Samstag , 3. Dezember 2022
Anzeige
Diese Buchen wurden von Bodo Gerlach gepfanzt und wurden nun vom Rehwild mehrfach verbissen. (Foto: phs)

Rehe als Baumkiller: Waldbesitzer fordern Maßnahmen

Wer im Wald ein Reh sichtet, freut sich zumeist: Waldbesitzer dagegen sehen die Tiere mit Sorge. Denn Rehe sind Feinschmecker. Sie lieben zarte Triebe und Knospen der Bäumen und verbeißen somit jungen Kulturen, die Grundstein sind für den klimastabilen Mischwald. Was also tun?

Wendhausen. Bodo Gerlach liebt die Natur, den Wald und die Tiere. Doch den Wendhausener plagen Sorgen. "Unser Wald ist bedroht", warnt der 69-Jährige. "Denn neben Klimawandel, Trockenheit und Borkenkäfer gibt es einen weiteren Baumkiller, den viele Naturschützer als solchen aber gar nicht so ohne weiteres auf dem Schirm haben – das Rehwild."

Denn Rehe sind Feinschmecker. Sie lieben zarte Triebe und Knospen der Bäume – und das hat Folgen: "Wenn die Rehe die jungen Terminaltriebe von Buchen, Eichen, Ahorn und anderen jungen Bäumen abknabbern, können die Bäume nicht wachsen, verkümmern und verkrüppeln", erklärt Gerlach, der selbst Waldbesitzer und auch Jäger ist. "So wird das nichts mit der Umwandlung unserer Wälder in klima-stabile Mischwälder!", mahnt er.

Gerlach sieht daher nur zwei Möglichkeiten – entweder müssen die Aufforstflächen konsequent und über Jahre hinweg gegattert werden, was teuer und auch aufwändig ist, oder aber Bambi und Co. müssen verstärkt ins Visier genommen werden. Damit das Wild den Wald nicht auffrisst.

Plädoyer für stärkere Bejagung

Gerlach weiß, dass er mit seinen Gedanken vor allem auch in der Jägerschaft nicht überall auf Zustimmung stößt. Und er räumt ein, dass es auch bei ihm lange gedauert habe, bis sich die Erkenntnis durchgesetzt habe, dass nur eine deutlich stärkere Bejagung das Verbiss-Problem löse.

"Als ich vor 40 Jahren mit der Jagd begonnen habe, habe ich das auch noch nicht so gesehen", gibt der Wendhausener freimütig zu, erst durch die Arbeit im Wald habe bei ihm ein Umdenken eingesetzt. "Man kann auch sagen, dass ich mich vom Saulus zum Paulus gewandelt habe", gesteht Gerlach.

Leckerbissen für das Wild

Vor allem Bäume wie die Esskastanie und die Roteiche, die nun verstärkt gegen den Klimawandel gepflanzt werden, haben es als nichtdominante Baumarten besonders schwer: "Das sind nämlich echte Leckerbissen für das Wild", beobachtet Gerlach.

Und er ist nicht der einzige, der die Schäden an den jungen Bäumen mit großer Sorge sieht: Über Verbiss- und sogenannte Fegeschäden (die entstehen an der Rinde, wenn Rehe und Hirsche ihr Gehörn, beziehungsweise ihr Geweih am Holz reiben), wissen auch die Förster aus den staatlichen Revieren zu berichten. Knut Sierk, Pressesprecher der Landesforsten sagt auf LZ-Anfrage: "In der Tat haben wir Probleme mit Verbiss vor allem beim Baumartenwechsel. Und hier insbesondere bei Eichen". Vor allem, weil die Jungpflanzen zuvor in einer Forstbaumschule gezogen und dort auch gedüngt wurden. „Der Stickstoffanteil in den Pflanzen lockt die Tiere geradezu magisch an", beobachtet Sierk.

