Dienstag , 6. Dezember 2022
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Foto: t&w - Deutsch Evern Tiergarten - Deutsche Bahn Trasse Lüneburg Uelzen Hannover - Güterzug .

Ärger in Reppenstedt: Bahn plant Gleise mitten durchs Neubaugebiet

Ein Bahntrasse mitten durchs Neubaugebiet Schnellenberger Weg? Unwahrscheinlich, aber auf Papier so festgehalten: Die Bahn hat ihre aktuellen Trassenpläne zwischen Lüneburg und Reppenstedt vorgestellt und dabei offensichtlich eine Kita und ein Mehrfamilienhaus übersehen.

Reppenstedt. Post von der Gemeinde Reppenstedt erhalten in diesen Tagen die Bewerber für Grundstücke im Neubaugebiet Schnellenberger Weg. In einer E-Mail informiert sie Gemeindedirektor Steffen Gärtner über die Pläne der Deutschen Bahn.

Der Staatskonzern will sein Schienennetz im Norden ausbauen und entwickelt dazu auch eine neue Trasse parallel zur Bestandsstrecke Hamburg–Hannover um Lüneburg herum – eine von vier möglichen Varianten. Den Plänen zufolge verlaufen die Gleise mitten durch das Reppenstedter Neubaugebiet, "zwischen dem Grundstück für ein Mehrfamilienhaus und dem für unsere neue, kommunale Kindertagesstätte", sagt Gärtner kopfschüttelnd.

"Was geht, und was geht nicht?"

Reden will die Bahn über solche Planungsüberschneidungen in ihren kommunalen Planungswerkstätten. "Aktuell läuft die erste von drei Runden in den sechs betroffenen Landkreisen", sagt ein Sprecher für die Großprojekte der Deutschen Bahn.

In den Werkstätten solle auch die Frage beantwortet werden, "was geht, und was geht nicht?" Am vergangenen Dienstag haben die Akteure der Bahn im Landkreis Lüneburg Station gemacht.

Auch für notwendige Bauwerke liegen bereits Pläne vor

Auch Gärtner war dabei – und hat auf die abgeschlossene Planung des Neubaugebietes "Schnellenberger Weg" hingewiesen. Nicht zum ersten Mal. Bereits im April dieses Jahres hatte die Bahn erste Pläne für die Trassenführung vorgestellt.

Daraufhin hatte Reppenstedts Gemeindedirektor die Bahnskizze in die Pläne für das Neubaugebiet einarbeiten lassen und der Bahn geschickt – mit dem Hinweis, dass beide Planungen kollidieren. "Dennoch hat die Bahn ihre ursprünglichen Pläne weiter verfolgt, und das sehr detailliert bis hin zu Bauwerksplänen", sagt Gärtner.

Für Reppenstedts Gemeindedirektor, der zugleich Bürgermeister der Samtgemeinde Gellersen ist, steht fest: "Die Deutsche Bahn baut im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums weiter Luftschlösser, statt den Schienenausbau in der Region ernsthaft voranzutreiben." Eine neue Bahntrasse zwischen Lüneburg und Reppenstedt sei völlig unsinnig – allein wegen des Neubaugebietes. "Dort werden bereits im kommenden Jahr viele Menschen in ihren eigenen vier Wänden leben."

Bahn und Landkreis Lüneburg favorisieren Neubaustrecke an der Autobahn 7

Mit seiner Meinung steht Gärtner im Landkreis Lüneburg nicht alleine da. Ähnlich äußern sich andere Werkstatt-Teilnehmer wie Peter Rowohlt, Bürgermeister der Samtgemeinde Ilmenau. "Der Termin hat aus meiner Sicht einmal mehr unterstrichen, dass eine enge Umfahrung Lüneburgs inzwischen unmöglich geworden ist."

Wie Gärtner glaubt auch Rowohlt nicht, dass die vorgestellten Trassenvariante tatsächlich realisiert wird: "Wer zwischen den Zeilen lesen kann, hat diese Signale auch bei den Vertretern der Bahn vernehmen können."

Lediglich Neubau sei wirtschaftlich

Tatsächlich hatte Frank Limprecht, Leiter Großprojekte Regionalbereich Nord der DB Netz AG, ebenfalls am Dienstag für eine Neubaustrecke entlang der Autobahn 7 geworben. Bei der Podiumsdiskussion "Trassenstreit" in der Burg Seevetal in Hittfeld hatte er einem Bericht des Winsener Anzeigers zufolge vor 450 Besuchern erklärt, dass die Bahn weder den Ausbau der Bestandsstrecke, die sogenannte Alpha-E-Variante, noch den bestandsnahen Ausbau mit Ortsumfahrungen (optimiertes Alpha E) für umsetzbar halte.

Wirtschaftlich sei lediglich der Neubau. Gleichwohl würde die Bahn alle Varianten dem Bundestag als gleichwertig zur Entscheidung vorlegen.

Variantenvergleich soll Ende des Jahres fertig sein

Auch der Bahnsprecher für Großprojekte betont: "Wir sind nicht für oder gegen etwas. Wir bauen das, was entschieden wird." Und weiter: "Es wird keine Entscheidung geben, ohne dass die Region eingebunden wird." Derzeit liefen die Abstimmungsgespräche mit Bund und Land, wie diese Beteiligung aussehen könnte. Fest steht für den Sprecher schon jetzt: "Der Gesamtprozess geht nicht von heute auf morgen."

Bis Ende des Jahres vorliegen wird ihm zufolge aber der finale Variantenvergleich. Dargestellt sind darin der Bestandsausbau mit und ohne ortsnahe Umfahrungen sowie zwei Neubau-Varianten entlang der Autobahn 7.

Vier Varianten werden aktuell von der Bahn geprüft: Der Bestandausbau ohne (blau) und mit ortsnahen Umfahrungen (gelb) sowie zwei Neubautrassen entlang der A7 (violett und pink).

Die Entscheidung des Bundestages erwartet der Landkreis Lüneburg im Sommer 2023. Und: Stadt und Kreis favorisieren einen Streckenneubau entlang der A7. Doch mit dieser Haltung stehen die Lüneburger in der Region weitgehend allein. Das wurde am Dienstag auch bei der Podiumsdiskussion in Hittfeld deutlich. Neben dem Bahner Limprecht machte sich lediglich Martin Mützel vom Verkehrsclub Deutschland für die Neubau-Variante stark.

Landrat hält Raumordnungsverfahren für unverzichtbar

Hintergrund ist, dass sich die Teilnehmer des Dialogforums Nord bereits 2015 in Celle auf den Ausbau der Bestandsstrecke verständigt hatten. Einstimmig schloss sich später der niedersächsische Landtag dem Votum an. An dem Forum beteiligt waren Kommunen, Behörden und Bürgerinitiativen – gleichwohl gab es auch reichlich Kritik. Unter anderem, weil betroffene Gemeinden wie Deutsch Evern nicht zu den Teilnehmern zählten.

Lüneburgs Landrat Jens Böther würde zwar auch jede andere Streckenführung akzeptieren, "die in einem faktenbasierten, fachlich fundierten Verfahren zustande kommt". Dafür sei jedoch "ein Raumordnungsverfahren unverzichtbar".

Das aktuelle Vorgehen indes geht Reppenstedts Gemeindedirektor gewaltig gegen den Strich: "Der Bundestag muss diesem unsäglichen und realitätsfremden Planungsprozedere endlich den Stecker ziehen“, fordert Gärtner.

Von Malte Lühr

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