Dienstag , 6. Dezember 2022
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Hinter dieser Tür liegen Garten und Wohnung - der Zweitwohnsitz von Ulrich Mädge in Konau. (Foto: t&w)
Hinter dieser Tür liegen Garten und Wohnung - der Zweitwohnsitz von Ulrich Mädge in Konau. (Foto: t&w)

Was Ulrich Mädge jetzt bewegt

Vor einem Jahr endete die Amtszeit von Lüneburgs Verwaltungschef Ulrich Mädge. Die LZ besuchte ihn in Konau, seinem Zweitwohnsitz. Beim Kaffee berichtet Mädge unter anderem, in welchen Ämtern er noch aktiv ist und wie er sich für Lüneburgs Bürgergesellschaft einbringt.

Konau. Mit der Fähre von Neu Darchau nach Darchau und dann noch zwei Kilometer durch idyllische Landschaft. Zwischen Deich und grünen Wiesen der Elbtalaue liegt Konau. Das wunderschöne Marschhufendorf, einst Teil der Expo 2000, hat weniger als 50 Einwohner. Einer von ihnen ist Ulrich Mädge. Vor einem Jahr endete seine Amtszeit als Lüneburgs Verwaltungschef – nach 30 Jahren. Die LZ besuchte ihn hinterm Deich.

Herr Mädge, warum Konau? Brauchten Sie Abstand zu Lüneburg?

Ich musste, wollte raus, um Distanz zur Stadtgesellschaft und zum Rathaus zu bekommen. Ich hätte mir vorstellen können, in meine Heimatregion Harz oder an die Ostsee zu gehen. Meine Frau wünschte sich aber einen Zweitwohnungssitz nicht so weit von Lüneburg entfernt. Konau ist sozusagen eine Kompromisslösung – eine sehr angenehme. Die Wohnung haben wir von der Sparkassenstiftung gemietet. Von meinem Arbeitszimmer im ersten Stock habe ich einen wunderbaren Blick auf die Elbe. Meiner Frau gefiel auf Anhieb die große Wohnküche. Mein erster Wohnsitz bleibt aber weiter Lüneburg.

Für viele Menschen ist der Ausstieg aus dem Berufsleben und der Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt schwierig. Was mussten Sie bewältigen?

Die Umstellung ist mir relativ einfach gefallen. Aber ich darf nicht zu oft in die Stadt gehen, weil mich dort Bürger ansprechen, was aus den Versprechungen des alten Rates wird. Insbesondere fragen sie mich, warum sie nicht an Entscheidungen beteiligt werden. Eine stärkere Beteiligung wurde ja versprochen. Da kann ich dann nur an die Verwaltungschefin verweisen.

Morgens früh ins Rathaus, jede Menge Termine, spätabends nach Hause. Wie hat sich Ihre Tagesstruktur geändert?

Ich stehe jetzt um 7 Uhr auf. Eine Stunde später als bisher. Abends bin ich nicht mehr so viel unterwegs. Aber tagsüber bin ich gut ausgelastet, zumal ich heute vieles selber machen muss, was früher mein Büro übernommen hat.

Was haben Sie in der ersten Zeit nach der Pensionierung am meisten vermisst?

Mein Büro, beziehungsweise die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort, die mir zugearbeitet haben. Wenn es zum Beispiel um technische Probleme mit dem PC ging oder sich für mich Fragen stellten im Umgang mit den sozialen Medien. Ich genieße es aber, dass der Druck aus dem ehedem straffen Arbeitsleben raus ist. Auch, dass ich nun in legerer Kleidung durch die Stadt gehen kann.

In welchen Ämtern sind sie noch aktiv?

Im Verwaltungsrat der Sparkasse, dem Aufsichtsrat der Lüneburger Wohnungsbau Gesellschaft, im Krankenhausplanungsausschuss für den niedersächsischen Städtetag. Außerdem gehöre ich dem Vorstand des Museumsvereins und des Salzmuseums an. Ich bringe dort meine Expertise, Strategien und das Organisationswissen ein.

Sie galten immer als Macher, haben vieles zur Entwicklung Lüneburgs bewegt. Was bewegen Sie jetzt?

Mich bewegt der soziale Wohnungsbau – auch vor dem Hintergrund der Versprechungen von Rot-Grün in Berlin und Hannover. Des Weiteren die Erweiterung des Salzmuseums und was zur Teilhabe von älteren Menschen sowie Menschen mit Beeinträchtigungen getan werden muss.

Das wäre?

Es müssen die Voraussetzungen geschafft werden, dass Menschen mit Bus und Auto die Innenstadt so erreichen können, dass nur noch ein Fußweg von maximal 150 Metern ins Zentrum notwendig ist. Davon machen viele ihre Entscheidung abhängig, ob sie in Lüneburg einkaufen oder/und ein Restaurant oder Café besuchen. Ich berate und unterstütze in dieser Sache zum Beispiel den Seniorenbeirat beim Einbringen seiner Anliegen gegenüber Verwaltung und Politik. Ehrenamtliche Strategieberatung biete ich auch in anderen Bereichen.