Hälfte aller Eichen werden verbissen

Auch in Berlin scheint der Hunger des Rehwildes groß: Dort werden die Hälfte aller jungen Eichen und jede fünfte Nachwuchs-Buche von Rehen angefressen, berichtet die Berliner Zeitung. Nun werde geprüft, ob eine Ausweitung der Jagdzeiten für Rehwild angezeigt ist, um Verbiss-Schäden beim Aufbau klima-stabiler Mischwälder wirksam reduzieren zu können.

Und auch in Brandenburg stöhnen Waldbesitzer über die hohen Verbissschäden. Der grüne Umweltminister Axel Vogel fordert sogar ein neues Jagdrecht, damit mehr Wild geschossen werden kann. Er sagt: "Nicht nur das Rehwild, sondern das gesamte Schalenwild übt durch einen zu hohen Bestand einen schädigenden Einfluss auf den Wald aus." Für ihn ist klar: Es muss deutlich mehr Wild geschossen werden, damit der Wald noch eine Chance hat.

Kern seiner Gesetzesnovelle ist es, dass "Grundeigentümer mehr unmittelbare Einflussmöglichkeiten auf die Jagd bekommen". Sein Plan ist, Waldeigentümern mit bestandener Prüfung die Jagd zu gestatten, wenn sie mindestens zehn Hektar Wald besitzen. Bislang sind dafür 150 Hektar, in Ausnahmefällen 75 Hektar erforderlich.

Änderung des Jagdgesetzes nutzt nichts

Doch nicht nur in Brandenburg stößt das auf Unbehagen: Als "untauglich" bezeichnet der Vorsitzende des Landesjagdverbands, Dirk-Henner Wellershoff, die vorgesehene Änderung des Jagdgesetzes. "Wir wehren uns dagegen, dass der Landschafts-, Umwelt- und Tierschutz einer verfehlten Waldpolitik geopfert werden soll.

Auch in Lüneburg sieht man diese Pläne skeptisch. Statt Vorteile sieht Christoph Lütgens, Vorsitzender der Jägerschaft mit mehr als 1200 Mitgliedern, nur Nachteile: Das habe mit Tierschutz nicht mehr viel zu tun, klagt er – wenn sich dieses Konzept durchsetze, dann gebe es noch weniger Rückzugs- und Ruhezonen für das Wild. Im übrigen sieht er den Wald durch das Wild auch nicht in dem Maße geschädigt, dass nun solch drastische Maßnahmen beschlossen werden müssten: "Dort, wo es zu viel Rehwild gibt, könnten die Jagdpächter auch Bewegungsjagden durchführen oder auch auf die Hilfe von Jungjägern setzen", sagt er.

Gesetzesentwurf erinnert an Kleinstaaterei

Auch Knut Sierk lehnt den in Brandenburg diskutierten Gesetzesentwurf ab. "Das erinnert an Kleinstaaterei", sagt er und fügt hinzu: Die "gültigen Jagdreviergrößen haben ihren Sinn!"

Und Bodo Gerlach? Er wird wohl weiter Zäune ziehen müssen, um seine Jungpflanzen zu schützen. "Keine will das Wild im Wald ausrotten", sagt der Wendhausener zum Abschluss. Was er sich wünsche, sei eine "verträgliche Bestandsdichte, denn: "Fraßschäden in der Landwirtschaft fallen schon nach Monaten ins Auge, im Wald aber dauert das Jahre bis Jahrzehnte, bis sie sichtbar werden."

Hubertusmesse

Gottesdienst mit Jagdhornbläsern

Am Sonntag, 6. November, richtet um 18 Uhr die Lüneburger Jägerschaft. im Dom zu Bardowick zusammen mit den Jagdhornbläsergruppen Betzendorf, Böhmsholz und Hubertus eine Hubertusmesse aus. Den Gottesdienst wird Pastor Hans-Martin Kätsch abhalten. Die Hubertusmesse der Lüneburger Jägerschaft im Dom zu Bardowick fand erstmals 1980 statt und wird nur im 3-jährigem Rhythmus fortgeführt.

Das festliche Schmücken des Doms übernehmen in diesem Jahr Mitglieder des Hegeringes Embsen /Betzendorf. Nichtjäger sind herzlich willkommen.

Von Klaus Reschke

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.