Dienstag , 6. Dezember 2022
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Reichsbürgerin Heike Werding neben ihrem Pflichtverteidiger Dr. Norbert Lösing, dem sie das Recht absprach, sie zu verteidigen. Foto: be
Reichsbürgerin Heike Werding neben ihrem Pflichtverteidiger Dr. Norbert Lösing, dem sie das Recht absprach, sie zu verteidigen. (Foto: be)

Reichsbürgerin in Lüneburg bekommt dreieinhalb Jahre Haft

In 200 Orten errichteten ihre Anhänger einen Schattenstaat: Reichsbürgerin Heike Werding hetzte gegen die "Firma Germany", ignorierte ein Verbot ihrer Gruppe. Der Prozess gegen die "unfassbar gefährliche Frau" endete mit einem deutlichen Urteil.

Lüneburg. "Sie wähnt sich in einer ganz eigenen Realität." Worte von Pflichtverteidiger Dr. Norbert Lösing über seine Mandantin, die Reichsbürgerin Heike Werding (61). In ihrer eigenen Realität ist die Bundesrepublik nur eine Firma, hat das Landgericht Lüneburg kein Recht, über sie zur urteilen. Der dritte Verhandlungstag brachte nun einen Realitätsschock für sie. Der Staatsschutzsenat verurteilte die Chefin der verbotenen "Geeinten deutschen Völker und Stämme" unter anderem als Volksverhetzerin am Dienstag zu dreieinhalb Jahren Haft.

Mit Söldnern gegen Nicht-Deutsche

Wer ist die Frau, die von ihrer Tochter (35) als "unglaublich liebevolle", aber von Staatsanwältin W. B. als "unfassbar gefährliche" Frau dargestellt wurde? Eine Frau, die einen obdachlosen Jungen aufgenommen hatte, aber Menschen, die nicht auf fünf "deutschstämmige Generationen" zurückblicken können, mithilfe von Söldnern von ihrem Besitz vertreiben und zwangsumsiedeln will. Eine Frau, die sich als "Anwältin Dr. Ingeborg Wonneberger" ausgab, weil die Verstorbene ihr dies erlaubt habe und "Personen ja noch 30 Jahre nach dem Versterben am Markt sind".

Von sich selbst sagt die in Lüneburg Geborene: „Ich bin bei der BRD nicht angemeldet, weil ich mit der Firma keine Verträge mache.“ Vor Gericht stellte sie sich als "absolut gewaltfrei" dar, "ich trenne mich sogar von Menschen, die dies nicht sind." Dennoch schickte die Chefin der verbotenen Reichsbürger-Vereinigung noch aus der Untersuchungshaft ein Schreiben an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, in dem sie diesem eröffnete, dass er und seine Sippe nunmehr vogelfreie Sklaven seien. In einem Brief an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zeigte sie sich gnädig, ordnete für Ministerpräsident Stephan Weil sowie alle mit ihrem Fall befassten Juristen lebenslange Haft statt der aus ihrer Sicht eigentlich angemessenen "standrechtlichen Erschießung" an. Bei einer Razzia im März 2020 hatten Ermittler in den Wohnungen von 21 führenden Vereinsmitgliedern in zehn Bundesländern Schuss-, Stich- und Schlagwaffen gefunden.

Weltbild der Mutter war in der Familie tabu

Tochter Susanne P. berichtete, dass ihre Mutter "aufopferungsvoll vier Kinder alleine großgezogen" habe. Zucker hätten sie über Jahre nicht bekommen. "Damals wurde meine Mutter dafür belächelt, heute ist klar: Sie war visionär". Den aktuellen Visionen ihrer Mutter wollte sie nicht folgen: "Ich habe einen Personalausweis, meine Kinder sind gemeldet." Ihre Mutter sei schleichend politisiert worden. Zunächst gründete sie eine lokale Währung im Osnabrücker Raum. Später versuchte sie sich an einem Schattenstaat, gab eigene Dokumente an ihre Anhänger aus: „Lebendbeurkundungen“ für 500 Euro oder "Inwohnerausweise". "Jüdische, Osmanische und Freimaurer-Orden" hätten nach ihrer Ansicht kein Recht, hier Grund zu erwerben. Aus Regionen unter ihrer Kontrolle sollten Anhänger dieser Religionen innerhalb von 90 Tagen verschwinden.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Dr. Michael Herrmann, ob sie ihre Mutter für "psychisch auffällig" halte, antwortete die Tochter mit "Ja". "Ihre Projekte wurden in der Familie ausgeklammert, weil ich ihre Weltanschauung nicht teile." Die Tiraden der Mutter auf Telegram oder Youtube habe sie nicht gesehen.

Antisemitische Hetze

Ermittler schon. In der Folge verbot der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer am 14. Februar 2020 die Gruppe. Doch Heike Werding, die "Spinne im Netz" dieser Staatsfeinde, wie Anklägerin B. sie nannte, dachte nicht daran, auf die "Firma Germany" zu hören. Auf Telegram stachelte sie ihre 2000 Follower mit den Worten an: "Kein Eigentum für Juden. Eine Enteignung nicht grundrechtsfähiger Personen beginnt". Drei Jahre und sechs Monate Haft forderte die Staatsanwältin. Wegen fehlender Einsicht in das eigene Unrecht sei künftig keine Straffreiheit zu erwarten.

Für Verteidiger Lösing "birgt die Realität meiner Mandantin schizophrene Züge". Eine Einschätzung, die durch das 18-minütige Schlusswort der Angeklagten bekräftigt wurde, in der sie dem "Handelskonzern hoheitliche Rechte" absprach.

"Brandgefährlich"

"Sie wollten es amtlich haben", begann Richter Herrmann seine Urteilsbegründung, "jetzt haben Sie es amtlich – und zwar in voller Härte". "Brandgefährlich" sei das "Gift", das Heike Werding verspritzt habe. Dass diese selbst glaube, nur das Gute zu wollen, habe sie mit Robespierre, Lenin und Goebbels gemein, betonte Herrmann. "Aber unsere Verfassung hat nicht mehr die Geburtsfehler von Weimar. Wir sind eine wehrhafte Demokratie."

So oft Heike Werding während der Verhandlung aufbegehrt hatte, so ruhig blieb sie während der Urteilsbegründung. Lediglich eine leichte Röte überzog ihr Gesicht.

Dass sie sich weiter im Recht wähnt und von späterer Abrechnung träumt, zeigte ihre Frage an den Ermittler, der sie auf Baltrum festgenommen hatte: "Haben Sie eine private Haftpflichtversicherung?"

Von Joachim Zießler