Montag , 5. Dezember 2022
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Ausbau der Bestandsstrecke Hamburg-Hannover (hier bei Bardowick) mit und ohne Ortsumfahrungen sowie ein Trassenneubau an der Autobahn 7: Diese Varianten werden aktuell von der Bahn untersucht.
Ausbau der Bestandsstrecke Hamburg-Hannover (hier bei Bardowick) mit und ohne Ortsumfahrungen sowie ein Trassenneubau an der Autobahn 7: Diese Varianten werden aktuell von der Bahn untersucht. (Foto: t&w)

Trassen-Pläne stiften Verwirrung

Bis ins Detail lässt die Bahn aktuell vier Varianten für den Ausbau des Schienennetzes im Norden untersuchen, unter anderem eine ortsnahe Umfahrung zwischen Lüneburg und Reppenstedt. Am Ende wird nur eine Trasse gebaut. Doch welche? Die Diskussion darüber verunsichert viele Bürger. Ein Blick auf Reaktionen und Spekulationen.

Reppenstedt. Seit Jahrzehnten will die Deutsche Bahn ihr Schienennetz im Norden ausbauen. Doch egal, wo was geplant wird: Überall regt sich Widerstand. Aktuell werden für die Strecke Hamburg-Hannover folgende Optionen geprüft: der Ausbau im Bestand, der Ausbau im Bestand mit Ortsumfahrungen sowie eine Neubautrasse entlang der Autobahn 7 in zwei Varianten. Für alle Optionen erstellt die Bahn detaillierte Planungen – so als würden sie umgesetzt. Doch am Ende soll nur eine realisiert werden. Das bietet einerseits Raum für viele Spekulationen, und stiftet andererseits Verwirrung. Schwer zu sagen, woran wer nun ist.

Viele Reaktionen von LZ-Lesern

In einer kommunalen Planungswerkstatt hat die Bahn in der vergangenen Woche die Pläne für den Bestandsausbau mit Ortsumfahrungen im Landkreis Lüneburg vorgestellt. "Gleisbau durchs Neubaugebiet?" titelte die LZ mit Blick auf den Trassenverlauf zwischen Lüneburg und Reppenstedt. In der Folge erreichten die Redaktion E-Mails mit Reaktionen – wie so oft bei Themen, die polarisieren. Um zu verdeutlichen, wie weit die Bewertungen beim Thema Bahn auseinandergehen, hat die LZ zwei E-Mails herausgegriffen. Beide Autoren stammen aus Reppenstedt, beide sind in den Planungsprozess als Beobachter eingebunden: Christian Purps ist Mitglied der SPD und ehrenamtlicher Bürgermeister, Hans-Christian Friedrichs Vorsitzender des Regionalverbandes Elbe-Heide im Verkehrsclub Deutschland (VCD) sowie Schatzmeister im VCD-Landesverband.

Bürgermeister beklagt Ignoranz der Bahn

Purps findet deutliche Worte zu den vorgestellten Plänen: "Mit größter Ernsthaftigkeit wurde bis ins fast letzte Detail eine Planung vorgestellt, die so abwegig ist, dass man zwischen Entsetzen und Unglauben hin- und hergerissen wurde. Tunnel und Brücken unter und über Kulturgütern wie der Landwehr, Gleise durch Wald-, Wohn- und Naturschutzgebiete. Alles soll angeblich machbar sein." Der Gemeinderat habe bereits im März 2021 in einer Resolution scharf gegen die skizzierte Bahntrasse protestiert und dabei auch auf das im Entstehen begriffene Neubaugebiet verwiesen. "Die demonstrative Ignoranz gegenüber unseren Flächennutzungsabsichten ist wirklich unerträglich", schreibt Purps und weiter: "Es findet eine Verunsicherung von Bürgerinnen und Bürgern statt, die durch nichts zu rechtfertigen ist." Möglicherweise handele es sich ja auch um eine Streichvariante, "aber das diese Strecke mitten durch ein Neubaugebiet überhaupt weiterverfolgt wird, entbehrt jeder Logik".

