Montag , 5. Dezember 2022
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Autorin Julia Gilfert (32) ist heute so alt wie ihr Großvater, als er zur Zeit des Dritten Reichs in einer Nervenheilanstalt starb. (Foto: kha)

Julia Gilfert liest aus ihrem Debüt “Himmel voller Schweigen”

Sich den Großvater zu erschreiben, den sie nie gekannt hatte; der zur Nazizeit in einer Nervenheilanstalt wahrscheinlich Opfer der Euthanasie-Verbrechen wurde. Das war Julia Gilferts Ziel mit ihrem Erstlingswerk "Himmel voller Schweigen". Die intime Lesung der Jungautorin war der Auftakt zur Fachtagung "Transformationen" der Lüneburger "Euthanasie"-Gedenkstätte.

Lüneburg. Gebannt lauschten am Freitagabend die Gäste im Gesellschaftshaus der Psychiatrischen Klinik Jungautorin Julia Gilfert. Die präsentierte dort ihr Erstlingswerk "Himmel voller Schweigen", mit dem sie eine Leerstelle ihrer Familiengeschichte zu füllen versuchte, die Stelle ihres Großvaters väterlicherseits.

Die 32-Jährige machte damit den Auftakt zur dreitägigen Tagung "Transformationen", zu der die "Euthanasie"-Gedenkstätte Fachleute aus Forschung und Wissensvermittlung zum Thema Zwangssterilisation und Euthanasie sowie Mitarbeitende der Gesundheitsholding Lüneburg geladen hatte.

Nervenheilanstalt als Postkarten-Motiv

"Warum verewigt jemand eine Heilanstalt auf einer Ansichtskarte, als wäre sie ein Feriendomizil?", fragte Julia Gilfert sich und ihre Zuschauer. Solche Passagen zum Recherche- und Entstehungsprozess wechselten sich bei der gut besuchten Lesung ab mit solchen, in denen die Autorin dem Leben ihres Großvaters Walter Frick im nationalsozialistischen Deutschland nachspürt.

Dass dieser in der Nervenheilanstalt auf der Postkarte, dem "Sanatorium des Dr. Wieners in Bernau bei Berlin" 1941 starb, vermutlich als Opfer eines Euthanasie-Verbrechens, ist das nüchterne Resultat dieser Bemühungen. Doch es gab für Gilfert viel mehr zu entdecken als das.

Historische Materialien und Fiktion

Stimmungen transportieren half nicht nur Gilferts nuancierte Vortragsweise, sondern auch eine PowerPoint-Präsentation mit, vor allem historischen, Bildern zum Buchinhalt. Die erwähnte Ansichtskarte und zahlreiche Zeitzeugnisse sind die Sprossen, an denen sie sich bei ihrer Recherche zum einst totgeschwiegenen Großvater entlanggehangelt hatte. Sie sind im Buch für die Leser an die eigentliche Erzählung angehängt und ermöglichen ihnen so, nachzuvollziehen, was in Gilferts Text historischen Materialien entnommen ist und was Fiktion.

Ihre Leser und Zuhörer lässt sie deshalb hinter die Kulissen des Werks blicken, weil sie sich damit den Großvater, den sie nie kennengelernt hat, habe erschreiben wollen. Sie sei sich des "Verklärten des von mir geschriebenen Bilds" sehr bewusst und wolle das auch für Andere transparent machen. Gleichzeitig sollten aber, um das Mitfühlen zu erleichtern, die Charaktere ihrer Familiengeschichte in Gilferts Worten möglichst plastisch werden.

Ein Rumoren in der Magengegend

Losgetreten habe das Schreibprojekt ein Interview, dass sie vor zwei Jahren im Rahmen ihres Studiums mit dem Vater geführt hätte, verriet die Autorin den Zuhörern am Freitag. Dieser habe es irgendwann im Laufe der Jahre mit dem Magen bekommen, so wie es schon vor ihm sein Vater mit dem Magen gehabt habe – so ziemlich das Einzige, was er jemals von seiner Mutter über den Toten erfahren hätte.

Gilfert selbst habe es damals vor allem Magenschmerzen gemacht, dass es so wenige Informationen über Großvater Walter gab: "Warum redet da keiner drüber?" Je tiefer sie in die Nachforschungen eingestiegen war und je mehr sie sich in alte Dokumente und Aufzeichnungen vertieft habe, desto mehr habe sie das Thema in ihren Bann geschlagen.

Gleichzeitig hinsehen und die Augen verschließen wollen

Als auch die abgründigeren Teile der Geschichte des in der Anstalt verstorbenen Opas langsam Kontur gewannen, sei ihr auch aufgegangen, wieviel sie mit den Personen in seinem damaligen Umfeld gemein habe: "Ich wollte hinsehen und trotzdem die Augen verschließen."

Doch sie habe die Augen nicht mehr verschließen können, irgendwann sogar mit einer gewissen Regelmäßigkeit von dem ihr unbekannten Verwandten geträumt. Ab einem bestimmten Punkt habe sie sich außerdem fragen müssen: "Was macht das auch mit den Anderen, wenn ich so herumpule in der Familiengeschichte?"

Letztlich sei sich die Familie aber durch ihr Projekt nähergekommen – die sonst so barsch erscheinende Tante, ihre Eltern, die gemeinsam die in Stenoschrift verfassten Tagebücher der Großtante in lesbaren Text übertrugen und Gilfert selbst, verriet die junge Autorin auf Nachfrage.

Den Menschen gerecht werden

Und, dass die nachträgliche Fiktionalisierung der Historie die zunächst angesammelte Dokumentation für sie erst zum Leben erweckt habe. "Das wurde vorher der Sache und den Menschen einfach nicht gerecht. Mein Anspruch war aber immer, so nah, wie es geht, an dem zu bleiben, was ich weiß."

Als Abschluss für seine Fachtagung nutzte das Team der "Euthanasie"-Gedenkstätte um Dr. Carola Rudnick die zentrale Gedenkfeier zum Volkstrauertag in Lüneburg.

Von Katharina Hartwig

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