Dienstag , 6. Dezember 2022
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Das Liebeskind-Gebäude der Leuphana Universität von oben.
Während Mitglieder der Universitätsgesellschaft im Zentralgebäude diskutierten, strich der Lüneburger Rat die Mittel für den Hosenfeld-Szpilman-Preis (Foto: be)

Hosenfeld-Szpilman-Preis: Warum sich die Universitätsgesellschaft über die Stadt ärgert

Die Unigesellschaft ist verstimmt. Vor einem Jahr beschloss der alte Rat der Stadt Lüneburg ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen und den eingeschlafenen Hosenfeld-Szpilman-Preis wiederzubleben. Auch mit 2000 Euro Preisgeld. Die strich die Stadt nun.

Lüneburg. Eigentlich sieht sich die Universitätsgesellschaft als Mittler zwischen der Leuphana und der Stadtgesellschaft. Am Donnerstag sahen sich deren Vertreter allerdings am falschen – spitzen – Ende des Rotstifts der Stadt.

Als sich die in der Universitätsgesellschaft zusammengeschlossenen Förderer um 18 Uhr im Zentralgebäude versammelten, überbrachte ihnen Vorstandsvorsitzende Prof. Heike Düselder eine schlechte Nachricht: "Vor drei Stunden habe ich von Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch telefonisch erfahren, dass die Stadt sich nicht – wie zugesagt – mit 2000 Euro an dem Preisgeld für den Hosenfeld-Szpilman-Preis beteiligt."

Der Rat kassiert seine Zusage, die Universitätsgesellschaft schäumt

Während zur selben Stunde im Kulturforum der Rat der Stadt einstimmig beschloss, das Preisgeld für die Auszeichnung bei den 3000 Euro zu belassen, die der Rotary Club spendiert, war die Verärgerung im siebten Stock des Zentralgebäudes einhellig. Denn die Universitätsgesellschaft gehört neben Museumsstiftung und Stadt zu den Institutionen, die den Preis verleihen.

Düselder, Chefin des Lüneburger Museums, sprach von einem „ziemlichen Affront“. Prof. Ute Stoltenberg, die vor ihrem Ruhestand an der Leuphana zu Bildung für eine nachhaltige Entwicklung arbeitete, sagte: „Das irritiert uns.“ Jens Petersen, der langjährige Hauptgeschäftsführer der IHK, sagte: „Die Enttäuschung ist sehr groß.“

Petersen will sich nun beim Rotary Club dafür einsetzen, dass dieser seine 3000 Euro Preisgeld noch auf 5000 Euro aufstockt.

Wofür steht der Hosenfeld-Szpilman-Preis? 

Diesen Part wollte eigentlich die Stadt übernehmen, um den zuletzt 2017 vergebenen Hosenfeld-Szpilman-Preis wiederzubeleben, wie der Kulturausschuss Ende September 2021 formuliert hatte.

Damit will Lüneburg gerade in Zeiten zunehmenden Rassismus ein Zeichen setzen, zeigten doch der deutsche Besatzungsoffzier Wilm Hosenfeld und der polnische Musiker Wladyslaw Szpilman, dass man auch in dunkelster Zeit menschlich bleiben kann.

Während der blutigen Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 durch Wehrmachts- und SS-Einheiten versteckte Hosenfeld den berühmten Musiker Szpilman auf dem Dachboden des deutschen Verteidigungsstabes. Nach Kriegsende versuchte Szpilman seinerseits, dem in russischer Kriegsgefangenschaft befindlichen Hosenfeld zu helfen.

Hosenfeld und Szpilman als Paten für Zivilcourage

Vor einem Jahr hatte der Rat der Stadt Lüneburg beschlossen, dass die Jury – in der auch Alt-OB Ulrich Mädge sitzt – den Preis künftig nicht nur als Erinnerungskultur begreifen, sondern auch aktuelle Projekte zur Zivilcourage im deutsch-polnischen Kontext honorieren soll.

Eine honorige Aufgabe, der mit dem Einstieg der Stadt mehr Gewicht verliehen werden sollte. Ein Einstieg, der nun – ohne finanzielle Beteiligung – eher symbolischer Natur ist.

Von Joachim Zießler

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