Montag , 5. Dezember 2022
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Noch wächst hier nur Kleegras, doch schon bald soll auf dem Acker bei Grevenhorn eine Vision Wurzeln schlagen: Hier will Niels Hapke eine Landwirtschaft betreiben, die nicht nur satt macht, sondern auch massiv Kohlenstoff einspart. (Foto: t&w)
Noch wächst hier nur Kleegras, doch schon bald soll auf dem Acker bei Grevenhorn eine Vision Wurzeln schlagen: Hier will Niels Hapke eine Landwirtschaft betreiben, die nicht nur satt macht, sondern auch massiv Kohlenstoff einspart. (Foto: t&w)

Gegen den Klimawandel: Lüneburger will Landwirtschaft revolutionieren

Niels Hapke will die Landwirtschaft aus der Sackgasse holen: Auf Flächen rund um Lüneburg plant er einen Nuss-, Gemüse- und Obstanbau, der nicht nur satt macht, sondern auch massiv Kohlenstoff einspart. Mit der Landwirtschaft den Klimawandel bekämpfen: Kann das funktionieren?

Lüdersburg. Der Bauer sagt: Wir treffen uns vor Sonnenaufgang. Der Städter fragt: Können Sie mich abholen? Ich hab’ kein Auto. Der Geschäftsmann rät: Stöbern Sie doch vorher noch durch unser Instagram-Profil. Wir treffen sie alle drei auf einmal – irgendwo im Nirgendwo auf einem Acker bei Grevenhorn. Drei Störche staksen in der tiefstehenden Morgensonne durch die Feldmark, vier Rehe suchen unbeirrt des menschlichen Besuchs im Schatten des Waldes nach Futter. Hier also will Niels Hapke die Landwirtschaft revolutionieren. Das klingt fast so romantisch wie die Kulisse an sich.

Maronen, Nüsse, Feigen – ja, sogar Pilze werden angebaut

Doch Hapke, der Städter, kann mit Romantik nicht viel anfangen. Er sagt Dinge wie: „Eigentlich wollte ich ja eine Fläche im Hanseviertel aufwerten – kostenlos.“ Nur, da habe die Verwaltung nicht mitgespielt. „Das muss man sich mal vorstellen.“ Der Geschäftsmann Hapke jedoch lässt sich so leicht nicht ausbremsen. Dann halt fürs Erste Grevenhorn. Was man hat, das hat man. Viele Gräben, guter Boden. Immerhin. Als Bauer kann Hapke da nicht meckern.

Was der Typ da draußen will, fragen Sie jetzt sicher. Das hat auch die Landwirtschaftskammer wissen wollen. Wär’ man gern dabei gewesen, wie Hapke dem Mitarbeiter was von Maronen, Feigen, Pilzen, Indianerbanane und Schwarznuss erzählte. Wie bitte, was? Ja, richtig. Und Dünger braucht er auch nicht. Das sei ja genau der springende Punkt, sagt Hapke. Etwas anders zu machen, damit es besser wird.

Bauer wider Willen: Er hatte nie vor, in Arbeitsschuhen über einen Acker zu waten

Mit seinem Konzept der „Holistischen Landwirtschaft“, kurz: Holawi, will Hapke auf Flächen rund um Lüneburg einen Obst-, Nuss- und Gemüseanbau betreiben, der nicht nur satt macht, sondern auch massiv Kohlenstoff einspart. Klimawandel, Artensterben, Nahrungsmittelknappheit: „Ich bin überzeugt davon, dass wir alle großen Probleme dieser Zeit auf diese Weise lösen können.“ Sagt er, der fahrradfahrende Geschäftsmann aus Lüneburg, der eigentlich nie vorhatte, zu Sonnenaufgang in Arbeitsschuhen über einen matschigen Acker zu waten.

Er hätte auch einfach weiter am Schreibtisch sitzen können. Als Mitbegründer der medizinischen Lernplattform „Kenhub“ will sich Hapke nicht beklagen. Läuft ganz gut, das Geschäft mit der menschlichen Anatomie. „Nur bin ich irgendwann in so eine Lebensphase hineingerutscht, in der ich mich immer wieder gefragt habe, welche Welt ich eigentlich hinterlassen will“, erzählt der 39-Jährige. Antwort: Jedenfalls keine, in der seine Kinder unter Hunger und Hitze leiden müssen.

Die Vision: Jeder soll ein bisschen Landwirt werden

Eine Weile begnügte sich Hapke damit, für eine fahrradfreundlichere Stadt zu demonstrieren.

