Samstag , 3. Dezember 2022
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Bezirksarchäologe Dr. Mario Pahlow und Marc-André Hörseljau.
Bezirksarchäologe Dr. Mario Pahlow und Marc-André Hörseljau. (Foto: t&w)

Sondengänger suchen in Reppenstedt nach Spuren der Vergangenheit

Schon bei erste archäologischen Untersuchungen auf dem Gelände des Neubaugebiets Schnellenberger Weg in Reppenstedt waren erste historische Siedlungsspuren gefunden worden. Am Sonnabend machten sich unter Leitung von Bezirksarchäologe Dr. Mario Pahlow rund 30 Sondengänger abermals auf die Suche ... und sie sind erneut fündig geworden.

Reppenstedt. Dass das hier kein Flaschendeckel oder der übliche Müll ist, erkennt Sebastian Böttcher sofort. „Ich brauch’ noch mehr Tütchen“, ruft er über den Acker, während er vorsichtig die dunkle Erde von seinem Fundstück entfernt. Noch während Dr. Mario Pahlow vom anderen Ende der Fläche heranstapft, hat Böttcher das runde Teil genauer inspiziert: „Das ist eine Zwei-Schilling-Münze von 1622“, stellt er fest und fügt stolz an: „Das ist die älteste Silbermünze, die ich bisher gefunden habe.“

Böttcher ist weder Archäologe noch Historiker, sondern ein historisch interessierter Laie und passionierter Sondengänger. Als solcher untersuchte er am Sonnabend gemeinsam mit rund 30 „Kollegen“ aus der Region mehrere Hektar Ackerfläche am Reppenstedter Ortsrand. Dort, wo das Baugebiet „Schnellenberger Weg“ entsteht, nutzt das Team unter Leitung von Bezirksarchäologe Dr. Mario Pah­low vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege eine der letzten Chancen, den Untergrund mit Metalldetektoren nach Zeugnissen aus der Vergangenheit abzusuchen.

Alle Sondengänger hätten eine Schulung

Das funktioniert nach System – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Quadrate von 40 mal 40 Metern sind sauber mit roter Schnur am Boden markiert und jeweils einem Zweierteam zugewiesen. Das durchkämmt die Fläche einmal von Nord nach Süd und dann von Ost nach West. Alle Sondengänger hätten eine Schulung durchlaufen, erklärt Pahlow. „Sondengehen ist grundsätzlich genehmigungspflichtig. Und es ist ja auch nicht ungefährlich, weil man überall im Land auf Kampfmittel stoßen kann.“ Den Spaten geschultert, ihre Metallsonden pausenlos schwenkend, arbeiten sich die Teams auf dem Acker voran. Es piept aus allen Richtungen. „Es scheppert hier schon mächtig“, sagt Pahlow lachend.

Beziksarchäologe Dr. Mario Pahlow und Janine Sielaff begutachten ein Fundstück – ein kunstvoll gestaltetes Messerkrönchen. Sielaff gehört zu den wenigen Frauen, die in Reppenstedt als Sondengängerin mit dabei waren.
Beziksarchäologe Dr. Mario Pahlow und Janine Sielaff begutachten ein Fundstück – ein kunstvoll gestaltetes Messerkrönchen. Sielaff gehört zu den wenigen Frauen, die in Reppenstedt als Sondengängerin mit dabei waren. (Foto: t&w)

Auch Marc-André Hörschau ist hoch konzentriert mit seiner Sonde bei der Sache: „Das Gerät gibt einen Impuls. Da kann man schon ein bisschen raushören, wie tief das ist“, erklärt er. Er mache hier mit, weil er sich für Geschichte interessiere, so der 43-Jähige: „Und es macht Spaß, weil so eine Suche wie ein großes Überraschungsei ist.“

Hier haben vor mehr als 1000 Jahren Menschen gelebt

Janine Sielaff gehört zu den wenigen Frauen, die hier heute mit der Sonde unterwegs sind. „Allein die Vorstellung, dass genau hier, wo wir stehen, schon vor mehr als 1000 Jahren Menschen gelebt haben, finde ich faszinierend“, sagt sie. Gerade hat sie ein kunstvoll gestaltetes Messerkrönchen aus dem Boden geschält. Jubelschreie entlockt ihr der Fund nicht: „Das ist hübsch, aber nicht so wahnsinnig aufregend, weil es jünger als das Mittelalter ist.“ In ihrer Jacke hat sie weitere Tütchen mit Fundstücken, darunter Münzen, Knöpfe und etliche Musketenkugeln. Alles wandert, ordentlich mit den Koordinaten der Fundstelle versehen, in bereitgestellte Kisten, die schon nach kurzer Zeit mit hunderten Tütchen gefüllt sind.

„Wir wussten ja im Vorfeld, dass das hier ein interessantes Feld ist“, sagt Pahlow. „Allein von der Dimension her ist das schon was Neues.“ Bei ersten archäologischen Untersuchungen waren die Experten um den Reppenstedter Archäologen Dr. Frank Andraschko auf alte Siedlungsspuren gestoßen, hatten etwa einen großen Töpferofen aus der römischen Kaiserzeit, eisenzeitliche Gräber und Meiler zur Holzkohleherstellung entdeckt.

Fundstücke werden im Labor untersucht

Die vielen Musketenkugeln könnten nun aus der Zeit der napoleonischen Belagerung Lüneburgs stammen, vermutet Pahlow: „Man kann nicht ausschließen, dass an dieser Stelle kleinere Gefechte stattgefunden haben.“ Genaueres werden die Untersuchungen der Fundstücke im Labor ergeben. Am kommenden Wochenende ist ein weiterer Termin mit Sondengängern geplant.

Von Ute Klingberg-Strunk

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