Ganz anders bewertet Friedrichs das Vorgehen der Bahn – und kommt doch zum selben Ergebnis wie Purps: Die Trasse zwischen Lüneburg und Reppenstedt ist eine Streichvariante. "Es läuft doch gut", schreibt der VCD-Vorsitzende. "Die DB macht ihren Job und plant vier mögliche Varianten, darunter auch den Ausbau der Bestandsstrecke und dasselbe mit Ortsumfahrungen, alles gemäß Alpha E (siehe Info-Box, die Red.)." Das müsse die Bahn auch, um sich nicht permanent den Vorwürfen der Alpha-E-Befürworter ausgesetzt zu sehen. Diese betrachteten den Ausbau der Bestandsstrecke als ungenügend untersucht – "aus ideologischen Gründen", wie Friedrichs meint.

Provokante Trassenplanung für Verkehrsclub nachvollziehbar

Am Ergebnis des Variantenvergleichs hat er keinen Zweifel: "Wir alle wissen, dass dieses Vorgehen der DB bezüglich der Bestandsstrecke und der Ortsumfahrungen eigentlich überflüssig ist und viel Zeit und Geld kostet. Da aber letztlich der Bundestag über die umzusetzende Variante entscheidet und nicht die Deutsche Bahn, ist eine provokative Trassenplanung mitten durch ein Neubaugebiet dennoch strategisch nachvollziehbar." Deutlich gemacht werden müsse, dass eine Bahntrasse zwischen Wohnhäusern und Kindergarten gar nicht gehe, "dass sie zudem viel zu teuer und damit unwirtschaftlich wäre".

Das bestätigt auch die Bahn. "Beim Blick auf die Zahlen ist nur der Trassenneubau an der A7 wirtschaftlich", sagte ein Sprecher gegenüber der LZ. "Bei der Entscheidung spielen jedoch noch viele andere Faktoren eine Rolle." Die Bahn setzte am Ende die Variante um, die der Bundestag beschließt.

Streichvariante Reppenstedt? Wahrscheinlich, aber...

Doch ist die Trassenführung zwischen Lüneburg und Reppenstedt nun tatsächlich eine Streichvariante? Vieles spricht dafür, doch sind drei Dinge zu bedenken:

  1. Der Landesregierung steht weiter hinter dem Ausbau der Bestandsstrecke.
  2. Stadt und Landkreis Lüneburg befürworten zwar den Trassenneubau an der Autobahn 7, stehen aber mit dieser Meinung in der Region weitergehend alleine da.
  3. Die Entscheidung fällt in Berlin. Etliche Akteure im Kreis Lüneburg fürchten deshalb, dass die Abgeordneten in der fernen Bundeshauptstadt für den Ausbau der Bestandsstrecke stimmen, wenn es denn der im Beschluss des Dialogforums dokumentierte Wille der Region ist.

Der Fahrplan: Bis Ende des Jahres will die Bahn den Variantenvergleich vorlegen, im Sommer 2023 könnte der Bundestag entscheiden. Da die Bahn jedoch zugesagt hat, zuvor einen brei angelegten Beteiligungsprozess zu starten, scheint der Zeitpunkt für den Beschluss ambitioniert.

Fazit: "Wenn die Planer darstellen wollten, was nicht geht, ist ihnen das Gelungen", um ein Zitat von Lüneburgs Landrat Jens Böther vom März 2021 aufzugreifen. Sicher: Durch ein Neubaugebiet wird die künftige Bahntrasse kaum führen. Sicher ist aber auch: Eine Neubautrasse an der Autobahn 7 ist noch lange nicht beschlossen. Die Bahn wird sich voraussichtlich noch weiter am Ausbau der Bestandsstrecke abarbeiten müssen. Überraschungen sind nicht ausgeschlossen.

Zur Sache

Alpha-E-Variante

Alpha E bezeichnet eine Variante, die mehrheitlich vom Dialogforum Schiene Nord 2015 favorisiert worden und 2016 vom Landtag einstimmig beschlossen worden ist. Skizziert wird in dieser Variante der Ausbau der Bestandsstrecke. Am Forum beteiligt waren neben Vertretern der Bahn, beteiligte Ministerien und Behörden sowie betroffene Kommunen und Bürgerinitiativen. Das Forum und seine Beschlüsse sind jedoch umstritten. Auch, weil betroffene Gemeinden wie Deutsch Evern nicht daran beteiligt waren.

Von Malte Lühr

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