Montag , 5. Dezember 2022
Anzeige
Henning Voss leitete den Abend. (Foto: t&w)
Henning Voss leitete den Abend. (Foto: t&w)

Brahms und Muhly: So war das November-Konzert in der St. Michaeliskirche

Zum Ende des Kirchenjahres präsentierte die Kantorei St. Michaelis unter Henning Voss das "Deutsche Requiem" von Brahms. Unterstützung gab es vom bekannten Ensemble Reflektor. Das Publikum kam auch in den Genuss einer Erstaufführung.

Lüneburg. Voll besetzt waren Mittelschiff und Seitenschiffe, als Kantor Henning Voss das Podium betrat. Er eröffnete das November-Konzert in der Michaeliskirche mit dem 2015 von dem US-Amerikaner Nico Muhly geschaffenen Liederzyklus „The Last Letter“, angekündigt als deutsche Erstaufführung.

Muhly, geboren 1981 in Vermont, Pianist und Komponist, dachte die fünf „Letters“ einem Solo-Bariton mit Klavierbegleitung zu. Alternativ sind aber auch Klavier, Oboe, Harfe und wenige Streicher einsetzbar.

Für jene Instrumentenauswahl aus dem an diesem Abend mit großem Orchester erschienenen Ensemble Reflektor hatte sich Voss entschieden, für eine Interpretation, die wunderbar geeignet war als Einstimmung auf das folgende Requiem von Johannes Brahms.

Aufgefundene Brieftexte vertont

Jedes der Lieder, deren englische Originaltexte im Programm mitzulesen waren, besitzt einen eigenen Charakter: Wiederholungen elegisch wirkender Tonfolgen und Motive verdeutlichen die Tatsache, dass die Schreiberin den Namen ihres Liebsten vergaß.

Dramatische, hektische bis resignierte „Jack“-Rufe zerhacken die Sätze einer Schreiberin, die von ihrer verlorenen Liebe wie besessen ist. Eine Ehefrau bittet klagend und bohrend um die Scheidung, Klavier, Streicher und Stimme evozieren ein Bild der Verwüstung, als klar wird, dass die Kinder ins Waisenhaus gehen sollen.

Beifall für feine Klänge

Fein und sehr gut verständlich deklamierend, mit schlankem, überaus nuanciert eingesetztem Bariton, deutete Matthias Vieweg die Gesänge.

Seiner bildstarken ausdrucksvollen Auslegung ebenbürtig, erweckte das kleine Instrumentalensemble die im Text schlummernden Gefühlswelten oder die durch Klangteppiche tiefer Streichertremoli, durch verklingende Klaviertöne oder Oboen- und Harfenmotive nachzuempfindende Atmosphäre dramatischer Wirrnisse und leerer Seelenlandschaften.

Für die intensiven Eindrücke dieses effektreichen Werkes von Nico Muhly dankte das Publikum mit zustimmendem Beifall.

In Hochform übernahm nun das gesamte Symphonieorchester des Ensemble Reflektor die anspruchsvolle Aufgabe, die Brahms‘ „Ein Deutsches Requiem“ bereithält. Die 1868 in Bremen uraufgeführte Totenmesse, orientiert sich an einer aus der Bibel stammenden Textauswahl, die von Trauer, aber vor allem auch von Trost und Vertrauen in Gott spricht. Liedästhetik des 19.Jahrhunderts, kammermusikalische Filigranarbeit und erweiterte Harmonik sowie transparente orchestrale Klangbreite prägen die Musik von Brahms’ einzigartigem Requiem.

Konzentriert und animierend zugleich

Henning Voss dirigierte wie gewohnt konzentriert und animierend, ließ das sensibel agierende Orchester und die bestens intonierende, auf jedes dynamische Zeichen reagierende große Michaeliskantorei romantisch bewegt musizieren, stets um plausible Textauslegung besorgt. Die dynamische Bandbreite umspannte leisestes Pianissimo und stärkstes Fortissimo, lyrische Klangschönheit verband sich mit dramatischen Steigerungen.

Nicht zuletzt trugen die Soli von Bariton Matthias Vieweg sowie der Sopranistin Sabine Schneider zu einer rundum gelungenen Aufführung bei, die stellenweise und insgesamt wohl kaum ein Auge trocken ließ.

Sabine Schneiders makellose, zutiefst anrührende, von innigem Gefühl zeugende Interpretation des Abschnittes „Ihr habt nun Traurigkeit“ wird wohl unvergessen bleiben. Unvergessen ergreifend, wie das gesamte Konzert. Am Ende langer Applaus, unterstützt von Bravorufen und Fußgetrappel.

Von Antje Amoneit

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.