Irgendwann aber reichte das nicht mehr. Er fing an, haufenweise Bücher und Studien zu wälzen – und kam bald zu dem Schluss: „Die Landwirtschaft ist der größte Hebel zur Bekämpfung des Klimawandels.“ Und an dem will er nun drehen. Das geht natürlich nicht allein. „Mein Ziel ist es, dass alle, die helfen, die Flächen zu pflegen oder die Produkte zu verkaufen, ein gutes Auskommen haben.“ Stichwort: Verantwortungseigentum. Jeder soll, wie er, ein bisschen Landwirt werden.

Hapke weiß, dass seine Vision vielen nicht mehr als ein müdes Lächeln abringt. Er weiß auch, dass Flächen in und um Lüneburg nur schwer zu kriegen sind. „Aber wenn ich mir jetzt wirklich Gedanken machen würde über all die Schwierigkeiten, die dabei auf mich zukommen könnten, würde ich es nicht machen.“ Immerhin, einen Acker hat er schon erworben – bei Ebay-Kleinanzeigen. Für eine sechsstellige Summe.

Hier wird nicht künstlich gedüngt und nicht gespritzt

Die vier Hektar sehen gar nicht mal schlecht aus: „Schade eigentlich“, bemerkt Hapke beim Spaziergang durch das Grevenhorner Idyll. „Ich hätte das Ganze am liebsten auf einer richtig zerrütteten Fläche zeigen wollen, wo kein Bauer denken würde, dass das funktionieren kann.“ Dass er keinen Kunstdünger braucht, kein Spritzmittel – und trotzdem wirtschaftliche Erträge erzielen kann. Das zumindest ist das Ziel der gemeinnützigen Gesellschaft, die Hapke eigens zu diesem Zweck gegründet hat.

Mitglied der „Holawi“ sind fünf Personen, darunter auch ein ausgebildeter Landwirt. Gemeinsam haben sie ein Konzept geschrieben, das den Anbau von hitze- und trockenresistenten Pflanzen vorsieht. „Büsche, Sträucher und Bäume zum Beispiel kommen mit Dürreperioden sehr viel besser klar als ein einjähriges Feldgemüse, das seine Wurzeln nicht so stark ausbaut“, erklärt Hapke. Und dass das Projekt, wenn es denn Schule machen soll, auch neue Ernährungsgewohnheiten voraussetzt: „Wir können nicht alle Fleisch essen, aber Nüsse als große Eiweißlieferanten wären ein geeigneter Ersatz.“

Ein Acker soll 500 Lüneburger satt machen

Inzwischen haben die fünf Gründer eine Kleegrasmischung auf der Fläche ausgebracht, um dem Boden Nährstoffe zuzuführen und ihn vor Erosion zu schützen. Im Dezember dann geht es ans Eingemachte: Ein Spezialeinsatzkommando aus Bayern kommt angereist, um den Traum, der bislang nur als hübsche Grafik existiert, auf dem Acker wahr werden zu lassen. Neben Teichen sollen „Wärmefallen“ – Nischen aus treppenartig angepflanzten Gehölzen – angelegt werden. „Durch das Licht, das dort reflektiert wird, gelingt es uns, auf das Jahr gesehen einen Temperaturunterschied von bis zu acht Grad zu erzeugen“, erklärt Hapke. So könnten dort schon heute mediterrane Kulturen gedeihen.

Sind die groben Arbeiten getan, ist ehrenamtliches Engagement gefragt: Im Rahmen eines Pflanzfests sollen am Freitag und Sonnabend, 16. und 17. Dezember, mehr als 2000 junge Bäume und Sträucher in die Erde gesetzt werden. Rund 65 verschiedene Gehölzarten sollen in der Erde Wurzeln schlagen, in ihrem Schatten später Gemüse- und Beerensorten sprießen. In zehn Jahren, schätzt Hapke, könnten allein von diesem Acker 500 Lüneburger satt werden.

Ernte mit dem Lastenrad

Weil Geduld nicht unbedingt zu Hapkes Stärken zählt, hat er sich schon jetzt ein Lastenrad zugelegt. Mit dem will er die Ernte eines Tages über die 15 Kilometer Asphalt nach Lüneburg verfrachten. Bis dahin gibt es allerdings noch viel zu tun: Neben der Anbauplanung feilt Hapke an einem Konzept, das auch Kunst und Bildungsangebote auf dem Acker vorsieht. Aufklärungsarbeit leistet und – das ist ihm wichtig – die Trennung zwischen Landwirtschaft und Konsumenten auflöst. Die Ernährungsbranche habe sich in eine Sackgasse manövriert, stellt Hapke klar. Der Weg raus aus der Misere, er könnte irgendwo im Nirgendwo bei Grevenhorn beginnen. Davon ist er überzeugt – als Geschäftsmann, als Städter und als Bauer wider Willen.

Von Anna Petersen

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