Montag , 5. Dezember 2022
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Clara Michel und Oliver Meyer
Lecker: Die Mutterkühe freuen sich über die mitgebrachten Äpfel von Landwirten Clara Michel und Oliver Meyer. Seit August vermarkten sie ihr Rindfleisch online. (Foto: phs)

Achtsamer Fleisch-Genuss: Angus-Zucht in Scharnebeck

Weg mit der Discounter-Salami, hin zum sorgsamen Konsum: Das wünschen sich die Landwirte Oliver Meyer und Clara Michel. Gemeinsam betreiben sie in vierter Generation die Anguszucht Scharnebeck und versuchen sich an einem neuen Konzept, dem sogenannten Cow-Sharing.

Scharnebeck. "Ohne die Kühe können wir, glaube ich, nicht", sagt Clara Michel und ist direkt um einen Apfel ärmer. Denn die Mutterkühe auf der gepachteten Weide bei Scharnebeck machen ziemlich deutlich, was sie wollen: die mitgebrachten Apfel-Leckereien von Michel und ihrem Freund Oliver Meyer.

Betrieb an der Echemer Straße seit 1906

Weidekontrolle, nennen die beiden Landwirte die Stippvisite bei ihren bis zu 45 Tieren der Rinderrasse Deutsch Angus. "Tiere, Zaun, Wasser", ein Dreiklang, der bei jedem Prüf-Besuch mitschwingt. Für Meyer längst Routine. "Ich bin schon als kleiner Bengel mit Kühen aufgewachsen. Mir war deshalb schnell klar, dass ich auch in die Landwirtschaft gehe", erzählt er inmitten seiner Herde.

Schon seit 1906 führt seine Familie den Betrieb an der Echemer Straße in Scharnebeck – ursprünglich mit Milchvieh. Erst in den 90ern sattelte sein Großonkel auf Mutterkühe um. Als Oliver Meyers Vater 2003 den Hof übernahm, stand der nächste Umschwung an: Er entschied sich für Kühe der Rasse Angus Deutsch.

Robuste, ruhige Muttertiere

"Angus Rinder sind ruhig, robust und tolle Muttertiere", schwärmt Meyer. Derzeit kümmert sich der 27-Jährige mit seiner Freundin Clara in vierter Generation um den Erhalt des Betriebs. Gemeinsam setzen sie auf ein neues Konzept: "Wir bieten seit Kurzem das Fleisch unserer Rinder in Direktvermarktung an", erklärt Michel. Cow-sharing (dt. Eine Kuh teilen) nennt sich das Prinzip. Online werden dafür Teilstücke des Rindes angeboten, zum Beispiel die zwei Hüftsteaks oder die Filet-Stücke, aber auch die Knochen oder die Zunge.

Erst wenn alle Fleischstücke, die Knochen und Innereien verkauft sind, wird das Tier zum Schlachthof gebracht. "Bei uns wird nichts weggeschmissen, das ist uns ganz wichtig", betont die gelernte Landwirtin. Es werde nicht geschlachtet, nur weil die beiden Filet-Stücke schon verkauft seien. Das ganze Tier werde verwertet.

Hoffen auf Comeback des Sonntagbratens

Erst seit August ist die Webseite online, acht Wochen habe es gedauert, bis das erste Tier verkauft worden sei. "Wir waren natürlich schon nervös, aber das Konzept kam total gut an. Man merkt, dass immer mehr Menschen ein gewisser Qualitätsstandard wichtig ist", freut sich Michel. Die Angus-Rasse sei besonders für ihre Marmorierung, also die Fettverteilung im Fleisch, bekannt.

Etwa 350 Kilo können Michel und Meyer von dem lokalen Schlachter von einem Tier abholen. "Wir hoffen, dass Fleisch wieder achtsamer konsumiert wird, wie damals der berühmte Sonntagsbraten, und nicht täglich die Discounter-Salami aufs Brot kommt."

Familie hilft mit

Deshalb achten beide auch auf einen ressourcenschonenden Umgang im eigenen Betrieb. "Wir versuchen möglichst wenig in das natürliche Verhalten der Tiere einzugreifen. Das bedeutet, dass wir keine Geburtshilfe betreiben und die Herde so lange wie möglich draußen unter freiem Himmel bleibt", erklärt Meyer. Außerdem werde im Sommer nicht zugefüttert, nur im Winter komme etwas Gras-, manchmal Maissilage dazu. "Unser Futter stammt komplett aus eigenem Anbau", bekräftigt der Agrarbetriebswirt.

Den Betrieb zu erweitern, komme deshalb nicht infrage. "Dann müssten wir ja Futter dazukaufen. Außerdem haben wir auch nur Unterbringungsmöglichkeiten für ca. 45 Tiere, dann ist unser Limit erreicht", ergänzt Meyer. Im Stall habe jedes Tier etwa zwölf Quadratmeter für sich. "Mehr Tiere auf weniger Raum – davon halte ich gar nichts."

Kälber bleiben zehn Monate bei den Müttern 

Jedes Jahr kommen zehn bis fünfzehn Kälber dazu, sieben davon sind im Schnitt männlich. Die weiblichen Tiere werden Mütter. "Wir lassen unsere Kälber etwa zehn Monate bei deren Müttern. Weil wir nicht zufüttern, schlachten wir auch erst ab 18 Monaten."

Die Anguszucht betreiben Michel und Meyer nebenberuflich, bauen deshalb auf den Zusammenhalt der Familie. "Wenn Hilfe gebraucht wird, sind alle am Start. Da wird man nicht alleine stehen gelassen", betont Meyer, blickt hoffnungsvoll in die Zukunft: "In so einem kleinstrukturierten Betrieb gibt es immer etwas zu optimieren. Noch ist nicht alles perfekt, aber wir sind motiviert."

Von Clara Dembinski

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