Dienstag , 6. Dezember 2022
Anzeige
Jugendkammer Lüneburg
Lars L. (22) räumte ein, Bremsschläuche am Ford Focus der ihm unbekannten Bettina G. zerschnitten zu haben. (Foto: be)

Bremsschläuche und Gesicht zerschnitten – junges Paar vor Gericht

Wegen versuchten Mordes angeklagt, aber auf freiem Fuß. Der Grund: Lars L. (22) und Chantal M. (20) sollen die Tat als Heranwachsende verübt haben, der Prozess findet deshalb vor der Jugendkammer in Lüneburg statt.

Lüneburg/Lüder. "Sein ganzes Gesicht klaffte auseinander. Er hat geblutet wie ein Schwein." Bettina G. (42) wählt drastische Worte, um zu beschreiben, wie ihr Verlobter Peter M. (43) aussah, nachdem er auf Socken für eine Zigarette vor die Tür gegangen war. Der Abend des 9. Juli 2021 sollte das Leben der beiden für immer verändern. Am Mittwoch sagten sie als Zeugen vor dem Landgericht Lüneburg aus. Als mutmaßliche Täter sind Lars L. (22) und Chantal M. (20) angeklagt. Ihnen wird unter anderem versuchter Mord vorgeworfen.

Anschlag im Carport

Zweifach soll das junge Duo im idyllischen Lüder (Kreis Uelzen) nach dem Leben seiner Opfer getrachtet haben, trug Oberstaatsanwalt Thomas Vogel aus der Anklage vor: Zunächst durchschnitt Lars L. Bremsschläuche an dem 150 PS starken Ford Focus von Bettina G. – das räumte er auch vor Gericht ein. Dabei wurde er gegen 22.20 im Carport liegend von Peter M. ertappt.

Er versuchte zu fliehen, Peter M. packte ihn an der Kapuze seines Pullovers. Daraufhin soll Lars L. mit dem Messer in der linken Hand nach hinten ausgeholt haben. Er traf das Gesicht des Älteren, fügte ihm eine zehn Zentimeter lange, klaffende Wunde zu, die sich vom Nasenrücken bis zum linken Ohr zog. Zudem brach ein Jochbein, Nerven und Ohrspeicheldrüse wurden durchtrennt.

Es bleibt mehr als nur eine entstellende Narbe

Peter M. musste in einer Spezialklinik operiert werden. Was blieb: Taubheitsgefühl im Gesicht, nicht zu kontrollierende Zuckungen, ein hängender Mundwinkel und eine entstellende Narbe.

"Jedes Mal, wenn in der Folge der Bewegungsmelder das Licht im Carport angehen ließ, schreckten wir auf", erzählte Peter M. "Es arbeitet in uns, lässt uns nicht los", ergänzte Bettina G. "Das war der Hauptgrund, warum wir nach Bayern umgezogen sind."

Besuch bei leiblichen Kindern stand an

Lars L. kannte seine Opfer nicht. Er soll das Messer und den Tatplan laut Anklage von Chantal M. erhalten haben. Die 20-Jährige ist die Stieftochter von Peter M. Ihre Mutter, Jessica M., steht in einem erbitterten Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex um die drei gemeinsamen Kinder. Am Tag nach der Tat hätte Peter M. erstmals nach anderthalb Jahren seine Kinder für zwei Stunden sehen können.

Rechtsanwalt Moritz Klay trug für seinen Mandanten vor, dass Lars L. lediglich das Auto habe beschädigen wollen. Zudem sei er davon ausgegangen, dass Peter M. und Bettina G. – beide arbeiten als Testfahrer – die Manipulation sofort bemerkt hätten. Dass er ihn schwer im Gesicht verletzt hatte, habe er nicht bemerkt.

Verteidiger Oguz Bozkut Ögut sagte für Chantal M., dass diese ihren damaligen Freund weder angestiftet noch angeleitet habe. Die Bluttat sei von ihr weder gewollt noch billigend in Kauf genommen worden.

Silikon-Dildo auf der Stoßstange

Am Tatabend hatte Peter M. zwar noch eine zweite Person flüchten sehen, konnte diese aber nicht erkennen. Vor der Polizei hatte eine Freundin von Chantal M. ausgesagt, dass diese ihr anvertraut habe, dass ihr Stiefvater sie vergewaltigt habe.

Vor der 5. großen Jugendkammer winkte Peter M. ab. "Da ist nichts dran. Laut ihrer Mutter bin ich ein Säufer und Vergewaltiger. Das Gleiche wirft sie den anderen Vätern ihrer Kinder vor. Ich kann es nicht mehr hören."

Rätselhaft ist ihm, warum "immer nur Bettinas Auto, nicht aber meines ins Visier genommen wurde". Knapp zwei Monate vor der Bluttat war ein Silikon-Dildo auf die Stoßstange des Wagens seiner Verlobten geklebt worden.

Mutter macht keine Aussage

Ex-Ehefrau Jessica M. wird nichts Erhellendes zur Aufklärung der Bluttat beitragen. Als Mutter der Angeklagten muss sie nicht aussagen. Von diesem Recht macht sie Gebrauch, wie sie dem Gericht per E-Mail mitteilte.

Auch Lars L. und Chantal M. schweigen vor Gericht. Eine Ausnahme machte der 22-Jährige, als er Peter M. um Verzeihung bat. Dessen Gegenfrage, "warum lässt du dich zu so etwas überreden?", blieb allerdings unbeantwortet.

Von Joachim Zießler

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.