Samstag , 3. Dezember 2022
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Guter Rat ist teuer: Auf der Bühne wie heute im Schauspiel "Drei Schwestern" als auch bei der Frage, ob und wie es weitergehen kann mit dem Theater Lüneburg. (Foto: Tamme/Theater)
Guter Rat ist teuer: Auf der Bühne wie heute im Schauspiel "Drei Schwestern" als auch bei der Frage, ob und wie es weitergehen kann mit dem Theater Lüneburg. (Foto: Tamme/Theater)

Berater sollen das Theater Lüneburg retten

Das Theater hat im Wirtschaftsplan 2022/23 ein finanzielles Loch von fast einer Millionen Euro stehen. Kann es gestopft werden? Wächst es weiter? Mit einer Beraterfirma will der Aufsichtsrat der Theater GmbH Lösungen für das Weiterbestehen des Theaters finden. Das wird kaum ohne Schmerzen abgehen.

Lüneburg. Die Zukunft des Theaters Lüneburg steht seit Längerem auf der Kippe. Daran können auch künstlerische Erfolge nichts ändern. Eine Insolvenz im Laufe des kommenden Jahres wird mittlerweile nicht mehr ausgeschlossen. Die wachsende finanzielle Lücke liegt nah bei einer Million Euro. Was tun? Der Aufsichtsrat der Theater GmbH erhofft sich von einer Beraterfirma Vorschläge, um wieder eine „stabile finanzielle Basis“ bilden zu können.

Das schnell wachsende finanzielle Loch wurde vor allem vom Land gerissen, das sich lange weigerte, Tariferhöhungen mitzutragen. Sie mussten von den kommunalen Trägern, also Landkreis und Stadt, allein geschultert werden. Landrat Jens Böther und Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch bekennen sich zum Theater, würdigen es als Standort- und „Persönlichkeitsfaktor“ für Lüneburg. „Klar ist: Wir als Träger möchten das Theater halten, doch dafür müssen wir die Finanzierung sichern“, erklären sie in einer Pressemitteilung. „Dauerhaft können wir als Träger alleine die Fehlbeträge nicht ausgleichen“, sagt Böther. Denn auch Hansestadt und Landkreis Lüneburg, so Böther, leiden unter klammen Kassen, rechnen mit zweistelligen Millionenbeträgen im Minus.

Schließung einer Sparte schon vor Jahren diskutiert

Corona und drastisch steigende Kosten vor allem im Energiebereich verschlimmern die Situation. Das Land sei seiner Verantwortung für die kommunale Kulturlandschaft bisher nicht ausreichend nachgekommen, sagt Böther. Die abgewählte SPD/CDU-Landesregierung hatte eine Stabilisierung der kommunalen Theater angekündigt, aber nicht realisiert. Rot-Grün verspricht einen anteiligen Wiedereinstieg bei kommenden Tariferhöhungen. Das wird begrüßt, ändert aber nichts am grundsätzlichen Problem.

Ein externes, mit Fragen der Kultur erfahrenes Beratungsunternehmen soll mit dem Blick von außen neue Perspektiven eröffnen, heißt es in einer Presseerklärung des Landkreises. Fragen sind zum Beispiel: Welche Stellschrauben können gedreht werden? Was hat bei anderen Kultureinrichtungen funktioniert? „Wir brauchen eine vernünftige, belastbare Diskussionsgrundlage“, sagt Landrat Böther. Der Beratungsauftrag soll, so die Politik zustimmt, bis zum Jahresende ausgeschrieben werden, damit im Sommer 2023 Ergebnisse vorliegen können. Darin sollen Zukunftsszenarien aufgezeigt werden. Die Kosten werden aus dem Theateretat beglichen werden müssen.

Es geht nicht darum, die Heizung ein Grad zu senken, die Kartenpreise einen Euro steigen zu lassen. Es dürfte um einen tieferen und womöglich schmerzhaften Schnitt gehen. Als Möglichkeit einer Theaterrettung wurde schon in früheren prekären Jahren die Schließung einer Sparte diskutiert. Wirtschaftlich lohnt sich das weder beim Schauspiel noch beim Ballett.

Es grummelt im Orchestergraben

Bleibt das seit Jahrzehnten zur DNA des Theaters zählende Musiktheater mit mehr als 35 Stellen im Orchester, dazu dem Chor mit etwa zehn Stellen. Bei den Solisten haben nur Ulrich Kratz und Karl Schneider langfristige Verträge, die beiden Sänger besitzen längst den Status „unkündbar“. Ulrich Kratz geht mit Ablauf der Spielzeit in Rente.

Es grummelt entsprechend im Orchestergraben. Mit kleinen Aktionen machen die Symphoniker auf sich aufmerksam. So kommen sie auch mal beim Premierenbeifall auf die Bühne, was bisher nicht üblich war, oder spielen spontan vor einer Kulturausschuss-Sitzung. Das Orchester aufzulösen ist kompliziert, kostspielig und langwierig. Das liegt an den Verträgen der Musiker. Ob die auch schon geäußerte Idee greift, das Orchester in anderer Form, finanziell losgelöst vom Theater-Etat, neu aufzustellen, das könnte eine Option sein. Bleibt nur die Frage: Wer zahlt? Die Berater werden all solche Fragen durchspielen. Sie werden wohl auch den Mut aufbringen müssen, unpopulär zu sein.

Von Hans-Martin Koch

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