Dienstag , 6. Dezember 2022
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Zuzana Valickova hält einen Lebensmittelgutschein vor einem Lidl in die Kamera.
Zuzana Valickova von der Arbeiterwohlfahrt präsentiert einen Lebensmittelgutschein des "Guten Nachbarn". (Foto: t&w)

Dieser Lidl akzeptiert Lebensmittelgutscheine nicht mehr

Wenn das Geld nicht reicht: Lebensmittelgutscheine sollen Menschen in Not helfen. Nun akzeptiert ein Lidl in Lüneburg bestimmte Lebensmittelgutscheine nicht mehr. Evangelische Kirche und Wohlfahrtsverbände sind auf der Zinne.

Lüneburg. "Vorfreuden im Advent", "Entspannte Weihnachtszeit" – wenn Holger Hennig die aktuellen Slogans der Lidl-Werbung sieht, "wird mir bei der falschen Rührseligkeit übel". Hennig, in der Diakonie für die Kirchenkreissozialarbeit in der Region zuständig, wurmt, dass ausgerechnet die Lidl-Filiale in Kaltenmoor die Lebensmittelgutscheine nicht mehr annimmt, die der "Gute Nachbar" oder die örtliche Kirchengemeinde St. Stephanus ausgeben.

Die Inflation erhöht die Zahl der Menschen, die nur eine Mahlzeit vom Hunger entfernt sind. "Da ist etwa eine sechsköpfige Familie mit vier Kindern, der wir vom Guten Nachbarn aus regelmäßig helfen."

Lebensmittelgutscheine lindern Not schnell und unbürokratisch, wie es der "Gute Nachbar", die Spendenaktion der Landeszeitung sowie der Verbände der freien Wohlfahrtspflege anstrebt.

Lebensmittelgutscheine in der Hand – Kopfschütteln an der Kasse

Für viele Menschen ist es schon demütigend genug, an der Kasse eines Lebensmitteldiscounters einen Lebensmittelgutschein statt das leere Portemonnaie zu zücken, weiß Pastor Andreas Stolze von der St.-Stephanus-Gemeinde in Kaltenmoor.

"Umso fataler, wenn Ratsuchende abgewiesen werden, wie damals im Juni 2022." Wenn sie ihre gefüllten Einkaufswagen zurückstellen müssen; wenn sich die sicher geglaubte Mahlzeit vorerst in Nichts auflöst.

"Bei Penny und Edeka ist die Ausgabe von Lebensmitteln zum Glück unproblematisch", sagt Hennig. Irritierend finden sowohl er als auch Pastor Stolze, dass die Kaltenmoorer Lidl-Filiale aber weiter die Lebensmittelgutscheine des Jobcenters akzeptiert.

Bisher war es so, dass die Gemeinde oder der "Gute Nachbar" Lebensmittelgutscheine über bestimmte Summen ausstellten, Bedürftige damit einkauften und der Konzern anschließend bei Kirche oder Wohlfahrtsverbänden abrechnete.

Drei Fragen zu den Lebensmittelgutscheinen 

Andreas Stolze fragte im Sommer sofort in der Rechnungsabteilung des Kirchenkreisamtes nach, ob vielleicht noch Rechnungen für Lidl offen seien – "das war nicht der Fall. Also fragte ich bei der Lidl-Filiale und anschließend in der Firmenzentrale in Bad Wimpfen nach." Die Antwort kam per Mail: Dies sei "eine Entscheidung der Konzernzentrale" – ohne weitere Begründung.

"Sie müssen eine Mail schreiben. Es gibt keine Telefonnummer." – Lidl

Die hätte die LZ nun gerne erfahren. Eine kurze Internetrecherche erbrachte zwar eine E-Mail-Adresse der Lidl-Presseabteilung, aber keine Telefonnummer. Lediglich auf einer Pressemitteilung stand eine Nummer – die aber ins Leere lief. Anruf bei der Schwarz-Gruppe in Neckarsulm, zu der Lidl und Kaufland gehören.

Die Auskunft: "Sie müssen eine Mail schreiben. Es gibt keine Telefonnummer."

Rückfrage: "Eine Presseabteilung, die keinen Telefonanschluss hat?"

Antwort: "Ich rufe Sie gleich zurück." Der Anruf kam prompt: "Es gibt doch eine Telefonnummer." Ruft man diese allerdings an, erhält man vom Band die Info, dass man eine Mail schreiben soll.

Drei Fragen erreichten also am Donnerstagmittag die Lidl-Presseabteilung: "1) Warum akzeptieren Sie diese Gutscheine nicht mehr wie noch in den Jahren zuvor? 2) Warum aber noch Gutscheine des Jobcenters? 3) Ist angesichts der zunehmenden Not Bedürftiger denkbar, dass sie derartige Lebensmittelgutscheine wieder akzeptieren?"

Reaktionen – trotz zweifachen Nachhakens am Freitag und am Montagmorgen – bis zum Montagabend: keine.

Andere Lidl-Filialen akzeptieren die Gutscheine

Also kann über die Beweggründe des Lebensmittel-Discounters nur spekuliert werden. War vielleicht der bürokratische Aufwand für wenige Lebensmittelgutscheine zu hoch? Das glaubt Holger Hennig nicht: "Wir geben pro Jahr geschätzt 1000 derartige Gutscheine aus."

Wie reagieren die Betroffenen? Zuzana Valickova von der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die ebenfalls am "Guten Nachbarn" beteiligt ist: "Sie finden sich damit ab, aber das Unverständnis über die Entscheidung ist groß."

Unverständlich finden sie und auch Holger Hennig, dass andere Lidl-Filialen die Lebensmittelgutscheine der St.-Stephanus-Gemeinde und des "Guten Nachbarn" weiter akzeptieren. Valickova: "Erst letzte Woche hatte ich eine entsprechende Abrechnung."

Von Joachim Zießler

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