Dienstag , 6. Dezember 2022
Anzeige
Nadja Bruntals (v.r.n.l.), Vivian Wagner und Johanna Putensen gehören zu den zehn Frauen, die bei der Selbsthilfegruppe Endometriose gemeinsam diskutieren, sich austauschen und lachen.
Nadja Bruntals (v.r.n.l.), Vivian Wagner und Johanna Putensen gehören zu den zehn Frauen, die bei der Selbsthilfegruppe Endometriose gemeinsam diskutieren, sich austauschen und lachen. (Foto: phs)

Lüneburger Endometriose-Patientientinnen tauschen sich aus

Jede zehnte Frau soll davon betroffen sein. Endometriose ist eine chronische Krankheit und mit schlimmen Schmerzen verbunden. Um mit der Krankheit besser leben zu können, tauschen sich Patientinnen seit Kurzem in einer Selbsthilfegruppe des Paritätitschen aus. Die LZ durfte dabei sein.

Lüneburg. Auch bei starken Schmerzen scheint das Credo der Selbsthilfegruppen zu gelten: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Alle zwei Wochen am Dienstagabend trifft sich die Endometriose-Gruppe beim Paritätischen Lüneburg. Derzeit hat sie zehn Mitglieder; allesamt weiblich, denn Endometriose ist eine chronische Krankheit, unter der vor allem weibliche Personen leiden. Laut Gruppenleiterin Vivian Wagner ist es eine von zehn Frauen. Bei den Treffen tauschen sich die Betroffenen über ihren Alltag mit der Erkrankung aus und bearbeiten gemeinsam Themen rund um das Leiden.

Die Selbsthilfegruppe hat sich erst vor rund einem Monat gegründet (LZ berichtete). Deren Leitung hat die 26-jährige Wagner damals "super spontan" übernommen. Gemeinsam würden sie und ihre Amtskollegin Nadja Bruntals (34) die Verantwortung aber gut meistern, sind sich beide einig. Sie würden als Ansprechpartnerinnen fungieren, intern wie auch nach außen, Themenwünsche sammeln, bei den Treffen die Moderation übernehmen und Protokoll führen, sagen sie. "Unser Job ist es, die Gruppe zusammenzuhalten", fasst es Wagner.

Heftige, oft krampfartige, Schmerzen

Was die Frauen in der Gruppe bereits verbindet, ist die gemeinsame Erfahrung mit den Schmerzen, häufig auch des zunächst von Ärzten nicht ernst genommen Werdens, kurz: ihre Endometriose. Die heftigen, oft krampfartigen, Schmerzen, die die Krankheit kennzeichnen, treten vor allem während der Periode im Unterleib, im Rücken und an anderen Körperstellen auf, heißt es auf der gemeinsamen Webseite des Berufsverbands der Frauenärzte und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Es seien aber keine gewöhnlichen Regelbeschwerden. Bei den Patientinnen wuchern nämlich, Zellen die der Gebärmutterschleimhaut ähneln.

Die Endometriose-Herde entstünden vor allem in Organen im unteren Bauchbereich, könnten aber überall im Körper auftreten, klärt die Internetseite auf. Auch sie bluten, wie die Gebärmutterschleimhaut während der Periode. Am falschen Ort kann das Blut aber häufig nicht abfließen und bildet Zysten. Damit einher gehen zahlreiche weitere Beschwerden. Laut der Webseite der Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V. ist die Krankheit etwa zu 40 bis 60 Prozent der Grund, warum Frauen ungewollt kinderlos bleiben.

"Ohne Opiate schaffe ich solche Tage gar nicht mehr"

Bei einer Blitzlichtrunde zu Anfang eines jedes Treffens berichten die Anwesenden, wie es ihnen in den letzten 14 Tagen ergangen ist. Die Beiträge reichen dabei von einem "Schmerzwochenende, bei dem ich die Nächte auf allen Vieren auf der Yoga-Matte verbracht habe, um es irgendwie auszuhalten" und: "Ohne Opiate schaffe ich solche Tage wie in der letzten Zeit gar nicht mehr.", bis zum entspannten Sylt-Urlaub.

Danach wird bei den Treffen der Lüneburger Selbsthilfegruppe immer ein vorher festgelegtes Thema erörtert. Wagner und Bruntals sind entsprechend vorbereitet, haben recherchiert. Da es aber um das Leben mit der chronischen Krankheit geht, kann jede der Frauen aus ihrem Erfahrungsschatz etwas beisteuern. Die Gruppe ist der Raum, um Fragen zu stellen, eigene Bedenken zu äußern, zweite, dritte, vierte Meinungen einzuholen.

Tipps austauschen, Ängste teilen

Der Umgang untereinander ist herzlich und vertraut, obwohl die meisten der Frauen sich erst seit Kurzem kennen. Denn hier versteht man einander ohne große Erklärungen, kann nachfühlen, wie es den anderen geht, teilt ihre Ängste.

Themen können etwa Erfahrungen mit Kliniken und Ärzten sein, Entspannungstechniken oder Alternativen zu Schmerzmitteln. Für ein Handout sammeln die Leiterinnen alle Vorschläge und Tipps, die besprochen wurden. Wagner erstellt mit den wichtigsten Punkten später einen Instagram-Post.

Mehr Bewusstsein für die Krankheit

Endometriose-Patientin Johanna Putensen (30) findet das sehr hilfreich, auch falls man mal bei einem Treffen nicht dabei sein könne. Sie hat ihre Diagnose schon vor zehn Jahren erhalten. "Damals gab es noch überhaupt keine Infos dazu, keine Beratung, keine Awareness." Weil auch Ärzte die Krankheit so wenig auf dem Schirm hätten, vergingen bis zu einer Diagnose bis heute typischerweise viele Jahre. Einige der Frauen im Raum versuchen, daran aktiv etwas zu ändern. Putensen etwa als Betriebsrätin an ihrem Arbeitsplatz.

Sie empfindet die Gruppe als Bereicherung, "vor allen Dingen die vielen ganz konkreten Tipps". Durch den Austausch lerne sie noch einmal einen ganz neuen Blick auf ihre Erkrankung zu werfen.

Kontakt zur Endometriose-Selbsthilfegruppe:  endometriose.shg.lueneburg@web.de // Instagram: endometriose.shg.lueneburg

Von Katharina Hartwig

Wie fühlt sich eine Frau, die unter Endometriose leidet? Wie geht sie mit der Diagnose um und wie verläuft die Erkrankung? 2020 berichtete die LZ über den Fall von Katharina Thurmann, die unter Endometriose leidet. Unter diesem Link findet ihr die Geschichte.

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.