Der Wähler hat entschieden, dass seit einem Jahr die Verwaltungsspitze grün ist. Sie haben damals kein Hehl daraus gemacht, dass Sie von Frau Kalisch wenig halten. Sehen Sie das inzwischen anders?

Der Wähler hat entschieden.

Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie über Ihre Netzwerke noch immer die Fäden im Hintergrund ziehen, bis in die Verwaltung hinein.

Ich nutze Netzwerke, wo ich noch engagiert bin. Aber nicht in der Verwaltung. Ich möchte ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht in Schwierigkeiten bringen. Und als Bürger dieser Stadt, SPD- sowie Verdi-Mitglied nehme ich meine demokratischen Rechte wahr. Ich werde mich dort einmischen, wo ich mich als Teil der Bürgergesellschaft Lüneburgs einbringen möchte.

Regelmäßig ist Ulrich Mädge auf Pilgertour. Zuletzt war er auf dem Franziskusweg von Assisi bis kurz vor Rom unterwegs. (Foto: privat)
Regelmäßig ist Ulrich Mädge auf Pilgertour. Zuletzt war er auf dem Franziskusweg von Assisi bis kurz vor Rom unterwegs. (Foto: privat)

Unter Ihrer Ägide - gemeinsam mit Verwaltung und Politik – sah es zeitweise so aus, dass der Haushalt saniert werden könnte. Nun ein 40-Millionen-Euro-Defizit. Auch wenn Sie nicht mehr die Zügel in der Hand haben: Mit Blick auf welche Bereiche macht Ihnen das besonders Sorgen?

Vor einem solchen Defizit muss man Respekt haben. Doch es muss differenziert werden, was originäres Stadt-Defizit ist und was durch Corona und die Folgen des Ukraine-Krieges sowie die Energiekrise verursacht wird. Für diese drei Herausforderungen muss es einen finanziellen Ausgleich von Bund und Land geben. Wenn das nicht ausreichend geschieht, müssen Defizite in Fonds verlagert und über 30 Jahre getilgt werden – wie das Bund und Land vormachen. Denn die Entwicklung der Stadt und wichtige Infrastrukturprojekte müssen zwar hinterfragt, aber auch umgesetzt werden. Ob dazu jeder geplante Radweg gehört, muss politisch gewertet werden. Aus meiner Sicht sind Klimaschutzprojekte wichtiger, die Jung und Alt gleichermaßen zugute kommen.

Auch die Finanzsituation niedersächsischer Kliniken, so auch die des Lüneburger Klinikums, ist dramatisch. Sie sind Mitglied des Krankenhausplanungsausschusses. Was muss getan werden, damit Kliniken auf wirtschaftlich sichere Beine gestellt werden?

Im Planungsausschuss besprechen wir die Krankenhausstrukturen und die Investitionsplanung. Für die ersten Bauabschnitte im Klinikum oder der Psychiatrischen Klinik Lüneburg mit einem Volumen von 100 Millionen Euro konnten Landesmittel in Höhe von 60 Millionen Euro gesichert werden, und über den Finanzvertrag von 2020 beteiligen sich Landkreis und Stadt mit je 10 Millionen Euro. Was aber für den laufenden Betrieb die Personal- und Energiekosten betreffen, da sind aus meiner Sicht auch Bund und Länder gefordert.

Die Kultur in Lüneburg und deren vielfältige Entwicklung war unter Ihnen Chefsache. Befürchten Sie, dass es wegen des tiefroten Etatentwurfs einen Abbau der freiwilligen Leistungen für Kultureinrichtungen geben wird?

Ich habe den Eindruck, dass die Kultur nicht mehr den Stellenwert hat wie einst unter Dr. Faulhaber und mir. Deutlich wird das bei der Erinnerungskultur oder auch bei der Erweiterung des Salzmuseums. Es fehlen aber leider auch starke politische Fürsprecher wie Friedrich von Mansberg, der jüngst sein Ratsmandat aus persönlichen Gründen niedergelegt hat. Kultur war immer defizitär. Aber sie ist ein wichtiger Baustein für die Stadtgesellschaft und Lebensqualität. Hier zu sparen, davor kann ich nur warnen.

Sie pilgern jedes Jahr für einige Wochen, sind gerade zurückgekommen von einer Tour in Italien . Was macht das Pilgern mit Ihnen?

Es entspannt, man bekommt Weitblick, kommt an die Leistungsgrenzen, und es hat einen religiösen Bezug. Diesmal war ich auf dem Franziskusweg von Assisi bis kurz vor Rom. Ich pilgere seit 20 Jahren mit verschiedenen Freunden, im Sommer in Deutschland, im Herbst im Süden – mit gutem Essen und Wein.

Von Antje Schäfer

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