Samstag , 3. Dezember 2022
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Udo Lielischkies schaut sich Putins Wirken seit Jahren an. (Foto: be)

Was die Herderschule durch einen Journalisten über Putins Politik lernte

Für ihn ist der Kurs der Bundesregierung "Bullshit": Der Journalist Udo Lielischkies besuchte die Herderschule. Geplant war ein Vortrag aus seinem Buch über Russlands Politik. Doch statt vorzulesen wurde lieber diskutiert. 

Lüneburg. Eigentlich wollte Udo Lielischkies (68) an der Herderschule am vergangenen Donnerstag sein Buch vorstellen. Bereits 2019 hatte der ehemalige Leiter des Moskauer ARD-Studios "Im Schatten des Kreml" veröffentlicht – einen Blick auf Wladimir Putins Russland. Durch dessen Krieg in der Ukraine ist das Buch nun wieder brandaktuell.

Und so versammelten sich die Jahrgänge 12 und 13 in der großen Aula des Gymnasiums, um Lielischkies Passagen zu lauschen und zu diskutieren. Der las jedoch keine einzige Zeile aus seinem Buch vor.

Vielmehr lieferte er eine Anekdote nach der anderen aus seiner Zeit in Russland – stets vermengt mit politischen Einordnungen. "Ich erzähle eben viel Dönekens", erwiderte der Rheinländer stets, wenn ihn Moderator Gieser von der Friedrich-Naumann-Stiftung aus Zeitgründen wieder bremsen musste. 90 Minuten, ein Doppelstunde, sollte Lielischkies vortragen.

Putins Kriege folgen demselben Muster

Bevor Lielischkies auf den Ukraine-Krieg zu sprechen kam, holte er weiter aus. Um sich als "energischer Kriegsherr" für seine anstehende erste Amtszeit als Präsident zu profilieren, habe Putin 1999 den Zweiten Tschetschenienkrieg angezettelt.

Dabei soll der eigene Geheimdienst Wohnhäuser in Moskau gesprengt haben, um dies tschetschenischen Terroristen vorzuwerfen. In der Folge sei ein Fünftel der tschetschenischen Bevölkerung ermordet worden. "Das, was Putin damals in Grosny gemacht hat, ist so auch in Aleppo und Mariupol passiert", sagte Lielischkies.

Putins Fiktion des "aggressiven Westens"

Der 68-jährige, dessen Frau und Kinder in Russland geboren sind, erklärte den Schülern, wie Putin sich nach und nach eine Autokratie aufbaute: "Medien enteignen, Opposition unterdrücken, Demokratie abwickeln", fasste er zusammen.

Nachdem Putin sich 2008 mit einer offensichtlich manipulierten Wahl wieder ins Amt hievte, seien die Russen wütend gewesen. Um "sie wieder unter der Fahne zu einen", habe Putin daher begonnen, die "Fiktion des aggressiven Westens" wieder aufzubauen.

Die NATO-Osterweiterung habe er nur als fadenscheinigen Beleg dafür angeführt, so Lielischkies. Wenige Jahre vorher habe er schließlich noch damit geliebäugelt, selbst Bündnispartner zu werden.

Hier sehen Sie eine Interview mit Udo Lielischkies bei Maischberger:

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Kritik an der Bundesregierung 

Insbesondere die Geschichts- und Politikkurse hätten sich intensiv auf den Vortrag vorbereitet, erklärte ein Schüler. Er und zwei Mitschülerinnen kamen auf die Bühne, um stellvertretend für die Jahrgänge Fragen zum Ukraine-Krieg zu stellen.

"Die einzige Chance, den Krieg zu beenden, ist der Ukraine mehr schwere Waffen zu liefern" – Udo Lielischkies

Lielischkies bescheinigte dem Westen eine Mitschuld am Ausbruch des Krieges: Man habe jahrelang immer wieder weggeschaut und abgewiegelt.

"Spätestens mit der Annektion der Krim 2014 hätte man durchgreifen müssen", ist sich Lielischkies sicher: "Wer so handelt, tut alles, um einen Autokraten zu ermutigen, seine Großmachtfantasien umzusetzen. Putin will am Ende als Held in den Geschichtsbüchern stehen."

Den zurückhaltenden Kurs der Bundesregierung bezeichnete der Journalist als "Bullshit". Auf die äußerst durchdachten Fragen der Schülerschaft zum weiteren Vorgehen hatte Lielischkies eine klare Antwort: "Die einzige Chance, den Krieg zu beenden, ist der Ukraine mehr schwere Waffen zu liefern".

Bei Putins "bizarren Forderungen" gebe es "keinen Spielraum für Verhandlungen". Den Schülern legte er ans Herz, jede Art von faktenbasierter Aufklärung zu unterstützen – und das könne jeder Einzelne tun. Man dürfe nicht zulassen, dass Putins Narrativ in Deutschland auf Anklang stoße, schloss er mit dem Pausengong. Am Ende gab es großen Applaus für Lielischkies.

Von Moritz Constantin

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