Dienstag , 6. Dezember 2022
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Dwina Fernanda Simatupang.
Dwina Fernanda Simatupang kann im Einzigartig zeigen, dass sie Talent hat. Davon will sich bei einem indonesischen Abend nun auch der Generalkonsul überzeugen. Bis zu diesem Erfolg hatte die 30-Jährige einen steinigen Weg zu gehen. (Foto: t&w) Köchin aus dem „Einzigartig“ Simatupang kocht für indonesischen Abend

So wurde eine Indonesierin vom “Tsunami-Kind” zur Küchenchefin

Dwina Simatupang ist ein "Tsunami-Kind". Im Dezember 2004 verlor ihre Familie in den Wassermassen, die über ihre Heimatstadt in Indonesien hereinbrachen, alles, was sie besaß. Mittlerweile lebt sie in Lüneburg und ist Küchenchefin im Restaurant und Hotel Einzigartig. Was in der Zwischenzeit passierte und warum der indonesische Generalkonsul bald zu Besuch kommt, hat die 30-Jährige der LZ erzählt.

Lüneburg. Es gab zahlreiche Momente in Dwina Simatupangs Leben, in denen alles über sie hereinbrach: Als ein Tsunami das Leben ihrer Familie in Indonesien zerstörte, als sie im Teenageralter ins Kinderheim ziehen musste oder als eine ihrer engsten Bezugspersonen bei einem Autounfall ums Leben kam. Doch Dwina Simatupang trotz alledem nicht aufgegeben, sondern immer weiter gekämpft. "Ich hatte ein Ziel und wollte das erreichen." Heute ist die 30-Jährige Küchenchefin im Hotel und Restaurant Einzigartig – und hört nicht auf, sich neue Ziele zu stecken.

Tsunami zerstörte Besitz der Familie

"Ich bin ein Tsunami-Kind", sagt Simatupang und erzählt von den traumatisierenden Ereignissen vom 26. Dezember 2004. An diesem Tag löste ein Erdbeben der Stärke 9,1 30 Kilometer unter dem Meeresboden einen Tsunami aus, der die Küstengebiete des Indischen Ozeans fast vollständig zerstörte. Bis zu 30 Meter hoch waren die Wellen, die auch in Simatupangs Heimatort Banda Aceh alles überschwemmten. Ihre Familie verlor an diesem Tag alles, was sie besaß. "Wir hatten nichts mehr, außer dem, was wir getragen haben. Damit wir im Wasser nicht verloren gehen, hat meine Mutter ein Seil um unsere Handgelenke gebunden", erinnert sie sich. "Ich bezeichne es als Gnade, dass wir alle überlebt haben."

Deutsche Organisation half indonesischen Familien

Dennoch änderte sich von diesem Tag an alles in ihrem Leben. "Wir zogen in die Hauptstadt von Nordsumatra, in Banda Aceh konnte man nicht mehr leben." Doch die fehlenden Papiere und das fehlende Geld machten es den Eltern schwer, ihre Kinder auf gute Schulen zu schicken. "Es gab aber eine deutsche Hilfsorganisation, eigentlich für Kinder, die ihre Eltern bei dem Tsunami verloren hatten", erzählt die 30-Jährige.

Diese Organisation bot jedoch auch ihrer Familie Hilfe an. Allerdings musste die damals dreizehnjährige Dwina ins Waisenheim ziehen, damit sie und ihre Schwestern weiter zur Schule gehen konnten. "Ich habe das nicht ganz verstanden und einfach gesagt, ich mache das", erinnert sie sich. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr sah sie ihre Familie nicht öfter als zweimal im Jahr.

Enge Beziehung zu deutschen "Großeltern"

Dafür reifte jedoch über die Jahre eine enge Beziehung zwischen "Oma und Opa" heran, einem deutschen Ehepaar aus Brockhöfe, das regelmäßig für die Hilfsorganisation nach Indonesien flog. Simatupang hatte gerade den Bachelor ihres Lehramtsstudiums abgeschlossen, als sie den beiden scherzhaft vorschlug: "Nehmt mich doch mal mit nach Deutschland." Schon eine Woche später fand sie sich für vier Wochen in einem Deutschkurs wieder, am 13. Dezember 2015 landete sie in Frankfurt. Simatupang erinnert sich: "Ich war einen Monat in Deutschland, da hatte ich mit Oma einen Autounfall. Ich lag im Koma, sie ist gestorben."

Ein weiteres Erlebnis, das die Indonesierin zurückwarf, zweifeln lies, ihr jeden Antrieb nahm. "Da war viel durcheinander", sagt sie rückblickend. Doch der Sohn ihrer deutschen Wahlgroßeltern nahm sie bei sich und seiner Frau Zuhause auf. "Sie haben sich so gut um mich gekümmert, mich motiviert und gesagt: 'Du hattest ein Ziel, es wäre doch schade, wenn du das nicht erreichst.' Also habe ich weiter gekämpft."

Ausbildung zur Köchin 2018 begonnen

2018, als es ihr gesundheitlich wieder gut ging, begann sie ihre Ausbildung zur Köchin an der BBS III und am Bremer Hof, arbeitete danach ein Jahr beim Heidkrug und wechselte schließlich zum Einzigartig. Dass sie dort seit diesem Monat Küchenchefin ist, "lässt mein Herz immer noch höher schlagen", sagt sie. Auch privat wendete sich etwas zum Guten: Im Februar heiratete sie ihren langjährigen indonesischen Freund und zog mit ihm in eine gemeinsam Wohnung in Lüneburg.

Indonesischer Abend im Einzigartig – mit dem Generalkonsul

Im Einzigartig "erkennt man, dass ich Talent habe", sagt Simatupang. Und das muss sie nun einmal mehr unter Beweis stellen: Am Donnerstag, 17. November, findet ein indonesischer Abend statt, auf dem die Köchin kulinarische Einblicke in ihr Heimatland gewähren wird. Das lässt sich sogar der Hamburger Generalkonsul von Indonesien nicht entgehen. "Er hat gesagt, dass es sehr selten ist, oder sogar noch nie stattgefunden hat, dass ein deutsches Restaurant einen indonesischen Abend veranstaltet. Deshalb möchte er gerne dabei sein." Zwei indonesische Tänzerinnen spendiert der Generalkonsul für den bereits ausverkauften Abend, außerdem hatte er weitere Ideen, die allerdings so kurzfristig nicht mehr umgesetzt werden konnten. "Aber vielleicht machen wir das nächstes Jahr nochmal", freut sich der Einzigartig-Inhaber Jörg Laser über das Interesse.

Ihr nächstes Ziel: etwas Eigenes aufbauen

Für Dwina Simatupang wächst mit dem Besuch des Generalkonsuls der Druck: "Die Erwartungen sind hoch, aber das motiviert mich nur noch mehr." Die 30-Jährige hat sich noch ein paar Ziele gesteckt: "Irgendwann möchte ich etwas kleines eigenes aufbauen", sagt sie. Und: "Ich möchte ein positives Beispiel sein für alle jungen Menschen, die sich nicht trauen, ein Handwerk zu beginnen. Dieser Beruf macht so viel Spaß und man kann so viel erreichen."

Von Lilly von Consbruch

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