Montag , 5. Dezember 2022
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Nur fünf Minuten braucht Nico für einen seiner Graffiti-Geister.
Nur fünf Minuten braucht Nico für einen seiner Graffiti-Geister. (Foto: t&w)

Mit Fotogalerie: Wer hinter den Lüneburger Graffiti-Geistern steckt

Über 500 bunte Graffiti-Geister prangen an Wänden in und um Lüneburg – mindestens 500 Ordnungswidrigkeiten. Auf Social Media diskutieren Anhänger und Gegner darüber, was hinter den Graffitis steckt. Wer ist der Lüneburger Geistersprayer und was treibt ihn an?

Lüneburg. Nico* braucht nur fünf Minuten und einen unbeobachteten Moment. Dann fängt er an zu sprühen. Und schon prangt ein weiterer Graffiti-Geist an einer Lüneburger Wand. Die frischesten der rund 500 Exemplare gibt es derzeit in Deutsch Evern, penibel dokumentiert von den "Geisterjäger"-Seiten auf Instagram, Nicos kleiner Fangemeinde. "Die sind wahnsinnig schnell. Manchmal wache ich morgens auf und sehe schon meine Action aus der Nacht auf deren Seite", sagt der junge Mann.

Die LZ hat ihn im privaten Umfeld getroffen, sich auch zeigen lassen, wie ein Geist entsteht. Einzige Bedingung: die Identität des Sprayers geheim zu halten. Die kleinen Comic-Fratzen gibt es in allen möglichen Farben, fast immer mit großen Kulleraugen, knallroter Zunge und einem besonderen Extra. Sogar auf ein Windrad bei Embsen oder auf eine Autobahnbrücke bei Handorf haben es die kleinen Gespenster schon geschafft.

An so einer Brücke hat Nico auf einer Reise das erste Mal Geister gesehen. "Ich hatte sofort die Idee, das zuhause auch zu machen", sagt er. Gesagt, getan: Geist Nummer eins sprühte er vor einigen Jahren in einer Winternacht am Eisenbahnweg. Dass daraus eine Serie werden würde, sei ihm von Anfang an klar gewesen. Dass unerlaubtes Sprayen eine Straftat ist, hält ihn nicht ab. Auch denkmalgeschützte Gebäude sind vor ihm nicht sicher.

"Ich würde das niemals machen, wenn das niemand schön fände."

Ort und Motiv haben oft einen persönlichen Bezug, sagt Nico. Die genaue Gestalt des nächsten Geistes legt er sich vorher schon im Kopf zurecht. Neben Kindergärten sprüht er zum Beispiel gerne lustige und fröhliche Geister, damit die Kinder was zum Lachen haben. Nico will, dass die Leute sich im Alltag an den kleinen Figuren erfreuen: "Das kommt bei vielen besser an als irgendwelche Buchstaben. Ich würde das mit den Geistern niemals machen, wenn das niemand schön fände."

Schön finden das trotzdem nicht alle. In Bardowick etwa wurden viele Geister sofort grau übermalt. "Manche Leute setzen sich damit nicht auseinander, sondern sind erstmal prinzipiell dagegen". Das sei sinnbildlich für Teile der Gesellschaft, sagt der junge Mann.

Auch die Polizei findet keinen Gefallen an den Geistern: "Wir haben das im Auge", sagt Sprecher Kai Richter. Grundsätzlich seien die Geister wie jedes andere Graffiti auch in erster Linie Sachbeschädigungen. Wenn der Eigentümer einer besprühten Fläche Anzeige erstatte, ermittle die Polizei, führt er aus. Wegen der Menge der Geister "sprechen wir hier von mehreren Zehntausend Euro Strafe – wenn man alle Aktionen nachweisen kann." Die Ermittlungen seien aber bislang weder konkret noch auf eine bestimmte Person beschränkt, sagt der Hauptkommissar.

Die Angst, erwischt zu werden, ist immer da

Nico* will nicht nur Leute zum Schmunzeln bringen. Es geht ihm auch um den Kick. "Du musst immer damit rechnen, erwischt zu werden. Ansonsten weißt du nicht, was du tust", sagt der Sprayer. Deswegen spiele er vor jedem Geist die Situation genau durch: "Von wo kommen Autos? Von wo sieht man mich? Wo kann ich hinlaufen?" Das sind Fragen, die er sich immer wieder stellt. Das Adrenalin mache ihn wachsam: "Das ist wie Skifahren. Jeder Fehler könnte dich ins Verderben stürzen. Du fühlst dich lebendig und bist komplett im Film." Ein paar Mal sei es trotzdem schon "echt knapp" gewesen, gesteht er. Nur mit Glück habe er dann unerkannt fliehen können.

Anders als in Bardowick würden die Geister in der Innenstadt aber grundsätzlich positiv aufgenommen, glaubt Nico. Generell habe Lüneburg tolle Graffiti-Charaktere: "Es gibt viele verschiedene Motive. Ich sehe momentan überall immer mehr Wale, Sonnen und Augen". Das alles sei schöner, als einfach rumzuschmieren, sagt der Sprayer. "Und trotzdem immer noch illegal", sagt Polizeisprecher Richter.

*Name von der Redaktion geändert.

Von Moritz Constantin

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