Dienstag , 6. Dezember 2022
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Ermittler konnten Heike Werding auf Baltrum festnehmen. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft, wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. (Foto: be)
Ermittler konnten Heike Werding auf Baltrum festnehmen. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft, wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. (Foto: be)

Feldzug einer Reichsbürgerin gegen Logen, Vatikan und Tesla

Vor dem Staatsschutzsenat des Lüneburger Landgerichts kann man derzeit in die wirre Welt der Reichsbürger abtauchen. Die Angeklagte, Heike Werding, sieht dunkle Mächte am Werk. Beifall bekommt sie von ganz rechts.

Lüneburg. Familiennamen sind für sie "Sklavennamen". Sie lebt in einer eigenen Zeitrechnung. Und auch in einer ganz eigenen Welt. Für Heike Werding (61) war Kaiser Wilhelm II. ein Statthalter von Freimaurer-Logen, das Grundgesetz ist ihr nur eine "Besatzungsordnung", dem Vatikan untersteht das Patentrecht und sie warnt, dass "die Söhne Jakobs die Weltherrschaft" anstreben. Die gebürtige Lüneburgerin war Chefin der Reichsbürger-Vereinigung "Geeinte deutsche Völker und Stämme". Weil sie deren Verbot ignorierte, wie sie vor Gericht einräumte, ist sie nun Angeklagte.

"Inhaftierung als Werk von Logen und Adelshäusern"

Das verdanke sie Logenbrüdern und Adelshäusern, glaubt sie, die in der "Firma Germany" die Strippen zögen. Dem wollen sich Werding und ihre Anhänger entziehen, indem sie eine Art Schattenstaat errichten. 270 "Naturräume" hätten sich von der Bundesrepublik losgesagt und ihr unterstellt, brüstet sich Werding in einem Schreiben an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, in dem sie ihren Prozess als "genozidalen Akt" bezeichnet und die Entlassung und Inhaftierung, ausdrücklich aber nicht die standesrechtliche Erschießung sämtlicher beteiligter Juristen und auch von Ministerpräsident Stephan Weil fordert.

500 Namen in einer Adressliste

Etwa 200 Menschen hatten Geld ausgegeben, um Vorträge von Heike Werding zu hören oder "Lebendbeurkundungen", "Heimatkarten" oder "Inwohnerkarten" zu erhalten. Versehen mit eigenen Stempeln, die Dienstsiegeln ähneln. Die bizarre Welt der Reichsbürger findet ihre Echokammer im Internet, wo sich Gleichgesinnte mittels Suchmaschinen finden. Eine Adressliste führte 500 Namen auf.

Am zweiten Prozesstag fanden sich weniger Gleichgesinnte auf den Zuschauerbänken als noch zum Auftakt. Entsprechend ruhiger verlief er. "Volkskammer", hatte noch am ersten Prozesstag ein Zuhörer gerufen, als der Vorsitzende Richter Dr. Michael Herrmann langatmige Abschweifungen der Angeklagten unterband. Ein Störer hatte sogar eine Ordnungsstrafe von 300 Euro kassiert: Der Zwischenrufer war ein langjähriger NPD-Funktionär aus Löcknitz.

Richter: "Ermittlungen sind Antwort genug"

Reichsbürger und Rechtsradikale teilen den Wahn, wonach überall Verschwörer tätig sind. Freimaurer-Logen und Juden nannte auch Werding in dem Prozess. Anhänger der Weltreligionen sollten nach Ansicht der Anhänger der "Geeinten deutschen Völker und Stämme" in Deutschland keinen Grund kaufen dürfen. Sondern nur die stolzen Besitzer von "Lebendbeurkundungen".

Zig Behörden, Politiker und Gerichte bekamen Post von der Reichsbürgervereinigung, auch noch nach deren Verbot im Februar 2020. So stemmte sich Werding unter falscher Flagge gegen die Tesla-Fabrik in Brandenburg. Als "Sozietät Dr. Wonneberger", die sich in die Tradition altgermanischer Thing-Versammlungen stellte, wollte sie dem Autobauer die Baugenehmigung entziehen.

In der Regel blieben die wirren Pamphlete unbeantwortet. Was aus der Sicht der Angeklagten sowohl ihre falschen Stempel als auch ihre kruden Ansichten als echt bestätigte. Dem hielt Richter Herrmann entgegen: "Die Einleitung von Ermittlungen dürfte Antwort genug sein. Deutlicher kann eine Antwort nicht sein." Sätze, die Heike Werding sich von ihrem Pflichtverteidiger erklären lassen musste.

Von Joachim Zießler

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