Sonntag , 4. Dezember 2022
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Rund 100 Mitarbeiter beschäftigt Galeria Karstadt in Lüneburg. sollte die Filiale schließen, müssen sie um ihre Jobs bangen. (Foto: phs)
Rund 100 Mitarbeiter beschäftigt Galeria Karstadt in Lüneburg. sollte die Filiale schließen, müssen sie um ihre Jobs bangen. (Foto: phs)

Insolvenz von Karstadt: Schließt die Filiale in der Innenstadt?

100 Galeria-Mitarbeiter müssen in Lüneburg um ihre Jobs bangen. Der Konzern hat Insolvenz angemeldet. Zum zweiten Mal in zweieinhalb Jahren. Schuld an der heiklen Situation sind auch die Inflation und die extrem gestiegenen Energiekosten.

Lüneburg. Sie haben viel durchgemacht in den vergangenen drei Jahrzehnten: Besitzerwechsel, neue Firmennamen, Sanierungen, Sortimentsänderungen und immer wieder die Angst vor der Schließung der Filiale in Lüneburg.

Doch dieses Mal ist die Situation für die Lüneburger Galeria-Mitarbeiter bedrohlicher: Deutschlands letzter großer Warenhauskonzern hat eine sogenannte Schutzschirm-Insolvenz beantragt – die zweite innerhalb von nur zweieinhalb Jahren. Anders als 2020 will der Konzern auf weitere Staatshilfen verzichten, weil man sie „in absehbarer Zeit“ nicht zurückzahlen könne. Ohne Hilfen müssen viele Filialen geschlossen werden.

Ankerfunkton für den gesamten Einzelhandel

Genau das sollte und darf in Lüneburg nicht passieren. Da sind sich Melanie-Gitte Lansmann und Heiko Meyer einig. „Wir wollen alles dafür tun, damit Galeria Lüneburg erhalten bleibt“, betont die Chefin der Lüneburg Marketing GmbH. Mit Galeria habe Lüneburg ein Alleinstellungsmerkmal im gesamten Umkreis, denn nur hier gebe es noch ein Kaufhaus, betont sie.

Das sieht auch Meyer, Chef der Lüneburg City Management (LCM), so. Galeria Karstadt habe nach wie vor eine wichtige Ankerfunktion für den gesamten Einzelhandel in der Innenstadt. „Aus den Nachbarlandkreisen Uelzen oder auch Lüchow-Dannenberg kommen viele Kunden zum Einkaufen nach Lüneburg, eben weil es hier noch das Kaufhaus mit einem großen Sortiment gibt.“

Kunden wollen Karstadt nicht missen

Auch einige Kunden, die die LZ befragt hat, sind gegen eine Schließung. „Es wäre sehr schön, wenn Galeria hier bleibt“, sagt die Lüneburgerin Martina Cordes. „Ich kaufe hier gerne ein", sagt ein 27-jähriger Kunde.

Eine 52-jährige Kundin kommt gerade aus der Filiale, hat schnell eingekauft. „Schreibwaren bekommt man ja sonst kaum noch in Lüneburg“, sagt sie. Galeria sollte hier bleiben. Und vielleicht noch mehr Lücken suchen, den der Wandel in der Geschäftswelt hinterlassen hat.

Schließung noch nicht klar 

„Ein Besuch bei Galeria ist auch wegen der Atmosphäre, wegen der Rolltreppen, ein Erlebnis“, sagt Peter Hartwig aus Lüneburg. Der 64-Jährige hofft, dass Galeria nicht schließen muss. Doch er fragt sich auch: Was passiert, wenn sie es nicht schaffen? Was kommt dann in die riesige Immobilie?

Kai-Uwe Riedel, Chef der Lüneburger Galeria-Filiale, bestätigt zwar, dass es ein Insolvenzverfahren und dass es in Lüneburg rund 100 Mitarbeiter gibt. „Zu allen anderen Fragen kann ich nichts sagen, wenden Sie sich bitte an die Konzernzentrale.“ Doch auch dort gibt es bis zum Abend keine Antwort auf die Frage, ob Lüneburg auf der Streichliste steht. Denn der Konzern hat angekündigt, 40 der 131 verbliebenen Filialen schließen zu wollen.

Klarheit in spätestens drei Monaten

Darauf könnte es aber schon bald Antworten geben. Denn die Insolvenz in Eigenverwaltung oder auch Schutzschirm-Insolvenz dauert maximal drei Monate. In dieser Zeit zahlt der Konzern die Gehälter weiter, hat aber Schutz vor seinen Gläubigern.

Während der drei Monate erarbeitet das Unternehmen einen Insolvenzplan, der Grundlage für die Sanierung sein soll. Und genau dieser Plan sieht Filialschließungen vor.

Brief des Chefs erklärt Entscheidung für Insolvenz

In einem Mitarbeiterbrief, aus dem die Zeitung „Welt“ zitiert, führt Galeria-Chef Miguel Müllenbach die Entscheidung für ein weiteres Schutzschirmverfahren auf äußere Effekte zurück – und wehrte sich gegen die Einschätzung, das Geschäftsmodell sei überholt.

Der zweite, von der Politik zunächst ausgeschlossene Corona-Lockdown vor einem Jahr sowie die Kaufzurückhaltung nach Ukraine-Krieg und Inflationsschock hätten den Sanierungsplan zunichte gemacht. Dazu kämen „unerträgliche“ Energiekostensteigerungen.

Nach LZ-Informationen sind allein die Stromkosten der Lüneburger Filiale von 35.000 auf 105.000 Euro pro Jahr gestiegen. Auch LCM-Chef Heiko Meyer weiß, dass die Energiekosten dem Handel extrem zusetzen.

Bisher galt die Galeria-Filiale in Lüneburg als ertragsstark, hat schwarze Zahlen geschrieben und war nie auf einer Streichliste. „Ich hoffe sehr, dass das so bleibt. Alles andere würde Lüneburg schaden,“ sagt Meyer. Denn eines sei klar: Geht Galeria, gibt es eine riesige Lücke in der Innenstadt. Ein Lücke, die nicht so einfach zu schließen sein dürfte.

Von Werner Kolbe

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