von Windkraftanlagen lädt die Gemeinde Dahlem am heutigen Dienstag, 1. November, um 19 Uhr ein. Die Veranstaltung findet in der Industriestraße 4 in Dahleburg statt (in den Räumlichkeiten von Sven von Eberstein). Eingeladen sind alle interessierten Bürger der Gemeinde Dahlem und des angrenzenden Bleckeder Ortsteils Barskamp.

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