Dienstag , 6. Dezember 2022
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Lüneburgs Bürgerin des Jahres 2022, Marianne Temmesfeld, mit dem Sülfmeisterring. (Foto: t&w)
Lüneburgs Bürgerin des Jahres 2022, Marianne Temmesfeld, mit dem Sülfmeisterring. (Foto: t&w)

Marianne Temmesfeld ist Lüneburgs Bürgerin des Jahres

Sie schaut genau hin und bleibt auch dann skeptisch, wenn andere ihr versichern: "Es ist alles in Ordnung." Marianne Temmesfeld ist Sprecherin der Bürgerinitiative "Unser Wasser" und vom Lüneburger Bürgerverein zur Bürgerin des Jahres 2022 gekürt worden. Doch ihre Ziele hat die Rehlingerin noch lange nicht erreicht.

Lüneburg. Unbequem, sturköpfig und kämpferisch: Diese Eigenschaften beschreiben Lüneburgs Bürgerin des Jahres 2022 wohl am besten. "Sie ist eine Wadenbeißerin im besten Sinne", sagte Regisseur und Autor Daniel Harrich in seiner Laudatio am Samstag bei der Verleihung des Sülfmeisterrings durch den Bürgerverein Lüneburg an Marianne Temmesfeld in der Kronendiele. Monatelang hatten Harrich und sein Team im vergangenen Jahr die Lüneburger Bürgerinitiative "Unser Wasser" begleitet, deren Sprecherin Temmesfeld ist.

In der Dokumentation "Bis zum letzten Tropfen" hat der Filmemacher den Kampf der BI gegen die Pläne des Getränkeherstellers Coca Cola festgehalten, bei Gut Brockwinkel nahe Reppenstedt einen dritten Brunnen für die Produktion des Mineralwassers "Vio" zu errichten. Zwar wurden der Brunnen gebohrt und bei einem Testlauf Tausende Kubikmeter Grundwasser in einen nahen Bach abgeleitet, doch am Ende ließ Coca Cola Anfang des Jahres die Pläne fallen – aus wirtschaftlichen Gründen. Für Temmesfeld ist der Kampf damit jedoch noch nicht vorbei: "Sollten wir uns auf dem Ergebnis unseres Protestes ausruhen?", fragte die Allgemeinmedizinerin aus Rehlingen, die in wenigen Tagen ihren 68. Geburtstag feiert – und gab sich die Antwort gleich selbst: "Nein, denn das war nur der Auftakt."

Fokus künftig auch auf Landwirtschaft und private Haushalte

Einerseits sei der Brunnen für die Probebohrung noch nicht zurückgebaut, anderseits will die BI auch in Zukunft genau hinschauen, "wer wie viel Wasser nutzt und wie". Damit meint Temmesfeld Unternehmen, Landwirtschaft und private Haushalte gleichermaßen. Wer füllt seinen Pool und sprengt seinen Rasen mit wertvollem Grundwasser? Wer nutzt es zum Kühlen, bevor es ins Becken des Lüneburger Hafens abgeleitet wird? Wie verwenden es Landwirte als zweitgrößte Verbraucher? "Viele Fragen, viel zu recherchieren, viel zu tun", sagte Temmesfeld.

Dabei macht sie keinen Hehl daraus, dass diese Fragen nicht allen gefallen werden. "Bei Coca Cola gab es sehr schnell Zustimmung, aber die anderen Aspekte werden zum Teil unbequem für den Einzelnen. Und doch müssen wir aufklären und jeden bitten, mitzumachen."

Zuvor hatte bereits der Vorsitzende des Bürgervereins den aktuellen Stand kurz und knapp zusammengefasst: "Das Thema Grundwasser scheint in der Politik angekommen zu sein, der Kampf gegen den Konzern ist gewonnen, aber das Grundproblem bleibt", sagte Rüdiger Schulz.  Marianne Temmesfeld habe dieses Thema vorangetrieben "und sich damit um die Hansestadt Lüneburg verdient gemacht".

Gründung des Wasserforums Ausdruck eines neuen Bewusstseins

Für Harrich ist niemand besser geeignet, um nun Antworten auf die noch offenen Fragen zu erhalten. "Auf bravouröse Weise hast Du es geschafft, die Politik vor Dir herzutreiben, Behörden unter Druck zu setzen und Wissenschaftler aus ihrem Winterschlaf zu wecken." Auch bei Gegenwind sei Marianne Temmesfeld standhaft geblieben, habe nie aufgegeben. "Das zeichnet Dich aus. Alle haben größten Respekt vor Dir, auch diejenigen, denen Du auf die Füße getreten bist."

Mit einigen von ihnen sitzt die Rehlingerin seit Mittwoch im Vorstand des Wasserforums Lüneburg. Die Gründung des Vereins ist Ausdruck dessen, dass sich beim Thema Grundwasser im Laufe der vergangenen Monate ein neues Bewusstsein entwickelt hat. Sicher können sich die Mitglieder jedoch sein, dass Marianne Temmesfeld ihre Ziele auf altbewährte Weise für das Allgemeinwohl weiter verfolgen wird: unbequem, sturköpfig und kämpferisch.

Von Malte Lühr

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